Süddeutsche Zeitung

Rassismus-Eklat auf Sylt:„Pony“-Barbetreiber veröffentlichen eigenen Video-Ausschnitt – erste Konsequenzen für Beteiligte

Lesezeit: 3 min

Junge Menschen, die in einer Bar auf Sylt rassistische Parolen grölen: Auf Instagram posten die Betreiber die Szene aus Perspektive einer Überwachungskamera.

Nach dem rassistischen Gegröle mehrerer ihrer Party-Gäste sind die Betreiber der betroffenen Bar auf Sylt eigenen Angaben zufolge bedroht worden. „Wir werden aufs Übelste beleidigt und erhalten Morddrohungen“, schreiben sie auf dem Instagramprofil des bekannten Lokals „Pony“ im Urlaubsort Kampen. Außerdem veröffentlichten sie eine Sequenz aus einem Überwachungsvideo, das die Szene aus einem anderen Blickwinkel zeigt. „An alle, die ständig fragen: ’Hat man das nicht mitbekommen?’ Ihr seht selbst, dass die Mehrheit auf dem Video ihren Spaß hat, während eine kleine Gruppe etwas skandiert, das mit unseren Grundwerten nicht vereinbar ist.“

Man habe sich nach langer Überlegung entschlossen, das Video zu veröffentlichen, „um uns, unsere Mitarbeiter und unsere treuen Gäste zu schützen“. Bereits in den vergangenen Tagen hatten die Betreiber des Lokals betont, dass das Personal nichts von dem Vorfall mitbekommen habe. Zuvor hatten Medien berichtet.

Auf einem nur wenige Sekunden langen Video, das am Donnerstag viral gegangen war und zu Pfingsten entstanden sein soll, ist zu sehen und zu hören, wie junge Menschen zur Melodie des mehr als 20 Jahre alten Party-Hits „L’amour toujours“ von Gigi D'Agostino rassistische Parolen grölen. Offenbar völlig ungeniert und ausgelassen singen sie „Deutschland den Deutschen - Ausländer raus!“. Ein Mann macht eine Geste, die an den Hitlergruß denken lässt. Von den Umstehenden scheint sich niemand daran zu stören. Das „Pony“ hatte nach Bekanntwerden des kurzen Videos Strafanzeige gestellt, der Staatsschutz der Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung und des Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen.

Erste Konsequenzen für mehrere Beteiligte

Der Mann, der in dem Video eine Geste andeutet, die an den Hitlergruß denken lässt, schrieb laut Bild in sozialen Medien: „Alle, die wir damit vielleicht verletzt haben, bitte ich um Entschuldigung.“ Er habe einen „ganz schlimmen Fehler“ gemacht und schäme sich. Er gab demnach an, sich der Polizei gestellt zu haben und die rechtlichen Konsequenzen tragen zu wollen.

Für weitere Beteiligte hatte das Gegröle ein schnelles Nachspiel: Die Werbeagentur-Gruppe Serviceplan Group erklärte, sie habe einen beteiligten Mitarbeiter fristlos entlassen. Auch die Hamburger Influencerin Milena Karl entließ nach eigenen Angaben eine Mitarbeiterin, die dabei war. „Ich bin selbst Migrantin und als werdende Mutter steht alles, was in diesem Video zu sehen ist, für eine Gesellschaft, in der ich mein Kind nicht großziehen möchte.“

DJ Gigi D'Agostino, dessen Song verhunzt wurde, stellte klar, dass sich dieser ausschließlich um Liebe drehe. „In meinem Lied ’L'amour toujours’ geht es um ein wunderbares, großes und intensives Gefühl, das die Menschen verbindet“, teilte D'Agostino mit. Zentral sei zudem die Freude über die Schönheit des Zusammenseins.

Am Sonntagnachmittag versammelten sich nach Polizeiangaben etwa 70 bis 80 Menschen in Kampen zu einer Mahnwache. Zu dem Protest hatte ein Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Gruppe von Sylt aufgerufen. Auf einem Plakat war etwa zu lesen: „Sylt. Oben links. Nicht rechts!“

Der Vorfall hat eine breite Debatte ausgelöst und die Politik alarmiert. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte am Wochenende, menschenfeindliche Ideologie sei inzwischen ganz offensichtlich „Teil der Popkultur“. Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) betonte: „Wer so rumpöbelt, ausgrenzt und faschistische Parolen schreit, greift an, was unser Land zusammenhält.“ Am Freitag hatten sich bereits Kanzler Olaf Scholz und Innenministerin Nancy Faeser (beide SPD) zu Wort gemeldet und die geäußerten Parolen scharf verurteilt.

Immer wieder ähnliche Vorfälle – von Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern

Auch der Club „Rotes Kliff“, ebenfalls in Kampen, berichtete von einem „Rassismus-Vorfall“ zu Pfingsten. Die betroffenen Personen seien des Clubs verwiesen worden und hätten jetzt Hausverbot, schrieben die Betreiber auf Instagram.

Doch Sylt ist kein Einzelfall. Schon in den vergangenen Monaten gab es immer wieder Vorfälle, bei denen zu dem Lied Nazi-Parolen gerufen wurden – etwa in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Am Freitag wurde außerdem bekannt, dass es ebenfalls an Pfingsten in Niedersachsen zu einem ähnlichen Fall kam. Auch auf dem Schützenfest in Löningen nahe Vechta wurden rassistische Parolen gegrölt, auch zu „L’amour Toujours“. Zeugen, die das Geschehene gefilmt hatten, zeigten den Vorfall bei der Polizei an. Auch in diesem Fall ermittelt nun der Staatsschutz. Und auch bei der Bergkirchweih in Erlangen gab es am Freitagabend einen ähnlichen Fall.

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