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Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek:Band 47: Winterbucht von Mats Wahl

O Brüder & Schwestern, habt ihr schon mal was von der Winterbucht gehört? Die Wogen und das Wasser zwischen Aspudden und Bromma, die Wellen, Brüder & Schwestern, der Wellenschlag am Ufer, das Klirren der Steine am Strand, das Rauschen des Windes im Schilf und ein flatterndes Segel an einem Hochsommertag?

Schwestern & Brüder, habt ihr Essinge gesehen? Die Hochbrücke, die über das Wasser führt, habt ihr Björnholmen und Kärsön gesehen und die Segelboote, die mit vollen Segeln von Bromma herübergesegelt kommen? O Brüder, o Schwestern! Es gibt so vieles, was ihr nicht wisst, so vieles, was ihr nie gesehen habt!

"Sprichst du mit dir selbst?", fragt Fighter, während er genüsslich in der Nase popelt. Ich antworte nicht, weil ich viel zu sehr von einem Boot in Anspruch genommen bin, das mit vollen Segeln auf unseren Felsen in der Winterbucht zuhält. "Lass das lieber", sagt Fighter. "Ich kannte mal einen, der ist von einem Eiswagen übergemangelt worden, weil er mit sich selbst gesprochen hat, anstatt aufzupassen." Fighter begutachtet einen gigantischen Popel, der an seiner Fingerspitze klebt, und schnippt ihn mit einem Zug leidenschaftlicher Verachtung um den Mund in Richtung Segelboot. "Aber vielleicht ist das ja halb so wild für jemanden, der Schauspieler wird", sagt er und gräbt weiter in der Nase. "Vielleicht bringen sie euch in der Schule ja bei, wie man gleichzeitig mit sich selbst sprechen und einen Zebrastreifen überqueren kann, ohne überfahren zu werden." Das Segelboot gleitet dicht am Ufer entlang. Es ist bestimmt zwölf Meter lang und hat ein monströses, verzinktes Steuerrad. Der Mann hinterm Steuer trägt weiße Bermudashorts und einen blauen, kurzärmeligen Pulli. Gegen die Sonne trägt er eine Sonnenbrille und eine schneeweiße Schirmmütze. Er ist braun gebrannt und sieht extrem cool aus. Sein Rasierwasser ist bis hierher zu riechen, obwohl er mindestens fünfundzwanzig Meter entfernt ist. So kommt es mir wenigstens vor, cool, wie er ist. Er ist von drei flotten Bräuten umringt, ungefähr in meinem Alter, und alle drei in minimalsten Bikinihosen und ohne Oberteil. Fighter hat mit der Popelei aufgehört und sich den Mädchen zugewendet. "Hierher!", rufe ich, als das Boot zu einer Halse ansetzt. Einen kurzen Augenblick flattern die Segel schlaff im Wind, bevor das Boot wieder Fahrt aufnimmt. Eins der Mädchen schaut zu uns herüber und winkt uns zu. "Hierher!", rufe ich ihr hinterher. Der coole Typ in den Shorts bewegt nicht einmal den Kopf. Die anderen beiden Mädchen sind wie wild am Kurbeln. "Es riecht nach Mösen!", grölt Fighter und erhebt sich. Das Boot verschwindet in Richtung Bromma. "Warum wohnen bloß alle tollen Weiber auf der anderen Seite?", fragt Fighter ganz verzweifelt und setzt sich wieder hin. "Weil sie Kohle haben", antworte ich ihm. "Bei denen gibt's schon zum Frühstück Steaks, Kartoffelbrei aus der Tüte ist denen vollkommen unbekannt und Tomaten und Erdbeeren gibt es den ganzen Winter über." "Ein Boot müsste man haben", seufzt Fighter. "Dann könnte man einfach zur anderen Seite rüberpaddeln. Dann bräuchten wir auch nicht mehr hier hocken und uns das Hirn in der Sonne weich kochen zu lassen." "Schau mal", sagt er