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Tödlicher Unfall:Feindbild SUV

Debatte nach SUV-Unfall

Ein Unfall mit einem SUV in Berlin-Mitte hat eine breite Debatte angefacht.

(Foto: dpa)

In Berlin hat ein Fahrer mit einem SUV vier Menschen getötet. Wie gefährlich und umweltschädlich sind die Pseudo-Geländewagen?

Autos stehen im Feierabendverkehr an einer Kreuzung, plötzlich rast mit lautem Motor links an den wartenden Fahrzeugen ein dunkles SUV vorbei. Das Bild wird schwarz. Diese kurze Sequenz hat am Freitagabend um kurz vor 19 Uhr die Dashkamera eines Taxifahrers aufgenommen, die Bilder zeigen offenbar die letzten Sekunden, bevor an der Invalidenstraße in Berlin ein 42 Jahre alter Mann mit seinem Porsche Macan in eine Menschengruppe raste und vier Fußgänger tötete, unter ihnen ein dreijähriges Kind. Fünf weitere Menschen wurden verletzt. Das Video hat der Fernsehsender RTL veröffentlicht, allerdings ohne den Moment des Aufpralls zu zeigen, und das vollständige Material der Berliner Polizei übergeben.

Diskutiert wird nun, wie gefährlich SUVs (Sport Utility Vehicles) wirklich sind und ob es nicht besser wäre, die Zulassung in den Innenstädten zu begrenzen, wie es die Grünen fordern. Die Debatte ist emotional aufgeladen. Umso mehr kommt es auf Fakten an. Antworten auf drängende Fragen.

Was ist bisher über die Unfallursache bekannt?

Nach ersten Erkenntnissen könnte die Unfallursache ein epileptischer Anfall des Fahrers gewesen sein, wie aus Ermittlerkreisen zu erfahren ist. Eine offizielle Bestätigung gibt es bisher nicht. Die Polizei ermittelt, wie üblich bei solchen Unfällen, wegen fahrlässiger Tötung. Das Ergebnis eines Bluttests steht noch aus. Der Fahrer konnte aufgrund seiner schweren Verletzungen noch nicht befragt werden. Vorsatz schlossen die Ermittler zunächst aus.

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Wer fährt überhaupt SUVs?

Die SUVs sind in Deutschland die beliebtesten Neuwagen. Keine andere Fahrzeugart verkauft sich so oft. Unter den Neuzulassungen haben sie mit 31,4 Prozent im ersten Halbjahr 2019 den größten Anteil. Das geht aus den aktuellen Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes hervor. Autoexperten wie Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen rechnen damit, dass in diesem Jahr erstmals mehr als eine Million SUVs neu zugelassen werden. "Diese Autos werden überwiegend von älteren Fahrern gekauft", sagt Dudenhöffer. Die seien nicht unbedingt als Verkehrsrowdys unterwegs. Viel mehr schätzen sie an den Autos, dass der Einstieg höher ist und sie eine bessere Übersicht haben.

Wie oft sind SUVs in Unfälle verwickelt?

Im vergangenen Jahr zählte das Statistische Bundesamt 206 041 Unfälle, in denen ein Auto der Hauptverursacher war. Davon gingen 16 711 Unfälle auf das Konto von SUVs und Geländewagen. Das entspricht einer Unfallbeteiligung von 8,1 Prozent. Das Kraftfahrtbundesamt unterscheidet in der Definition die kleinen und mittleren Wagen als SUVs (z.B. BMW X1) und die großen Modelle als Geländewagen (z.B. BMW X3).

Wie gefährlich sind Unfälle mit SUVs?

"Man kann nicht einfach sagen: SUVs sind grundsätzlich gefährlicher als ein Polo oder als ein Smart", sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Mehr Einfluss als das Gewicht hätten Geschwindigkeit und Art des Zusammenstoßes. "Alles, was jenseits von 50 Kilometern in der Stunde ist, ist für einen menschlichen Körper im Auto mindestens lebensgefährlich, meistens aber auch tödlich, egal mit welchem Fahrzeug."

