bedeckt München
vgwortpixel

SZ-Serie "Geheimnis":Das Geisterschiff 

Die driftende Morro Castle am Morgen des Feuers

Die driftende Morro Castle am Morgen des Feuers: Brände sind eine häufige Ursache für Schiffsunglücke.

(Foto: gemeinfrei)

Auf der "Ourang Medan" kam 1947 die gesamte Besatzung auf offener See qualvoll ums Leben. Was war passiert?

Schenkt man den Quellen Glauben, dann muss es schrecklich gewesen sein, was die Matrosen des zu Hilfe gerufenen Dampfers Silver Star Ende der Vierzigerjahre zu Gesicht bekamen, als sie die SS Ourang Medan betraten. Überall, auf und unter Deck des niederländischen Schiffes, fanden sie Tote. Äußerlich unverletzt lagen sie alle mit weit aufgerissenen Augen und Mündern auf dem Rücken, die Leiber erstarrt, die Hände wie zur Abwehr von sich gestreckt.

Doch viel Zeit blieb den Männern nicht, den mysteriösen Ort genauer zu untersuchen, zu dem sie einen Tag zuvor per Morsecode gerufen worden waren: "SOS von Ourang Medan ... wir treiben. Alle Offiziere, darunter der Kapitän, tot im Kartenraum und auf der Brücke ... Ich sterbe." Während die Helfer das Grauen betrachteten, brach im Lagerraum plötzlich Feuer aus, das mehrere Explosionen verursachte. Die Crew der Silver Star konnte sich zurück auf ihr Schiff retten. Aber die Ourang Medan verbrannte und sank in die Tiefe. Und damit ihr tödliches Geheimnis.

Die ungeklärten Vorkommnisse auf dem Dampfschiff in der Straße von Malakka gelten bis heute als eines der größten Schifffahrtsmysterien des 20. Jahrhunderts. Was steckt dahinter? Es kursieren mehrere Theorien, was passiert sein könnte: Von einer Blausäurevergiftung ist die Rede, von einem chemischen Kampfstoff und nicht zuletzt von einem extraterrestrischen Angriff. Oder ist die ganze Geschichte am Ende nur erstunken und erlogen? Seemannsgarn, gesponnen von gelangweilten Matrosen für gelangweilte Matrosen, aus dem sich im Laufe der Zeit eine maritime Legende entwickelte?

Das Wrack wurde nie gefunden.

Es wäre nicht auszuschließen. Schon bei der Datierung sind sich die wenigen vorhandenen Quellen uneins. 1952 erschien in der US-Fachzeitschrift Proceedings of the Merchant Marine Council ein Artikel über den Fall, dem auch das Zitat über das SOS-Signal entnommen ist. Laut diesem Bericht ereignete sich das Unglück im Februar 1948. Otto Mielke hingegen, ein deutscher Autor von Schiffsabenteuern mit zweifelhaftem Ruf, der während des Zweiten Weltkriegs bei der Kriegsmarine diente, verlegt die Geschichte zwei Jahre später in "Dampfer Ourang Medan. Das Totenschiff in der Südsee" in den Juni 1947. Mielke dürfte seine Informationen wiederum einer dreiteiligen Serie der niederländisch-indonesischen Zeitung De Locomotief entnommen haben, die bereits im Februar und März 1948 über die Ereignisse berichtet hatte.

Wer nun recht hat, lässt sich nicht sagen. Nachforschungen von Historikern haben ergeben, dass bis heute kein Schiff mit dem Namen Ourang Medan je in einem Schiffsregister aufgetaucht ist. Auch fanden sich in den Akten der Silver Star weder Notizen zur spektakulären Rettungsfahrt; noch wurden Statements von Matrosen überliefert, die damals dabei waren, was noch merkwürdiger anmutet. Zuletzt: Das Wrack wurde nie gefunden. Beziehungsweise, es wurde wohl nie nach ihm gesucht. Es könnte also durchaus sein, dass die SS Ourang Medan reine Fiktion ist. Ein Geisterschiff, dessen Geschichte immerhin so geheimnisumwittert ist, dass es dem Videospiel "The Dark Pictures: Man of Medan" als willkommene Gruselvorlage diente.

Andererseits gibt es mit Jerry Rabbit, Zweiter Offizier der Ourang Medan, angeblich doch einen Augenzeugen, der kurz vor seinem Tod über das grauenhafte Geschehen Auskunft gab. Jedenfalls, wenn man Mielke folgt. Danach floh Rabbit, der in Shanghai angeheuert wurde, ohne dass er irgendwelche Papiere hätte vorzeigen müssen, mit sechs weiteren Seeleuten in einem Beiboot, nachdem es im Maschinenraum den ersten Toten gegeben hatte.

Außerdem soll er zuvor bei der Kontrolle der Schiffspapiere entdeckt haben, dass die Ourang Medan Tausende von Kisten mit Schwefelsäure, Zyankali und Nitroglyzerin als Schmuggelware geladen hatte. Drei Wochen nach der Flucht landete Rabbit mit dem Beiboot auf der Insel Taongi. Er hatte die Überfahrt als einziger überlebt, die anderen waren an Erschöpfung gestorben. Auch Rabbit blieb nicht mehr viel Zeit, um seine spektakuläre Geschichte zu erzählen, ehe er selbst entkräftet starb.

Tödliche Mischung aus Meersalz und Chemikalien

Für alle, die keinen Zweifel an der Existenz der Ourang Medan hegen, liefert der angebliche Bericht einen Hinweis, wenn nicht gar eine schlüssige Erklärung auf die Frage, was damals an Bord passiert sein könnte. Demnach ist Salzwasser in den Laderaum eingedrungen und könnte mit der giftigen Fracht, die möglicherweise undicht war, eine tödliche Mischung eingegangen sein - manche sprechen von Blausäuredämpfen.

Andere wie der Historiker Roy Bainton gehen noch weiter und vermuten die Ladung eines chemischen Kampfstoffes aus einem japanischen Forschungslabor, der berüchtigten Unit 731. Diese schreckte seit der Gründung 1932 auch vor Experimenten an Menschen nicht zurück. War die Fracht für eine der Weltmächte nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmt, transportiert von einem alten Dampfer als perfekter Tarnung? Eine Theorie, die das Herz jedes Verschwörungstheoretikers höher schlagen lässt. Und den Widerspruch jener hervorrufen dürfte, die außerirdische Mächte oder Geister im Spiel sehen.

Da mutet die These, eine Kohlenmonoxidvergiftung, ausgelöst etwa durch einen Schwelbrand, sei die Ursache für die Todesfälle, fast wieder zu normal an. Vor allem erklärt sie nicht, warum auch die Seeleute auf Deck daran gestorben sein sollten. Also doch alles Legende? Schon die erwähnte Serie in De Locomotief kam zu dem Schluss: "Es ist naheliegend, dass die ganze Geschichte erfunden, eine faszinierende ,Romanze' ist."