gleich darauf und zeigt mit seinem Popelfinger aufs Wasser hinaus. "Da kommt deine süße Schwester." Es stimmt, was er sagt. Zwischen den Wellen zeigt sich ein strohblonder Kopf mit gerader Nase, ein breiter Mund und ein Stück sonnenbrauner Schulter. "Ein echter Leckerbissen, dein Schwesterlein", sagt Fighter und bohrt zur Abwechslung mal im anderen Nasenloch. "Sie kann Leute nicht ausstehen, die sich das Hirn auskratzen und Stück für Stück aus der Nase ziehen", sage ich und stehe auf. "Ein Boot müsste man haben", wiederholt Fighter und winkt Lena mit einem Popel am Zeigefinger zu. Der Popel könnte einen Bombenalarm auslösen, wenn man ihn in Packpapier verpackt am Bahnhof liegen lassen würde. "Ich will ein Boot!", brüllt Fighter einem Surfer entgegen. Der kriegt richtig Schiss und düst in seinem wespenfarbenen Surfanzug in Richtung Essinge davon. Lena ist am Fuß unseres Felsens angelangt und sucht mit Händen und Füßen Halt in den Spalten und Vorsprüngen im Stein. Wie der erste Mensch entsteigt sie mit wippenden Brüsten und flatterndem Haar den Fluten des Mälaren. "Ganz schön weit bist du geschwommen", sagt Fighter. Lena legt ihr Haar über die linke Schulter und wringt es aus. "Findest du?" "Viel zu weit bei dieser Hitze. Wie schaffst du das bloß?"Lena lacht. "Warum liegst du auch die ganze Zeit auf dem Trockenen. Du solltest mal ins Wasser springen, dann würde es dir gleich besser gehen. Es ist nicht mehr als neunzehn, höchs-tens zwanzig Grad warm." "Ich hasse Schwimmen", sagt Fighter. "Kennst du vielleichtjemanden, der ein Boot hat?" "Ein Boot?", fragt Lena. "Nein, ich kenne niemanden mit Boot."Lena ist in ihren roten Rock gestiegen und fährt sich mit einem Kamm, groß wie ein Rechen, ein paar Mal durchsHaar. Sie schüttelt den Kopf und Fighter bekommt ein paarWassertropfen ab. "Pfui Teufel", schreit er und schüttelt sich."Gehst du nach Hause?", frage ich meine süßeste Schwester und beste Freundin."Ja", sagt sie."Grüß den Scheißhaufen.""Irgendwas Besonderes vorgefallen?""Bestell ihm, dass bei dieser Hitze die Scheißhaufen verwe- sen."Lena verdreht die Augen und zieht einen Pulli über den Kopf, schlüpft in ihre Sandalen und trocknet sich das Ge-sicht ab. "Soll ich das Handtuch hier lassen?", fragt sie."Lass rüberwachsen", sage ich. Sie wirft es lachend zu mir herüber."Wir sehen uns. Grüß Oma von mir.""Natürlich", sage ich."Vergiss nicht, dass du Montag Schule hast." Sie lächelt mich an und legt ihre süße Stirn in Falten. "Bist du auch ganz sicher, dass du niemanden mit Boot kennst?", nervt Fighter. "Ciao!" Lena winkt, schnappt ihre geflochtene Basttasche und verschwindet über die Felsen. Fighter glotzt ihr hinterher, wie er jedem menschlichen Wesen hinterherglotzt, das in seiner Kindheit mit Puppen gespielt hat. "Verdammt schnuckelig", sagt er und seufzt. Und damit hat er auch schon wieder seinen Finger in der Nase und sucht seine Stirnhöhle nach Popeln ab. Ein noch größeres Segelboot als vorhin kommt auf unseren Felsen zu, mindestens fünfzehn Meter lang. Zwei alte Knacker brüten auf der Sitzbank. Sie tragen weiße Shorts und weiße Schirmmützen mit großen Abzeichen. Sie sind braun gebrannt nach diesem Sommer, in dem es so viel Sonne gegeben hat wie schon seit Menschengedenken nicht mehr. Direkt vor unserer Nase macht das Boot eine Halse und hält auf das andere Ufer zu. "Was kostet so ein Teil wohl?", fragt Fighter. "Zwei Millionen." "Woher haben die bloß so viel Knete?" "Die sind eben clever." "Wir etwa nicht?" "Clever?" "Ja?" "Vielleicht später mal." Fighter sieht seine Riesenhände an. "Meinst du, dass es clever ist, Schlachter zu werden?" "Verdammt clever", sage ich. "Zwischen Fleisch und Würsten liegt das dicke Geld begraben." "Schwarze Schweine und schwarze Würste. Meinst du, dass man damit Geld machen und sich so ein Teil leisten kann?" Er zeigt auf das Segelboot."Na klar", sage ich."Du bist auf alle Fälle cleverer", sagt er. "Wirst Schauspieler. Ich hab mal von einer gehört, die kassiert hundertfünfzig-tausend am Tag nur dafür, dass sie sich ein paar neue Kla-motten überzieht und sich fotografieren lässt." "Das ist keine Schauspielerin, das ist ein Fotomodell. EinSchauspieler spielt Theater oder macht Filme. Ein Schau-spieler zieht keine geliehenen Klamotten an." "Müssen Schauspieler eigene Klamotten haben?" "Nee, aber Schauspieler und Modelle sind auf keinen Falldas Gleiche. Ein Modell ist ein Kleiderständer. Ein Schau-spieler ist was völlig anderes." "Und was?" Dem Tonfall seiner Stimme ist anzumerken,dass er es wirklich wissen will. "Was völlig anderes eben. Der gleiche Unterschied wie zwi-schen uns und einem dieser Kerle auf dem Segelboot."Er sieht mich wie ein großes Fragezeichen an. "Kapiert?", frage ich."Na klar", sagt er. "Klar hab ich das kapiert."

Süßeste Schwestern! Warum seid ihr immer auf der anderen Seite? Warum liegt immer irgendeine Art Ozean zwischen uns? Warum muss man sich immer so verdammt anstrengen, um zu euch auf die andere Seite zu kommen? Warum seid ihr immer woanders als wir? Warum muss man sich wie ein Tier abrackern, um zu euch zu kommen?

Als wir in Aspudden am Sportplatz vorbeikommen, ist die Hitze kaum noch zu ertragen. Außer uns scheinen sich alle in ihren vier Wänden aufzuhalten. Es ist, als ob die Stadt sich zur Ruhe begeben hätte. Die Menschen sind verstummt und liegen nackt und mit einem Eiswürfel zwischen den Zähnen auf ihren Betten. Da liegen sie und schnappen hinter heruntergelassenen Rollos und Jalousien nach Luft. In der Stenkilsgatan steht ein Audi mit einem sonnenblumenfarbenen Zweierkajak auf dem Gepäckdach. Wir schlendern ganz zufällig auf dem Weg zur U-Bahn daran vorbei. Fighter bleibt wie angewurzelt stehen. Der Audi ist das einzige Auto in der Stenkilsgatan. Es steht dort wie verlassen. Keine Menschenseele weit und breit. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Das Kajak ist mit einem Seil auf dem Dach festgezurrt, das nicht viel dicker als ein Bindfaden ist. Fighter befühlt es mit einer Hand. Er legt den Kopf schräg, sieht erst das Kajak an und dann mich. Die Ruder sind extra befestigt. Schnapp. Das Messer in Fighters Hand. Ein Schnitt hier, ein Schnitt da, ein Schnitt an den Rudern. Schnapp. Wir rennen mit dem Kajak zwischen uns. Fighter hält ein Ruder, ich das andere. Wir rasen zur Winterbucht zurück. Fighter läuft vor mir. "Wir haben ein Boot!" Unten angekommen schmeißen wir das Kajak ins Wasser, stellen uns an die Längsseite und versuchen einzusteigen. Das ist gar nicht so einfach, wie es aussieht, aber ich schaffe es schließlich doch, allerdings nicht, ohne mich vorher so richtig schön nass gemacht zu haben. Fighter grölt vor Lachen und zwängt seinen beachtlichen