Südkorea:Zwischen Himmel und Hölle

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Südkorea: Von den Gehwegen aus kann man in Seoul in die Fenster der tiefergelegenen Kellerwohnungen schauen.

Von den Gehwegen aus kann man in Seoul in die Fenster der tiefergelegenen Kellerwohnungen schauen.

(Foto: Antony Wallace/AFP)

Man kennt sie aus dem preisgekrönten Film "Parasite": Die Banjiha, südkoreanische Kellerwohnungen, sind dunkel, eng und modrig. Die Regierung will sie jetzt verbieten - denn sie können bei Fluten lebensgefährlich sein.

Von Thomas Hahn, Seoul

In Seoul gibt es Himmel und Hölle. So kommt es einem zumindest vor, wenn man durch die Bezirke Gwanak und Dongjak spaziert. Auf dicht bebauten Hügeln ragen hier stattliche Häuser mit gepflegten Fassaden auf. Warmes Backsteinrot prägt die Stimmung der Gassen. In den oberen Stockwerken sind Zimmer mit Aussicht, durch die an hellen Tagen das Licht fällt. Ganz oben sprießt hinter Balustraden das Grün gemütlicher Dachgärten. Wer dort wohnt, so wirkt es, hat keine Sorgen.

Ganz unten hingegen sind die Banjiha, die schlecht belüfteten Halbkellerwohnungen, deren Fenster auf der Ebene der Straße liegen. Wer hier wohnt, kann sich oft nichts anderes leisten und muss mit den Nachteilen leben: niedrige Decken, Dunkelheit, Enge, Schimmel, Modergeruch, soziales Stigma. Und an schlimmen Tagen kann man hier ertrinken.

Binnen Minuten lief die Wohnung mit Regenwasser voll

Das Leben und Sterben in den untersten Stockwerken von Seoul ist seit diesem August mehr denn je ein Thema in der Zehn-Millionen-Menschen-Metropole. Anfang August erlebte die Hauptstadt die schlimmsten Regenfälle seit 80 Jahren. 14 Menschen starben, vier davon kamen in ihren Souterrainwohnungen um, darunter eine kleine Familie. Im Bezirk Sillim-dong bekamen eine Frau mit Downsyndrom, deren jüngere Schwester und die 13-jährige Tochter der Schwester die Tür nicht mehr auf, weil die davorliegende Abfahrt zum Parkhaus überschwemmt war. Die Wohnung lief binnen weniger Minuten voll. Am Schluss soll das Wasser fast bis zur Decke gestanden haben. Hilfe kam zu spät.

Nach der Katastrophe präsentierte die Stadtregierung eilig einen Plan zur Besserung. Künftig soll es keine Genehmigungen für Kellerwohnungen mehr geben. Wer welche besitzt, muss sie spätestens in 40 Jahren umgewidmet haben. Die Stadt hat einen Gutschein zur Miethilfe für Bedürftige angekündigt, die ihre Banjiha verlassen müssen. Wer auszieht, soll Platz durch das Sozialwohnungsbau-Programm bekommen, das die Stadt plant. Bis 2042 werden Komplexe mit 118 000 Sozialwohnungen saniert. Im Zuge dieser Sanierung soll die Zahl der Wohnungen dort auf 230 000 steigen.

Südkorea: Die kleinen Fenster auf Höhe des Gehweges lassen nur wenig Licht in die Banjiha, aber umso mehr Regenwasser.

Die kleinen Fenster auf Höhe des Gehweges lassen nur wenig Licht in die Banjiha, aber umso mehr Regenwasser.

(Foto: Anthony Wallace/AFP)

Trotzdem fragen sich manche in Seoul, ob die Politik das Problem in seiner ganzen Dimension erfasst. Die Banjiha sind das Symbol für die soziale Kluft, die der rücksichtslose Immobilienmarkt in der Hauptstadt vertieft. Im Grunde weiß das die ganze Welt, seit die schwarze Komödie "Parasite" von Regisseur Bong Joon-ho 2020 den Oscar gewonnen hat. Der Film handelt von der Familie Kim, die in einer Banjiha wohnt und sich Jobs in der höher gelegenen Stadtvilla der Familie Park erschleicht. Irgendwann kommt der Regen, verwandelt die engen Gassen in Sturzbäche und überschwemmt die Wohnung der Kims. Authentische Szenen. In der Wirklichkeit fordern Experten, dass solche Katastrophen endlich das Bewusstsein für einen nachhaltigeren Wohnungsbau schärfen.

Banjiha sind von 1970 an als Bunker zum Schutz vor möglichen Angriffen aus Nordkorea entstanden. Aber bald wurde der Wohnraum knapp, also gaben Vermieter die Keller her. Spätestens beim Taifun Kompasu 2010 wurde deutlich, dass das keine gute Idee war. Seouls Stadtregierung erließ ein Verbot für neue Banjiha. Seither sind sie weniger geworden, aber es gibt immer noch 200 000 in Südkorea, fast alle sind im Großraum Seoul. Tausende Familien müssen bei starkem Regen bangen, dass ihre Wohnung überschwemmt wird.

Viele sind auf günstigen Wohnraum angewiesen

Nicht alle Banjiha sind gleich. Nicht alle, die dort wohnen, sind Sozialfälle. Aber Fakt ist: Weil es in Seoul kaum günstigen Wohnraum gibt, sind viele auf Alternativen zum normalen Preiswahnsinn angewiesen - auch wenn sie düster und gefährlich sind. Die Stadt glaubt, dass ihr Plan des Banjiha-Verbots dagegen hilft.

Aber Choi Eun-young, Chefin des unabhängigen Korea-Zentrums für Stadt- und Umweltentwicklung, bezweifelt das. "Wenn es im Internat gebrannt hat, kommen sie mit Maßnahmen für Internate. Wenn es Überflutungen in Souterrainwohnungen gegeben hat, kommen sie mit Maßnahmen für Souterrainwohnungen", hat sie zuletzt im Radiosender NPR gesagt. Es brauche endlich mehr billigeren Wohnraum. Und mehr Verständnis für die andere Seite der schillernden Konsumgesellschaft. Denn in Südkorea interessiert man sich grundsätzlich viel mehr für den Himmel als für die Hölle des Alltags.

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