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Nach dem Attentat von Halle:Eine neue Tür für die Synagoge

Tür zur Synagoge Halle wird ausgetauscht

Die neue Tür der Synagoge in Halle sieht eigentlich genauso aus wie ihre Vorgängerin, ist aber noch sicherer.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Vor neun Monaten scheiterte ein Attentäter mit dem Versuch, gewaltsam in die Synagoge von Halle (Saale) einzudringen. Ein Anruf bei Thomas Thiele, der jetzt eine neue Pforte eingebaut hat: zwei Meter hoch, 120 Kilo schwer, sechs Zentimeter dick.

Interview von Marija Barišić

"Eine harte Nummer war das", sagt Thomas Thiele, wenn er vom 9. Oktober 2019 spricht. Es ist der Tag, an dem ein schwer bewaffneter Rechtsextremist die Synagoge in Halle attackiert, in der Absicht, die 50 dort betenden Menschen zu ermorden. Doch er scheitert an der schweren, massiven Eingangstür, Thieles Tür, wenn man so will. Der selbständige Tischler aus dem nahen Dessau-Roßlau hatte sie einst gebaut. Als "Lebensretter" wird Thiele, 47, seitdem immer wieder in Medienberichten bezeichnet, seine Tür als "die berühmteste Tür Deutschlands". Am Dienstag hat die Synagoge in Halle nun eine neue Pforte bekommen. Zwei Meter hoch, 120 Kilo schwer, sechs Zentimeter dick ist sie diesmal - und vor allem: noch sicherer. Etwa 6000 Euro hat sie gekostet, bezahlt von der Versicherung der Synagoge. Gebaut hat sie wieder: Thomas Thiele. Während des Einbaus nimmt sich der 47-Jährige Zeit für ein kurzes Telefonat mit der Süddeutschen Zeitung.

SZ: Herr Thiele, hat alles geklappt, steht die Tür schon?

Thomas Thiele: Die Tür ist eingebaut, wir sind gerade noch dabei, die Wandanschlüsse zu verputzen, dann sind wir fertig. Wir haben heute Morgen um acht mit der Montage angefangen, durch die Beteiligung der Presse war alles etwas spannender und aufregender, hat aber natürlich auch etwas länger gedauert als geplant.

2010 haben Sie die erste Tür für die Synagoge in Halle angefertigt, nun wurden Sie wieder darum gebeten. Haben Sie sofort Ja gesagt?

Gegen Ende letzten Jahres rief mich erst mal die Leitung der Synagoge in Halle an, um mich zu fragen, ob ich denn einverstanden damit sei, mit meinem Namen in der Presse zu erscheinen - als der Tischler, der die erste Tür gebaut hat. Das habe ich natürlich bejaht, ich bin ja stolz darauf! Dann kam auch schon die Frage nach der Neuanfertigung, und auch für die habe ich mich sofort und sehr gerne bereit erklärt.

Was unterscheidet die zweite von der ersten Tür?

Optisch unterscheiden sich die beiden Türen gar nicht. Wir haben uns wieder für ein massives Eichenholz entschieden und die Tür mit einer nussbaumfarbenen Lasur beschichtet. Diesmal haben wir allerdings eine Mehrfachverriegelung eingebaut, die zwei zusätzliche Nebenschließungen hat und dadurch deutlich stabiler ist. Außerdem lässt sie sich elektromotorisch öffnen und kann somit nur vom Sicherheitsdienst geöffnet werden. Wenn sie zugedrückt wird, verriegelt sie sich automatisch und hat eine Panikfunktion.

Eine Panikfunktion?

Ja, wenn drinnen Panik entsteht und man schnell rausmuss, kann sie von innen problemlos geöffnet werden, nicht aber von außen. Es kann also im Notfall niemand von außen eindringen.

Tischler fertigt Tür zur Synagoge Halle

Tischlermeister Thomas Thiele bei der Arbeit an der neuen Tür.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Hört sich nach viel Verantwortung an.

Ich sage es mal so: Ich bin sowieso Herzbluthandwerker. Wenn wir was bauen, dann stehen meine Mitarbeiter und ich immer dahinter. Klar spürt man die Verantwortung in so einem Fall besonders, aber es ist auch nicht so, dass wir einem anderen Kunden dieselbe Qualität verwehren würden.

Die erste Tür, die Sie gebaut haben, hat etwa 50 Menschen vor dem Tod bewahrt. Fühlen Sie sich manchmal als Lebensretter?

Das ist für mich, ehrlich gesagt, sehr hoch gegriffen. Ich bin stolz darauf, ein guter Handwerker zu sein, und ja, durch diese gute Handwerksarbeit konnten Leben geschützt werden, aber ich bin doch deswegen kein Held oder Supermann.

Wie lange wird die zweite Tür halten?

Bei regelmäßiger Pflege hält so eine Tür 50 bis 60 Jahre, also eigentlich ein Leben lang. In Wahrheit wünsche ich mir aber, dass sie gar nicht halten muss. Weil nie jemand wieder auf so eine idiotische Idee kommen sollte. Ich sage immer: Ich hoffe vor allem, dass die Tür den Menschen auch im mahnenden Sinne im Kopf bleibt.

© SZ/nase
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