Südkorea:Ein Alphabet wird 575 Jahre alt

Lesezeit: 2 min

Südkorea: Koreaner verbinden mit ihrer Sprache nicht nur Heimatgefühl und Orientierung, sondern auch ihre Eigenständigkeit gegenüber den großen Nachbarn China und Japan.

Koreaner verbinden mit ihrer Sprache nicht nur Heimatgefühl und Orientierung, sondern auch ihre Eigenständigkeit gegenüber den großen Nachbarn China und Japan.

(Foto: AFP)

Das koreanische Hangul hat nur 24 Buchstaben - und gilt als besonders effektiv. Traditionalisten fürchten englische Einflüsse.

Von Thomas Hahn, Tokio

Hangul, das koreanische Alphabet, wird an diesem Samstag 575 Jahre alt. Den Anlass feiert Südkoreas Regierung in Seoul mit einem Kongress, bei dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus vielen Ländern über die Zukunft des Koreanischen reden. Und wie es sich gehört bei Themen von Bedeutung, kommen Bedenkenträger und Pessimisten zu Wort. Die Korea Times berichtet über den zunehmenden Einfluss des Englischen und zitiert einen anonymen Funktionär der Gesellschaft für Koreanische Sprache mit der Warnung: "Wenn dieser Trend anhält, kann das eine ernsthafte Bedrohung unserer kulturellen Identität darstellen."

In Zeiten der Globalisierung müssen im Grunde alle Regionen dieser Welt darauf aufpassen, dass Zeitgeist und vermeintlicher Fortschritt nicht den Klang ihrer Sprachen wegwehen. Ein Dialekt wie das Bairische ist vermutlich ähnlichen Herausforderungen ausgesetzt wie das Gälische oder die algerische Berbersprache Shenwa. Und das Koreanische? Verändert sich. Weniger in Nordkorea zwar, wo es die Parteidiktatur vor den Vokabeln des westlichen Kommerzes abschirmt. Umso mehr dafür im freien Tigerstaat Südkorea mit seinem ultraschnellen Internet.

Das sogenannte Konglisch halten dort viele für das normale Phänomen einer offenen Gesellschaft. Andere wie der zitierte Sprachpfleger halten es für eine Seuche, die den nationalen Wortschatz verunreinige sowie die Kluft zwischen Alt und Jung wachsen lasse. Die Regierung trage eine Mitschuld, klagen sie. Diese habe gerade in der Covid-19-Krise sinnlose Hybridausdrücke wie "untact" für kontaktlos und "corona blue" für die gedrückte Stimmung durchgehen lassen.

Stolze Koreaner verbinden mit ihrer Sprache nicht nur Heimatgefühl und Orientierung, sondern auch ihre Eigenständigkeit gegenüber den großen Nachbarn China und Japan. Am koreanischen Alphabet kann man das gut festmachen, denn Hangul ist ja nicht irgendeine über Jahrhunderte entstandene Schrift. Sie ist jung. Und König Sejong der Große erfand sie, um ein soziales Problem zu beheben. Bevor er am 9. Oktober 1446 das neue Alphabet verkündete, wurde das Koreanische in den vielen komplizierten chinesischen Schriftzeichen, den Hanja, aufgeschrieben. Diese beherrschten fast nur reiche Leute. König Sejong wollte das ändern. Mit Hangul klappte das.

Koreas Schulkinder können ihm dafür dankbar sein, dass sie kaum noch Hanja lernen müssen. Hangul gilt als eines der effektivsten und klarsten Alphabete der Welt. Es umfasst nur 24 Buchstaben. Diese fügt man in kleinen Quadraten zu Silben zusammen, aus denen die Wörter entstehen. Das Alphabet passt zu einem Land, das aus seiner Sprache kein Geheimnis machen will.

Auch sonst müssen es die Hüter des koreanischen Wortes wohl nicht übertreiben mit ihrer Konglisch-Angst. Im Gegenteil. Aktuelle K-Dramen wie "Squid Game" und K-Pop-Gruppen wie BTS oder Blackpink tragen das Koreanische in die Welt. Und zuletzt hat das Oxford English Dictionary seine Ausgabe um 26 koreanische Lehnwörter erweitert. Daebak. Manhwa. Oppa. Und so weiter. Britische Sprachpessimisten scheinen das bisher gut wegzustecken.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB