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Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek:Band 44: Mojsche und Rejsele von Karlijn Stoffels

Tel Aviv, 1995 Ich wusste nicht, wie sie mich gefunden hatten. Und es war mir auch egal. Wenn sie mich nur in Ruhe ließen. Ich wollte mit niemandem reden, ganz bestimmt nicht im Radio. Und schon gar nicht über Korczak und sein Waisenhaus. Durch das offene Fenster drang das Leben auf der Straße herein. Gehupe, Musik, ein weit entfernter Muezzin* und die Hitze von Tel Aviv.

Der junge Mann mir gegenüber war voller Energie. "Sie haben das alles mitgemacht", sagte er, "es ist doch eigentlich Ihre Pflicht ..." "Ich scheiße auf Ihre Pflicht", sagte ich. "Es ist ein halbes Jahrhundert her, ich habe alles vergessen. Und jetzt muss ich arbeiten." "Ich dachte ... nun, da Sie pensioniert sind ..." Ich schob ihn zur Tür. Am Aufzug versuchte er es noch einmal. "Und das Kindergericht, Herr Schuster ... Erinnern Sie sich?" "Nein", sagte ich und machte meine Wohnungstür zu. Zwei Dinge aus meiner Zeit bei Doktor Korczak waren mir immer in Erinnerung geblieben. Das eine war, dass man

Mit einem Sternchen gekennzeichnete Wörter werden am Ende des Buches kurz erklärt. nicht lügen durfte. Dieses Verbot hatte ich gerade übertreten. Dann das andere, das war das Kindergericht. Und daran erinnerte ich mich nur allzu gut. Es war 1939. Ich war noch nicht lange im Waisenhaus und hatte der wöchentlichen Gerichtssitzung bisher entkommen können. Die ganze Woche Schule war mehr als genug. Aber Mietek hatte mich angeklagt und als Beschuldigter konnte ich nicht wegbleiben. Sie saßen herausgeputzt da, hinter dem Tisch, und machten wichtige Gesichter. Pavel war Vorsitzender. Er war fünfzehn und hätte das Haus schon längst verlassen müssen, aber wegen der Belagerung Warschaus war alles ein bisschen durcheinander. Sie ließen ihn auf die Jüngeren aufpassen und kleinere Arbeiten verrichten, genau wie Baruch, der die Leitung der Schuhmacherei hatte. "Die Anklage gegen Mojsche lautet, dass er sich nicht beteiligt, dass er immer schlechte Laune hat, seinen Dienst vergisst, einfach losschlägt und die Kleinen umrennt." "Herr Vorsitzender!" Das war Jossel. Ein elender Naseweis von neun oder zehn und dazu noch orthodox bis zum Gehtnichtmehr. So einer, der die Tora* auswendig kannte und außerdem auch noch Geige spielte. "Herr Vorsitzender, Sie dürfen nicht ... die Kleinen ... sagen. Jedes Kind ist ein vollwertiger Mensch, Doktor Korczak hat das ganz richtig formuliert. Ich zitiere ..." "Schlepp doch den Vorsitzenden vor das Gericht!", rief ich Jossel zu. Keiner lachte. Pavel bot den Kleinen seine Entschuldigung an und die Sitzung wurde fortgesetzt. Das Kinderhaus gegen Mojsche Schuster. "Warum darf ich keine schlechte Laune haben? Es ist Krieg, verdammt! Die Bomben fliegen einem um die Ohren. Es gibt fast nichts mehr zu essen ..." "Faule Ausreden", rief Mietek. "Der Herr hat Probleme, aber die soll er nicht an uns auslassen!" "Nun, du bist natürlich ein Engelchen", maulte ich. Er wandte sich an den Saal. "Mojsche hatte schon schlechte Laune, bevor der Krieg angefangen hat." Gelächter. Das gefiel ihm. "Was sage ich? Schon vor dem letzten Krieg war er eine kleine Giftschlange." Alle begannen durcheinander zu schreien. Der Stab griff nicht ein. Anordnung von Korczak. Der war jetzt viel unterwegs. Er rannte von Barrikade zu Barrikade, um die Kämpfer zu ermutigen. Die Deutschen hatten Warschau umzingelt. Deshalb durfte der Doktor ausnahmsweise, obwohl er Jude war, wieder ins Studio. Täglich sprach er den Warschauern Mut zu. Er tröstete die Menschen, die jemanden verloren hatten, und ermutigte die "Volksdeutschen", sich für die polnische Seite zu entscheiden. Die Juden brauchte er nicht anzuspornen: Sie kämpften an seiner Seite, mit dem Rest von Polen, den die Deutschen noch nicht erobert hatten. "Wir haben ein Problem mit Neujahr", sagte Rejsele. "Keine Ablenkungsmanöver", rief Mietek. Ich hatte gar nicht gewusst, dass er so lange Wörter kannte. "Wir wissen alle, dass Mojsche in deiner Gruppe ist. Hör auf, die Hand über ihn zu halten." Rejsele wurde rot, blieb aber stehen. "Lasst mich aussprechen. Es geht ja um Mojsche." Pavel schlug mit dem Hammer auf den Tisch. "Wir wollten Äpfel mit Honig machen, für unser Neujahrsfest", sagte Rejsele. "Jan sollte einen Schubkarren voller Äpfel vom Bauernhof bringen, aber jetzt kann er natürlich nicht kommen." "Wir schicken Mojsche durch die deutschen Linien!", rief Mietek. Das ging zu weit. Es wurde ganz still und alle schauten zu Esther, die neben Rejsele saß und schluchzte. Plötzlich sprang sie auf und rannte hinaus. Esther hatte gesehen, dass die Stadt brannte. Sie hatte Tote und einstürzende Häuser gesehen. Für uns, auf unserer Insel, war der Krieg noch nicht wirklich geworden. Es ging zu schnell. Die Deutschen waren ohne großen Widerstand in Polen eingefallen. Die Armee hatte sich heftig gewehrt, aber es gab nicht genug Waffen für die Soldaten. Jans Vetter war nicht einmal einberufen worden. Waffen? Nicht mal genug Schuhe haben wir, sagte er. Warum sie Warschau noch verteidigten, war mir ein Rätsel, aber ich hütete mich, das zu sagen. Es war aus mit uns. Eine Erzieherin rannte Esther hinterher. Rejsele ließ sich nicht beirren. "Wir können also keine Äpfel mit Honig essen, aber es gibt genug Mehl für Kuchen. Ich schlage vor, dass Mojsche in der Küche hilft, um seinen guten Willen zu zeigen." Der Vorschlag wurde angenommen. Jetzt hatte es mich erwischt. Das Gericht ging auseinander.