Körper in das hintere Loch. "Auf geht's", lässt er sich von hinten vernehmen. Gleichzeitig setzen wir die Ruder rechts ins Wasser und es schießt, nur durch die Kraft unserer Arme, wie ein goldener Pfeil aufs Wasser hinaus. "Yipphie!", schreit Fighter mir in den Nacken. "Yipphie, wir haben ein Boot!" Von Aspudden bis nach Brommaland auf der anderen Seite sind es nicht mehr als achthundert Meter, und bevor wir überhaupt das andere Ufer erreicht haben, landen wir auch schon mitten in einer Gruppe Mädchen, die im Wasser stehen und einen Tennisball hin und her werfen. Ich halte direkt auf sie zu. "Wo wollt ihr hin?", ruft uns eine richtig süße Fünfzehnjährige zu. Sie hat ihr Haar mit einem roten Haarband über dem Kopf zusammengebunden. Eins der älteren Mädchen, ohne Bikinioberteil, hält das Kajak am vorderen Ende fest. Eine Kleine, die nicht älter als elf sein kann, wirft mir den Tennisball zu. Ich fange ihn mit links aus der Luft und werfe ihn zurück. Schräg hinter uns streckt ein Mädchen seine Hand nach Fighter aus, aber er achtet gar nicht darauf, sondern äußert sich stattdessen besorgt, dass das Mädchen vorne doch aufpassen soll, damit sie uns nicht zum Kentern bringt. "Was würde dann passieren?", fragt sie und hievt sich auf das vordere Ende, sodass es ganz im Wasser verschwindet. Sie hat diese Bräune, die schon drei Zentimeter unter der Haut anfängt. Der Tennisball fliegt mir an den Kopf und die Elfjährige lacht. "Wo wollt ihr hin?", prustet die Süße. "Wir trainieren fürs Mälarrennen", sage ich. "Wollt ihr gar nicht baden?", ruft die Elfjährige und zielt wieder nach meinem Schädel. Diesmal trifft sie mich am Ohr. Es tut nicht schlecht weh, der Ball ist nämlich noch ziemlich neu und zottelig und hat sich mit Wasser voll gesogen und ist schwer und glitschig. Ich versuche, den Ball zu fangen, aber es klappt nicht. Das Mädchen neben Fighter hebt sich plötzlich aus dem Wasser. "Sie will uns kippen!", brüllt Fighter, lässt sein Ruder auf der rechten Seite ins Wasser und stößt sich ab. Ich mache das Gleiche, und dem Mädchen am vorderen Ende bleibt nichts anderes übrig, als loszulassen. Mit ein paar schnellen Schlägen haben wir uns in Sicherheit gebracht. Wir lassen die Ruder ruhig hängen, und ich wende das Kajak, damit wir die Mädchen wieder im Blick haben. Die vier liegen auf dem Wasser und winken uns hinterher. "Kommt zurück!" Fighter lacht, wir setzen die Ruder ins Wasser und wollen gerade zu den Nixen von Bromma zurückkehren, als ein Motorboot ziemlich nah am Ufer um die Landzunge gerast kommt. Es hat ein Tempo drauf, neben dem jedes Feuerwehrauto im Einsatz wie eine verdammt lahme Schnecke wirkt. Das Teil scheint einen halben Meter über der Wasseroberfläche zu schweben. Die Windschutzscheibe ist schwarz und das Boot ist sicher seine acht Meter lang und rast mit affenartiger Geschwindigkeit in Richtung Königinnenbrücke und Hässelbystrand an uns vorbei. Aber bevor sie an der Königinnenbrücke vorbeifliegen und in Hässelbystrand ankommen, müssen sie noch an den vier Mädchen vorbei, die im Kreis im Wasser schwimmen und mit dem Ball werfen. Ich sehe, dass die mit dem Pferdeschwanz sich mit einem Schwimmzug in Sicherheit zu bringen versucht. Dann ist das Boot auch schon vorbei und hinterlässt eine weiße,schäumende Linie.Der Pferdeschwanz schreit. "Patricia! Patricia!"Sie