SZ-Liebesgeschichte Kuss im Wasser

Ernst war 21, Single und, so dachte er, hetero. Dann ging er zum Baden an den See, traf Werner, der "zuckersüß" lächelte, und kurz darauf stand sein Leben kopf.

Von Maximilian Kranl

Einmal im Jahr steht bei den Mehlems eine alte, eingestaubte Cola-Dose festlich auf dem Esstisch. Daneben eine Flasche Rotwein und ein paar Kerzen - die Mehlems haben Jahrestag. Oft sind es kleine Dinge, mit denen Menschen die große Liebe verbinden. Für Werner Janik-Mehlem und Ernst Mehlem reicht die alte Dose, die sonst ihren Stammplatz im Wohnzimmer hat. Sie erinnert die Männer an ihr Kennenlernen vor bald 41 Jahren. Die Dose wurde damals schon geleert, doch für das Paar aus der Nähe von Bonn ist sie bis heute ein Symbol ihrer Liebe. Werner, 67, Verwaltungsangestellter im Ruhestand, und Ernst, 62, Postzusteller, waren eines der ersten homosexuellen Paare in Deutschland, das am ersten Tag der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft 2001 direkt nach Köln ins Standesamt zum Regierungspräsidenten marschierte. Da waren sie schon seit 26 Jahren zusammen.

Dafür, dass Homosexuelle in den Achtzigerjahren noch lange nicht überall Freunde hatten, ist die Liebesgeschichte von Werner und Ernst erstaunlich einfach erzählt. Ein heißer Sommernachmittag im August 1975 lockte Ernst, damals zarte 21, seit Jahren Single und, wie er dachte, hetero, zum Schwimmen an den Dornheckensee. Nach einer Abkühlung stieg er aus dem Wasser - und es packte ihn. Da saßen drei junge Männer auf einem Felsen, die ihn "zuckersüß" anlächelten. Ernst nahm all seinen Mut zusammen und setzte sich dazu, direkt neben Werner. Die beiden schwammen zusammen raus, und da kam es auch schon zum ersten Kuss - "innig und einfach schön", schwärmt Werner heute noch. Bei dem Kuss sollte es an jenem Sommertag nicht bleiben. "Ich habe mir in dem Moment gar nicht klargemacht, dass das ja ein Mann ist. Ich wusste nur, dass er mit seinen langen Haaren für mich aussah wie Pierre Brice als Winnetou", erinnert sich Ernst. Richtig realisiert hat er das erst später auf dem Heimweg: "Da wusste ich, dass ich wohl schwul bin und auch dazu stehen muss." Hier kommt nun die Cola-Dose ins Spiel. Ernst gab sie Werner damals mit auf den Heimweg, als Erfrischung. Und Werner hob sie auf. Später, bei den gemeinsamen Umzügen, wurde das Relikt dieses folgenreichen Sommertags nicht einfach arglos in irgendeine Kiste gestopft, sondern sorgsam per Hand in die neue Wohnung gebracht.

Mit ihrer Liebe erlebten die beiden anfangs, was viele homosexuelle Paare damals erlebten und mitunter noch heute erleben müssen: Ausgrenzung, mal mehr, mal weniger. Werner hatte drei Jahre vor dem ersten Treffen schon eine Schwulengruppe in Bonn gegründet. "Hitzige Diskussionen war ich gewohnt, aber man ist auf der Straße nicht totgeschlagen worden", erzählt er. Ernsts Eltern, beide im fortgeschrittenen Alter, haben von der Orientierung des Sohnes zwar früh erfahren. Akzeptieren wollten es die Katholiken aber eine ganze Weile nicht. Was tun? "Liebesentzug", sagt Ernst: Er brachte seine Eltern zur Einsicht, indem er zu Werner zog und sich nicht mehr meldete. Über Monate.

Werner ließ seinem fünf Jahre jüngeren Partner unterdessen jede Freiheit. "Er hat mich geradezu ermutigt, sexuellen Kontakt mit anderen Männern zu haben", sagt Ernst. "Ich glaube, wir wären heute nicht zusammen, wenn ich das damals nicht für ein paar Jahre hätte ausleben können." Denn je mehr er das tat, desto mehr merkte er, wie sehr er an Werner hing. Die zwei blieben ein Paar. Ein glückliches: Kinder nein, Dackel ja, und Heiraten - sobald es geht. "Die Hochzeit war der tollste Tag in unserem Leben, na ja, abgesehen von dem Tag, an dem wir uns kennengelernt haben", sagt Werner. Er verliebe sich auch heute noch immer wieder neu in seinen Partner. Das Symbol dafür steht, etwas kitschig, im Bücherregal. Kein Gedichtband, sondern die Cola-Dose.

Am 1. August ist bei den Mehlems wieder Jahrestag. Nummer 41. Dann hängen sie zwei Regenbogenfahnen vors Haus, denken nach vorn und zurück, stellen ihre alte Dose auf den Tisch und sind dankbar für einander.

In dieser Reihe erzählt das SZ-Panorama die Liebesgeschichten seiner Leser. Schreiben Sie uns eine E-Mail an liebesgeschichte@sz.de, oder per Post an Süddeutsche Zeitung, Panorama, Hultschiner Straße 8, 81677 München.