Süddeutsche Zeitung

Südkorea:Killerfragen und Fragenkiller

In Südkorea geben Eltern immer mehr Geld für Nachhilfe aus, damit ihre Kinder den Sprung auf gute Universitäten schaffen. Wie die Regierung dagegen vorgehen will.

Von Thomas Hahn, Seoul

Die Killerfrage löst sicher nicht denselben Horror aus wie andere Killer der Schlagzeilen-Kultur, wie das Killervirus zum Beispiel oder der Killerhai. Aber unterschätzen sollte man sie nicht, deshalb hat Südkoreas Regierung ihr jetzt offiziell den Kampf angesagt. Killerfragen im zentralen Eignungstest für die Universitäten bedrohen Karrieren und schüren Ängste unter Jugendlichen. Bildungsminister Lee Ju-ho hat auf einer Pressekonferenz erklärt, wie er ihren Angriff abwehren will. Sie werden abgeschafft.

Das Killen der Killerfragen ist eine der Maßnahmen, mit denen Südkorea die Auswüchse des heimischen Bildungssystems bekämpfen will. Vor allem geht es darum, den Einfluss der privaten Nachhilfeschulen, der sogenannten Hagwons, zurückzudrängen, die neben den öffentlichen Schulen zu einer eigenen Macht gewachsen sind. Dass es so weit kommen konnte, liegt daran, dass alle im Land fast wie besessen sind von dem Glauben, nur Bestnoten brächten Erfolg und Status. Besonders wichtig ist dabei besagter Eignungstest nach der zwölfjährigen Schulkarriere: Der sogenannte College Scholastic Ability Test (CSAT), auf Koreanisch Suneung, findet jedes Jahr im November statt. Die neunstündige Prüfung in Koreanisch, Englisch, Mathematik, Wissenschaft und Sozialkunde entscheidet darüber, ob man auf eine Elite-Universität in Seoul kommt oder mit einem Abschluss aus Gwangju oder Busan in den Wettbewerb um die besten Jobs eintreten muss.

Für das bestmögliche Suneung-Ergebnis schicken Eltern ihre Kinder immer häufiger in Hagwons. Nach Zahlen des koreanischen Statistischen Amtes wurde 2022 so viel in Nachhilfe investiert wie noch nie: 26 Billionen Won, umgerechnet 18 Milliarden Euro - und das, obwohl es 0,9 Prozent weniger Schüler gab als im Vorjahr. Im ersten Quartal 2023 gaben Familien mit relativ hohem Einkommen mehr für Nachhilfe aus als für Essen, nämlich monatlich 1,14 Millionen Won, 793 Euro.

Das Ministerium spricht von "Kartellen"

Hagwons haben auch deshalb so viel Zulauf, weil manche von ihnen dank teurer Kontakte eine derart präzise Suneung-Vorbereitung bieten, dass der Nachwuchs anschließend sogar Killerfragen lösen kann. Einigen ehemaligen CSAT-Machern wird vorgeworfen, dass sie Übungsfragen an Hagwons verkaufen oder bei den Bildungsfabriken als Lehrer anheuern. Das Bildungsministerium spricht von "Kartellen" zwischen Vertretern des staatlichen Schulsystems und der Nachhilfe-Industrie.

Die Doppelbelastung durch den staatlichen und den privaten Unterricht stresst die Jugendlichen. Und die Killerfragen sind tatsächlich absurd schwierig. Das Erziehungsministerium hat insgesamt 22 solcher Fragen aus den vergangenen drei Jahren gesammelt. Sie bieten einen Einblick in die Extreme des koreanischen Bildungssystems. In Englisch mussten die 18-Jährigen zum Beispiel Multiple-Choice-Fragen zu einer Passage aus dem Buch "How Photography changed Philosophy" des Kunstforschers Daniel Rubinstein beantworten. In Mathe gab es Aufgaben, deren Lösungsansatz laut Analyse "normalerweise an der Universität gelehrt wird".

Schluss damit also. Im Suneung soll es nur noch Fragen geben, die man mit dem Wissen aus der staatlichen Schule lösen kann. Allerdings hat die Regierung auch längst klargestellt: Einfacher werde der Eignungstest dadurch nicht.

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