hält sich mit einer Hand am Kajak fest. Das Mädchen ohne Bikinioberteil krallt sich an der anderen Seite fest, da-nach auch die Dritte. "Patricia!", schreit die mit dem Pferdeschwanz. Ihre Augen sind zwei tiefe schwarze Brunnen. Der gelbe Ball schwappt in ein paar Meter Entfernung auf dem Wasser.Ich zwänge mich aus der Sitzmulde und bringe unser Ge-fährt zum Kentern, mache ein paar Schwimmzüge auf den Ball zu und tauche. Je tiefer ich komme, desto kälter wird es. Unter Wasser höre ich Motorengeräusch näherkommen.Da sehe ich sie. Sie liegt direkt unter der Oberfläche, mit aufgelöstem Haar, die Arme nach vorne gestreckt und die Beine leicht gespreizt, als ob sie schwimmen würde. Aber sie bewegt sich nicht. Der Körper liegt ganz still.Sie ist direkt über mir, ich kann das Sonnenlicht durch ih-re Haare schimmern sehen. Ich fasse sie und ziehe sie an die Oberfläche. Fünf Meter entfernt schwankt das Kajak mit den Mädchen und Fighter. Ein Ruderboot mit Außenborder und zwei Männern liegt neben ihnen. "Hilfe!", rufe ich. Die Jungen im Ruderboot drehen sich zumir um und sehen, dass ich den Kopf der Elfjährigen nur mit Mühe über Wasser halten kann.Sie kommen herübergefahren und ziehen das Mädchen anden Armen ins Boot. Ich klettre hinterher. Der eine hat sie mit dem Bauch über die Ruderbank gelegt und drückt ihr mit der flachen Hand zwischen die Schulterblätter. Ihr läuft Wasser aus der Nase und dem Mund. Danach legt er sie auf den Boden, legt seinen Mund auf ihren, hält ihr die Nase zu und bläst. Sie schlägt die Augen auf! Als das Ruderboot auf den Sand aufläuft, hat sich schon ein Haufen aufgeregter Leute am Strand versammelt. Ich nehme das Mädchen auf den Arm und gehe mit ihr an Land. Ihr Körper ist knochig, sie wiegt fast nichts. Eine Frau mit blau-weiß gepunktetem Bikini und extrem breitem und geschminktem Mund versucht sich schreiend einen Weg durch die Ansammlung zu bahnen. "Patricia!", ruft sie. "Patricia!" Ich lege das Mädchen auf den heißen Sand. Die Frau im gepunkteten Bikini fällt auf die Knie. Eine andere kommt dazu. "Ich bin Ärztin!" Sie setzt sich neben das Mädchen und fragt sie nach ihrem Namen, während sie ihren Puls fühlt. "Patricia", antwortet sie und ihre Lippen haben etwas von aufgeweichter Seife. Jemand hat eine Decke geholt. Die Mutter weint und schmeißt sich über ihre Tochter. Das Mädchen schlägt die Arme um ihren Hals. Die angebliche Ärztin steht auf. "Mit der Kleinen ist alles in Ordnung. Sie hat einen leichten Schock bekommen, aber sie wird sich schnell erholen." Der gelbe Tennisball fällt neben dem Mädchen in den Sand. Sie sieht zuerst den Ball an und dann Fighter. "Dein Ball", sagt er. Das Mädchen lächelt mit bleichen Lippen und lehnt sich an die Schulter ihrer Mutter. Ein Mann, der auf der Brust wie ein überalterter Pudel aussieht, drängt sich durch die Menschen und fällt neben der Frau und dem Kind auf die Knie. "Was ist passiert?" "Sie hat einen Schock", sagt die Ärztin. "Nichts Gefährliches. Sie braucht bloß ein wenig Ruhe." Der Mann dreht sich um. "Hat jemand gesehen, was passiert ist?" Hinter mir steht einer der Männer aus dem Ruderboot. Er zeigt auf mich. "Er ist getaucht und hat sie hochgeholt." Die Mutter sieht hoch, erst zu mir, dann zu dem Mann mit der Pudelbrust. Die Tränen laufen ihr über den Mund. "Du musst ihm etwas geben, Frank!"

