Sumpfkrebse im Tiergarten:Das Berliner Krebs-Problem kommt auf den Tisch

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Dem roten amerikanischen Sumpfkrebs, der sich in mindestens zwei Berliner Seen stark verbreitet hat, geht es jetzt an den Kragen. (Foto: Britta Pedersen/dpa)
  • Die wildlebenden Sumpfkrebse in zwei Berliner Gewässern sind zum Fang freigegeben worden.
  • Die aus Amerika eingewanderte Art hat sich stark verbreitet. Sie steht auf einer Liste der EU mit potenziell gefährlichen Arten.
  • Mit dem Fang soll die weitere Ausbreitung der Krebse verhindert werden.

Gut möglich dass Berlin ein neuer Food-Trend ins Haus steht. Nach Ceviche, Kimchi, und Feinkost-Popcorn wird es demnächst ein hyperregionales Lebensmittel in der Haupstadt geben: Sumpfkrebs aus dem Tiergarten.

Seit vergangenem Sommer ist klar, dass sich in mindestens zwei Berliner Gewässern der Rote Amerikanische Sumpfkrebs, rasant vermehrt hat: dem Neuen See im Tiergarten und dem See im Britzer Garten. Dass die Tiere gefahrlos verspeist werden können, ist aber erst jetzt klar. Der Wildtierexperte Derk Ehlert von der Senatsverwaltung für Umwelt, die die Tiere untersuchen ließ, sagt: "Es wurden keinerlei Grenzwerte überschritten."

Die Saison ist also eröffnet. Um den im Vorjahr erstmals annähernd erfassten Krebsbestand in den beiden Gewässern zu verringern, hat ein Fischereibetrieb die Erlaubnis zum Fang der Tiere bekommen. Vor etwa einer Woche haben Fischer mit der Arbeit begonnen. Sie wollen die Krebse an Gastronomen und Privatleute verkaufen.

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Amerikanische Sumpfkrebse gelten als anspruchslos und haben sich in den vergangenen Jahren massiv vermehrt, auch dank der milden Winter. Eine Vorschrift zur Fangmenge haben die Fischer deshalb nicht bekommen. "Der Betrieb kann rausholen, so viel er will", sagte Ehlert. Bezahlen muss der Senat dafür nicht. Der kleine Spandauer Familienbetrieb rechnet damit, dass der Verkauf "im Prinzip sofort" beginnen kann, wie Seniorchef Klaus Hidde sagte. Er gehe zum Beispiel auf Märkte. In welcher Form - ob als Rohprodukt oder zum Beispiel eingelegt - er das Krebsfleisch anbieten will, stand zunächst nicht fest.

Zahlreiche Krebse sind jedenfalls schon ins Netz gegangen. Allein an den ersten Tagen waren insgesamt mehr als 1600 Krebse in den Reusen, sagte Ehlert. "Wir gehen aber im Jahresverlauf von zurückgehenden Mengen aus". Die Erlaubnis für die Fischer gilt bis Ende 2018. Alle anderen Berliner müssen sich weiterhin zurückhalten: Sich einen der bis zu 15 Zentimeter langen Sumpfkrebse mit den auffälligen dornigen Scheren zum Verzehr zu schnappen, wäre Wilderei. "Sowohl das Umsetzen als auch das Fangen ist verboten", betont Derk Ehlert.

Die Ausbreitung der Krebse soll verhindert werden

Warum die Berliner ihre Krebse nicht leben lassen? Procambarus clarkii, so der lateinische Name, ist gefährlich. Er steht auf einer Liste der EU-Kommission mit eingewanderten Arten, die potenziell einheimische Arten und Ökosysteme schädigen. Seine Ausbreitung soll also verhindert werden.

Die rotbraunen Krebse sind von einheimischen kaum zu unterscheiden. Ihre Heimat ist eigentlich der Süden der Vereinigten Staaten. Die Tiere sind als Exoten im Aquarium beliebt. Wenn ihre Besitzer sie nicht mehr wollen, werden sie oft in den hiesigen Gewässern ausgesetzt. So kommen Sumpfkrebse auch an andere Orten in Deutschland.

Doch nordamerikanische Krebsarten tragen unter ihren Panzern oft ein tödliches Mitbringsel: die Krebspest. Gegen die Pilzkrankheit haben die amerikanischen Krebse selbst gute Widerstandskräfte. Aber sie infizieren die einheimischen Arten damit und haben sie so in manchen gegenden Europas schon beinahe ausgerottet. Im Berliner Neuen See gibt es keine einheimischen Krebse. Aber die Sporen des Pilzes können an Füßen, Angelruten oder über Vögel in andere Gewässer verschleppt werden.

In Berlin hatte lange niemand von den Krustentieren Notiz genommen. Wie sehr sie verbreitet sind, wurde erst im vergangenen Sommer klar, als die auffälligen Tiere über Straßen und Wege des Tiergartens krabbelten. Die Fotos sorgten bundesweit für Aufsehen. Bei einer Fangaktion gingen fast 4000 Sumpfkrebse ins Netz - wesentlich mehr als erwartet. Damals war allerdings eine Belastung mit Schwermetallen und Schadstoffen noch nicht auszuschließen, die Krebse durften deshalb nicht gegessen werden. Stattdessen wurden die Tiere getötet und in Biogasanlagen verarbeitet.

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