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Südkorea:"Unser Leben ist nicht euer Porno"

Klein und gefährlich: eine Kamera-Linse, die es in Südkorea künftig nicht mehr so einfach haben dürfte.

(Foto: AntanO via Wiki Commons (CC BY-SA 3.0); Bearbeitung SZ)
  • In Seoul sollen 8000 städtische Mitarbeiter auf Spycam-Jagd gehen.
  • Vor allem auf öffentlichen Toiletten, in Umkleidekabinen von Kaufhäusern und Hotelzimmern werden winzige Kameras angebracht, oft nur für eine Viertelstunde.
  • Viele der heimlich aufgenommenen Filmchen werden dann später auf koreanischen Porno-Webseiten publiziert.

In Seoul sollen 8000 städtische Mitarbeiter auf Spycam-Jagd gehen, wie die Stadtbehörden am Wochenende ankündigten. Sie sprachen von einer "Spycam-Epidemie", die mit einer dreimonatigen Razzia bekämpft werden soll. Vor allem auf öffentlichen Toiletten, in Umkleidekabinen von Kaufhäusern und Hotelzimmern werden winzige Kameras angebracht, oft nur für eine Viertelstunde. Viele der heimlich aufgenommenen Filmchen werden dann später auf koreanischen Porno-Webseiten publiziert.

Die Kampagne gegen die Spycams, die die Regierung von Präsident Moon Jae-in schon im Juni ausrief, habe kaum Erfolgschancen, schreibt die Korea Times. Die Hemdknopf-großen Geräte selber seien ja nicht illegal, sie würden auch in Schreibstifte, Brillen und Ladegeräte eingebaut, seien also kaum aufzuspüren. Andererseits zahlten Porno-Webseiten viel Geld für obszöne Filmschnippchen. In Südkorea soll es insgesamt 4000 solcher pornografischer Seiten geben.

Bevor die Regierung die Gesetze verschärft hatte, hätte manch ein Krimineller 1000 Filmchen hochgeladen und damit bis zu hundert Millionen Won eingenommen, das sind 75 000 Euro. Wer erwischt wurde, zahlte bisher ein Bußgeld von etwa 40 Euro. Im Zuge der Kampagne sollen auch die Betreiber pornografischer Webseiten überprüft werden. Doch es ist ein hausgemachtes Dilemma, mit dem Südkorea da zu kämpfen hat. Die Industrie des Landes entwickelt immer leistungsfähigere Technologien, doch die Gesellschaft ist darauf überhaupt nicht vorbereitet.

Das Phänomen dieser besonders perfiden Form des Voyeurismus, das in Südkorea Molka genannt wird, ist nicht neu. Schon 2011 wurden 2000 Fälle strafrechtlich verfolgt, voriges Jahr waren es 6300 Fälle. 90 Prozent der Opfer sind Frauen. Neu dagegen ist die kollektive Empörung über Molka. Seit Mai gab es in Seoul vier große Demonstrationen unter dem Motto "Unser Leben ist nicht euer Porno", die letzte mit 70 000 Teilnehmerinnen.

Die #MeToo-Bewegung ist auch in Südkorea angekommen

Einerseits ist die #MeToo-Bewegung im März auch in Südkorea angekommen. Seither sind mehrere prominente Männer öffentlich entlarvt worden. Andererseits hatte die Polizei im Frühjahr eine junge Frau verhaftet, ein Fotomodell, weil sie einen männlichen Kollegen nackt gefilmt und den Film auf eine feministische Webseite gestellt hatte. Kurz darauf ging sie auch gegen die feministische Webseite vor, während sie die üblichen Porno-Seiten gewähren ließ. Gegen Molka durch Männer wurde lange Zeit also kaum etwas unternommen. So sprach ein Gericht einen Politiker im Sommer von allen Vorwürfen der Vergewaltigung und Belästigung frei, obwohl dieser zumindest letztere öffentlich halbwegs eingestanden hatte. Die großen Demonstrationen richteten sich deshalb nicht nur gegen Molka, sie prangerten die fehlende Gleichbehandlung der Geschlechter an. "Auch Frauen, nicht nur Männer, sind Bürger."

Molka und ähnliche pornografische Phänomene in Ländern wie Südkorea und auch Japan sind kein Indiz dafür, dass diese Länder und diese Gesellschaften besonders sexualisiert sind - ganz im Gegenteil, die Pornografie ist eher als Anzeichen für sexuelle Verklemmtheit zu verstehen.

So haben etwa Untersuchungen von Kondom-Herstellern gezeigt, dass diese im Kern sehr konservativen Gesellschaften im weltweiten Vergleich fast am wenigsten Sex haben: Mehr als die Hälfte der verheirateten Paare in Japan sollen sogar gar keinen Sex miteinander haben. Und zwei Drittel der jungen Männer sehen sich selbst als sogenannte "herbivor"; so nennt man jene Personen, die gar keinen physischen Sex haben wollen. Die Koreaner sprechen von "Blumen-Jungs". Viele von ihnen weichen schließlich auf Internet-Pornografie aus.