Schwestern, ach Schwestern, wie sehr sehne ich mich nach euch in den Nächten, wenn ich einsam bin mit mir und meiner Geilheit! Wie sehne ich mich nach euren Körpern, ihr weichen Schwestern mit dem wiegenden Gang und den lockenden Gliedern. Ich strecke meine Arme nach euch aus und flüstere euren Namen, immer wieder. O Schwestern, ich sehne mich so sehr nach euch, dass ich am Tage und in der Nacht brenne. Das ist meine Sehnsucht - ein verzehrendes Feuer.

Frank fährt und ich sitze neben ihm. Auf der Rückbank drängeln sich Patricia, ihre Mutter und Fighter. Sie brabbelt ununterbrochen was von ihrem kleinen Mädchen, das wie durch ein Wunder aus der Tiefe emporgezogen wurde. Frank biegt schließlich in eine Einfahrt ein und bremst vor einem weiß verputzten, zweistöckigen Steinhaus. Es liegt so hoch, dass man von dort Ausblick über den ganzen Mälaren hat. Man kann Essinge und die Winterbucht sehen und auf der anderen Seite Björnholmen und Fågelön. Frank geht uns voran durch die Haustür. Die Mutter wiederholt laufend, was für ein Glück Patricia doch gehabt habe, dass sie nicht den Propeller ins Gesicht bekommen hat. Hinter der ersten Tür liegt ein Vorflur, in dem sich eine weitere Tür mit Codealarm befindet. Frank gibt vier Zahlen ein und öffnet danach die Sicherheitstür mit einem Schlüssel von einem monströsen Schlüsselbund. "Bitte schön", sagt er und hält mir und Fighter die Tür auf. Frank führt uns in einen Raum mit Glaswänden und Ausblick über den Mälaren. An den Wänden hängen riesige Gemälde, die aussehen, als ob sie von einem dreijährigen Kind gemalt worden wären. Es gibt zwei Sitzgruppen und einen Kamin, der so groß ist, dass man ein Zelt darin aufschlagen könnte. Frank schiebt die Glastüren auf und Patricia legt sich auf eins der Sofas. "Tretet ein", sagt Frank und zeigt mit einer Geste über den Mälaren, als ob ihm das alles samt Aussicht gehören würde. Fighter tritt vor mir auf die Veranda hinaus, auf der Gartenmöbel stehen. Eine grün-weiße Markise sorgt für Schatten über den Türen und ein paar Meter weiter liegt ein großer Swimmingpool. Frank steht noch im Wohnzimmer. Fighter spielt mit einem Kugelschreiber, der auf einem der Tische liegt. "Was für eine Aussicht", sagt er und schreibt irgendetwas in die linke Handfläche. Er legt den Kugelschreiber zurück und grinst mich an. Frank erscheint in der Verandatür. "Vielleicht sollten wir lieber hier drinnen bleiben, Patricia möchte gerne auf dem Sofa liegen." Also begeben wir uns wieder nach drinnen. Patricia liegt mit dem Kopf auf dem Schoß ihrer Mutter. Frank hat vier kleine Gläser auf ein Silbertablett gestellt und hält es uns entgegen. "Ein Glas Sherry gefällig?" "Gerne", sagt Fighter und lächelt erst Frank, dann Patricia und ihre Mutter an. Ich nehme auch ein Glas. Frank geht mit dem Tablett zum Sofa hinüber und bietet Patricias Mutter ein Glas an. "Willst du irgendetwas haben?", fragt er Patricia, aber sie schüttelt den Kopf. Frank stellt das Tablett weg. "Dann mal Prost, Jungs." Er hebt sein Glas und prostet uns zu und wir nippen alle am Sherry. Außer Fighter, der ihn in einem einzigen Zug runterstürzt. "Süß und gut", sagt er, grinst Frank an und stellt sein Glas auf den Tisch. Frank öffnet die Schublade eines Schreibtisches, der in einer Zeit hergestellt worden zu sein scheint, in der es noch Petroleumlampen gab. Er zieht einen gesangbuchdicken Stapel Scheine aus der