SZ-Kolumne "Bester Dinge":Zeitkapsel Friedhof

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(Foto: Catherina Hess)

Sie gehören zu den artenreichsten Flächen in der Stadt. Weltkriege und Industrialisierung haben manche Friedhöfe so unbeschadet überstanden, dass sie wie vor 150 Jahren bewachsen sind.

Von Alexander Menden

Wer schon ein, zwei Verwandte zu Grabe getragen hat, lernt, wenn er das nicht outsourct, mit der Zeit auch ein paar Grundregeln der Grabpflege. Eine ganz wichtige lautet: Rhododendren wuchern schlimmer als Unkraut, also bloß keinen der Oma auf die letzte Ruhestätte! Lieber Hornveilchen. Oder Vergissmeinnicht, die sind bunt, winterhart und symbolträchtig. Aber das alles macht Arbeit, vor allem, wenn der Schlauch nicht vom Wasseranschluss in die Ecke des Friedhofs reicht, in der die Anverwandten ruhen. Manche entscheiden sich daher gegen Gießkannenschleppen und für ein unbepflanztes Grab, bedeckt nur mit Kies, Glassteinen oder Kunstrasen. Pflegeleicht, aber so tot wie sein eingesargter Bewohner.

Dabei gehören Friedhöfe botanisch betrachtet zu den artenreichsten Flächen in der Stadt. Laut der Bochumer Botanikerin Corinne Buch sind sie sogar eine Art ökologische Zeitkapsel. Buch hat 138 Friedhöfe im westlichen Ruhrgebiet untersucht und dabei festgestellt, dass ihre Vegetation Weltkriege, Industrialisierung und Strukturwandel so unbeschadet überstanden hat, dass sie wie vor 150 Jahren bewachsen sind. Von den 2000 Pflanzenarten, die es in Nordrhein-Westfalen gibt, kommt gut ein Drittel auf Friedhöfen vor; 60 davon stehen auf der roten Liste gefährdeter Arten. Auf dem Friedhof Oberhausen-Sterkrade gibt es sogar eine Mini-Heidelandschaft.

Abwaschbare Steinkarrees sind also nicht nur ungemütlich, sondern auch artenunfreundlich. Selbst die Wendung "Den deckt der grüne Rasen" erweist sich als zu monokulturell. Im Idealfall muss es heißen: "Den decken Krokusse, Schneeglöckchen, Balkan-Windröschen und Einblütige Frühlingssterne." Nur, bitte, kein Rhododendron.

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