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SZ-Nacht in Berlin:Spargel statt Sülze

Bundeskanzlerin Angela Merkel und SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach (links) auf der SZ-Nacht in Berlin.

(Foto: Robert Haas)

1200 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur: "Die Nacht der Süddeutschen Zeitung" fand erstmals im alten Berliner Westen, in Schloss Charlottenburg, statt.

Als die preußischen Könige regierten, diente die Große Orangerie praktischen Zwecken: Im Winter bewahrte man hier Apfelsinen- und Zitronenbäume aus dem Schlosspark von Charlottenburg auf, im Sommer feierte man prächtige Feste. An diesem kühlen Frühlingsabend dient die Orangerie als Kulisse für die "Nacht der Süddeutschen Zeitung", die erstmals im alten Berliner Westen stattfindet, wie Chefredakteur Wolfgang Krach bei seiner Begrüßung betont - "in einer verstaatlichten Immobilie", die sich Preußen nach dem Untergang der Monarchie einverleibt habe. Ja, vor hundert Jahren war das etwas einfacher mit der Vergesellschaftung von Wohneigentum, auch ohne Kevin Kühnert.

Die Abendgesellschaft mit 1200 Gästen aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur zieht sich dann schön in die Länge - räumlich gesehen. Der schmale Trakt ist eine richtige Begegnungsmaschine, in der nichts verborgen bleibt. Erste Erkenntnis: Zwischen die Kanzlerin und die CDU-Chefin passt kein Blatt, Blazer an Blazer sitzen sie auf weißen Sesseln zusammen, genauso verlassen sie das Fest. "Schönes Bild", kommentiert Kulturstaatsministerin Monika Grütters die demonstrative Harmonie zwischen Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer.

SZ-Nacht in Berlin

Plausch und Schlagabtausch

Ob Merkel bis zum Ende ihrer Amtszeit 2021 als Kanzlerin weitermacht? Über diese Frage wird hier eifrig diskutiert. Schauspieler Ulrich Matthes, der gerade als Präsident der Filmakademie mit einem Aufruf gegen die Rechtspopulisten in Europa einen sehr politischen Auftritt beim Deutschen Filmpreis hatte, formuliert es so: "Ich hoffe, dass sie, wann und wie auch immer, eine elegante Übergabe der Macht hinbekommt, so wie beim Parteivorsitz auch."

Justizministerin Katarina Barley kommt gerade von einer Veranstaltung am Breitscheidplatz, wo sich die SPD-Spitzenkandidatin für die Europawahl empfahl. Warum sie aus freien Stücken ihr Berliner Ministeramt für einen Sitz im EU-Parlament aufgeben will, was bisher noch niemand vor ihr getan hat? "Jetzt ist die Zeit dafür, denn wenn wir nicht aufpassen, brennt's in Europa." Die Kandidatin hat ihren Lebensgefährten Marco van den Berg dabei, einen niederländischen Basketballtrainer. Die EU-Karriere hat also noch einen Vorteil: "Wir sind dann viel näher zusammen", freut sich Barley.

Vertrauenskrise? Welche Vertrauenskrise

Wo ist eigentlich die Vertrauenskrise, mit der die Berliner Politik angeblich ständig zu kämpfen hat? An diesem Abend spürt man nichts davon, dafür aber eine vertrauensvolle Nähe quer über Parteigrenzen. Claudia Roth von den Grünen unterhält sich mit Wolfgang Kubicki von der FDP auf so lebhafte Weise, dass man einen neuen Jamaika-Flirt vermuten könnte, wären die beiden nicht auch Vizepräsidenten des Bundestages. Aber auch CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn, der mit seiner Impfpflicht gerade wieder die Schlagzeilen beherrscht, ist nach allen Seiten offen und freut sich über so viel Resonanz, sogar bei einem Linken wie Dietmar Bartsch. Grünen-Chefin Annalena Baerbock, als eine der wenigen Gäste sommerlich drapiert, findet die lockere Atmosphäre erholsam: "Es ist ganz gut, sich nicht immer nur zum Schlagabtausch zu treffen, sondern auch mal zu sehen, wie der andere tickt."

Dass Politik nicht alles ist, beweist der frühere Fraktionschef der Grünen, Rezzo Schlauch. Kürzlich war er auf Lanzarote, gerade erst in Amsterdam, zwischendurch pflegt er seine Aufsichtsrats- und Beratermandate, kein Wunder, dass hier einige sagen, der Schlauch werde auch immer jünger, was der Genussschwabe mit einem Raubtierlachen kommentiert. Zumal er erstmals seit vielen Jahren nicht mit seiner Parteiführung über Kreuz liege: "Wenn ich die im Fernsehen sehe, kann ich mich entspannt zurücklehnen." Aber kann man wirklich ohne Politik leben? "Dafür habe ich die Zeitung, um immer zu wissen, was die in Berlin treiben."

Und wo man gerade bei den Genießern steht: Der Unterhaltungskünstler Friedrich Liechtenstein outet sich als treuer Kaffeehaus-Zeitungsleser, unlängst habe er auf Seite 1 der SZ ein lehrreiches Stück über das Comeback der Sülze entdeckt, die Sülze werde ja noch immer unterschätzt, aber nicht von ihm.

In der Orangerie gibt es statt Sülze frischen Spargel mit Rindfleisch und später die gute, alte Currywurst, mit der sich Politiker in der Hauptstadt gerne nach überlangen Arbeitstagen stärken. Gegen Mitternacht sind sich die Standfesten an der Bar wie ZDF-Moderatorin Marietta Slomka, Schauspielerin Alexandra Kamp, Comedian Thomas Hermanns oder Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier einig: So ein Schloss, gerne auch verstaatlicht, ist doch herrlich.