Das Risiko für Fußgänger, die von einem SUV angefahren werden, lässt sich dem Unfallforscher zufolge nicht so eindeutig beziffern. In einer Untersuchung aus dem Jahr 2011 kommt Brockmann zu dem Schluss, dass sowohl die Größe des Unfallopfers als auch die Länge der Motorhaube des SUV eine Rolle spielen. Es kommt dabei darauf an, wo das Unfallopfer aufprallt, wenn es über die Motorhaube geschleudert wird. "Solange man die Scheibenrahmen nicht trifft, hat man gute Chancen zu überleben", sagt Brockmann.

Für die Insassen ist das SUV bei einem Zusammenprall eher sicherer als ein kleineres Auto, denn sie profitieren von ihrem schweren Wagen. Die größere Masse hat geringere Schäden zur Folge.

"Jeder Unfall ist einer zu viel", sagt Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher beim ökologischen Verkehrsclub. "Wir brauchen eine andere Mobilität in unseren Städten. Das heißt, einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und von Fuß- und Radwegen. Damit auch ungeschützte Verkehrsteilnehmer geschützt sind."

Warum ist die Debatte über SUVs so emotional aufgeladen?

Kaum eine Fahrzeugart polarisiert so stark wie die SUVs. Einen Grund dafür sieht Dudenhöffer in der Größe der Wagen. "Sie benötigen mehr Parkraum und stehen deshalb auch öfter auf Gehwegen." Auch die Klimaverträglichkeit spiele eine Rolle, sagt Müller-Görnert. "Dabei passen nicht mehr Menschen in einen SUV als in einen Wagen der Kompaktklasse. Viele Leute sind nicht mehr gewillt, das hinzunehmen."

Wie klimaschädlich sind SUVs denn?

Dudenhöffer zufolge sind SUVs nur unwesentlich umweltbelastender als andere Mehrzweckfahrzeuge wie etwa der VW Touran, Opel Zafira oder die Mercedes B-Klasse. Im Durchschnitt stoßen die SUVs 4,8 Gramm CO2 pro Kilometer mehr aus und verbrauchen auf 100 Kilometer durchschnittlich 0,2 Liter Benzin mehr. Dennoch: Ein Nachhaltigkeitsproblem sieht Dudenhöffer vor allem bei den großen SUVs wie dem BMW X7, Audi Q8 oder GLS-Mercedes. Diese seien in Deutschland aber eher ein Nischenprodukt, während sie in den USA gut verkauft würden.

Nach Auffassung von Umweltschutzverbänden sollten Autoindustrie und Autofahrer für den Klimaschutz auf die Herstellung beziehungsweise den Kauf spritschluckender Wagen verzichten. Die Hersteller müssten die Entwicklung von SUVs und allen anderen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren beenden und umgehend auf Elektroautos umstellen, fordert etwa das Bündnis "Aussteigen", das ein Zusammenschluss mehrerer Umweltverbände und ökologischer Verkehrsverbände ist.

Ist ein SUV-Verbot in Innenstädten die Lösung?

Nach dem Unfall in Berlin fordern nun etwa Grünen-Politiker eine Obergrenze für große SUVs in den Innenstädten. Das hält Verkehrsexperte Dudenhöffer nicht für realisierbar. Er appelliert dagegen an die Autobauer, die Produktion der großen SUVs für den europäischen Markt einzustellen, "weil sie sich hier kaum verkaufen".

Auch Michael Müller-Görnert findet ein SUV-Verbot rechtlich schwierig zu begründen und wünscht sich politische Anreize, um die Zahl der SUVs auf deutschen Straßen zu verringern: "In den Niederlanden zum Beispiel gibt es eine Zulassungssteuer für Autos mit hohem CO2-Ausstoß."

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