Schublade, von denen er zwei kleinere Stapel abnimmt. Den Rest schiebt er zurück in die Schublade. Danach kommt er auf mich zu und hält mir ein Bündel Scheine entgegen. Er duftet schwach nach irgendeinem Rasierwasser oder so. "Ich danke dir, John", sagt er. "John-John", sage ich. "Ach ja. John-John. Gäbe es ein paar mehr von deiner Sorte in diesem Land, würde nicht alles zur Hölle gehen." Er streckt eine Hand aus, die auf der Oberseite stark behaart ist. Sein Handschlag ist fest und warm. Das gefällt mir. Und besonders gefällt mir seine Art, wie er mir das Geldbündel in die Hand drückt. Ich bedanke mich und mache einen Diener. Dann wendet Frank sich an Fighter und gibt ihm einen ähnlichen Packen Scheine. Plötzlich geht die Außentür. Leichte Schritte auf dem Boden. Ein Mädchen mit gewaltiger Haarmähne betritt den Raum. Ihre Haare reichen ihr fast bis an den Hintern. Sie hat einen Erdbeermund und Zähne wie Zuckerstücke, lächelnde Augen und einen Körper, wie man ihn auf allen Plakaten der Stadt sehen kann, die für Unterwäsche werben. Sie trägt ein dünnes Baumwollkleid mit breiten roten und weißen Streifen und hält eine Sonnenbrille in der Hand. "Hallo", sagt sie, und man sieht ihr aus zehn Kilometer Entfernung an, dass sie zu gerne wissen würde, was so jemand wie Fighter in der Millionenvilla ihrer Eltern zu suchen hat. Patricia springt aus dem Sofa hoch und fliegt ihr um den Hals. "Elisabeth, ich wäre fast ertrunken! John-John ist hinterhergetaucht und hat mich gerettet." Sie dreht sich um und zeigt mit ihrem kleinen Finger auf mich, der dünner als ein Bleistift und so kurz wie ein Zahnstocher ist. Die, die Elisabeth heißt, wuschelt Patricia durchs Haar und drückt sie an sich. Dann kneift sie die Augen zusammen und begutachtet mich. Sie legt den Kopf ein wenig schräg und nimmt mich genau unter die Lupe, während Patricia erzählt. "Wir haben mit dem Ball gespielt, vor den Bojen." "Ich habe dir doch gesagt, dass du auf der anderen Seite der Bojen nicht schwimmen darfst", unterbricht Patricias Mutter sie und hält Frank ihr leeres Sherryglas entgegen. "Ich und Louise und Nille und Eva Dannefalk. Wir haben mit dem Ball gespielt und dann sind John-John und Fighter in ihrem Kanu vorbeigekommen. Sie haben gehalten und sind dann weitergefahren und dann kam das Motorboot. Ich habe gesehen, wie es direkt auf mich zugerast ist, und dann bin ich ohnmächtig geworden. Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern, bis ich im Ruderboot lag, nachdem John-John hinter mir hergetaucht war und mich hochgezogen hat." "Wir haben ganz gewaltiges Glück gehabt", sagt Frank und schenkt Fighter Sherry nach. Fighter verbeugt sich und schluckt den Inhalt hinunter, wie ein Hund ein Stück Gehacktes verschlingen würde. Elisabeth drückt Patricias Kopf an ihren Bauch und tätschelt ihr mit der Hand, in der sie die Sonnenbrille hält, die Wange. Dabei sieht sie mich die ganze Zeit an und ich halte ihren Blick fest. "Fahren wir eigentlich zu Oma?", fragt sie. "Ach, stimmt ja", sagt Frank. "Meinst du, dass du das schaffst, Patricia?" Sie nickt. Frank sieht seine Frau an und dann Elisabeth. "Also, dann fahren wir." "Wann?", fragt Elisabeth, immer noch Patricias Wange tätschelnd. Frank schaut auf eine Armbanduhr, für die man sich auch einen Kleinwagen leisten könnte. "So in einer halben Stunde." "Aber wir bleiben doch nicht über Nacht, oder?", fragt Franks Frau.