In der Wohnung wurde es mir zu eng. Der Mann von Radio Tel Aviv hatte mich durcheinander gebracht. Unruhig lief ich die Treppe hinunter. Was wollten sie plötzlich mit Korczak? Mussten sie wieder davon anfangen? Ich machte meinen Morgenspaziergang durch den Basar. Schalom, Herr Schuster, wie geht's? Vermissen Sie Ihren Laden nicht? Ich nickte nach links und nach rechts und ging nach Hause zurück, um zu essen. Ich stellte die Hühnersuppe auf und setzte mich mit meiner Zeitung an den Küchentisch. Ich mochte den Geruch von Essen bei den täglichen schlimmen Nachrichten. Aber heute las ich kein Wort. Ein seltsames Kopfweh befiel mich, und die Buchstaben tanzten über die Titelseite. Ich stellte das Radio an und hörte mit halbem Ohr zu, während ich mir drei Aspirin in einem Glas Bier auflöste und hinunterkippte. Wahlen, besetzte Gebiete. Ich rührte in der Suppe. Als ich aß, fiel die Unruhe von mir ab. Ich wusste, warum. Der Mann im Radio sprach mit einem polnischen Akzent. Ich machte die Augen zu und lauschte den vertrauten Klängen. Der Inhalt interessierte mich nicht. Es ging um Politik. Aber ich mochte den polnischen Akzent. Es folgte Geigenmusik. Eine Melodie, die ich von irgendwoher kannte. Aber woher? Dann kam der polnische Akzent wieder. Nun hörte ich zu. Es ging nicht um Politik, sondern um einen Wissenschaftler, der ein Buch über Mordechaj Gebirtig* schrieb. Ich aß meinen Teller leer, ohne etwas zu schmecken, und fühlte, wie mein Herz klopfte. Die Geige begann wieder zu weinen. Diesmal gab es kein Entkommen. Gebirtig, natürlich. Hunderte von Malen hatte ich Lieder von ihm im Radio gehört, aber nicht dieses. Ich versuchte aufzustehen, um das Gerät auszuschalten, doch meine Beine wollten mir nicht gehorchen. Eine Frauenstimme sang. "Dort im Gässchen stehtstill verträumt ein Haus.Drinnen, in der Bodenstube,wohnt meine liebe ..." Es war mir gelungen, gerade noch rechtzeitig. Das Birnchen am Radio ging aus, die Stimme erstarb. Keuchend lehnte ich mich an die Spüle. Nein, es war doch zu spät. In meinem Kopf, der nun fast auseinander brach, überschlugen sich die Erinnerungen in ihrer Eile, ans Licht zu kommen. Ich wankte zum Tisch, warf das Bier um und ließ mich auf den Stuhl fallen. Das Haus meiner lieben ... Ich sah es in der Ferne. Nicht tausende von Kilometern weit weg und mehr als fünfzig Jahre zurück in der Zeit, sondern ein paar hundert Meter von mir entfernt. Ich konnte den Zaun schon sehen und das Dach, das hoch über den riesigen Kastanienbaum herausragte. Langsam und zögernd lief ich darauf zu, auf ihr Haus, das Haus der Kinder, Doktor Korczaks Waisenhaus in der Krochmalnastraße.

II Warschau, 1939

Wie heiß es ist. Ich stelle die schwere Tasche ab und wische mir den Schweiß von den Händen. "Gib mir doch die Tasche, Judenjunge!", hat ein Straßenlümmel gerufen, als wir aus der Straßenbahn stiegen. Ich war wie immer überrascht. Ich bin blond, woran sehen sie denn nur, dass ich Jude bin? Wir haben uns nie groß darum gekümmert, dass wir Juden sind, Vater und Mutter nicht, als sie noch lebten, und Onkel Isaak, bevor er seinen Herzanfall bekam, schon gar nicht. Jetzt bin ich eine wirkliche Waise. Plötzlich denke ich an den Witz über das neugeborene Kind. Ach, nebbich*, rief seine Tante, so klein und schon ein Jude! Natürlich bin ich beschnitten, aber das kann dieser Lümmel doch nicht wissen. Manchmal sind wir in die Synagoge gegangen, und an Pessach* aßen wir Matzes*. Die meisten Polen gehen doch auch an Weihnachten in die Kirche, egal, ob sie nun besonders gläubig sind oder nicht. Ich hatte Lust, dem Jungen eins aufs Maul zu geben, aber da war er schon weitergelaufen. Onkel Isaaks Dienstmädchen wollte mich bis zum Waisenhaus bringen, aber das ging mir zu weit. Ich habe sie zurückgeschickt. Sie sollen mich nicht an der Hand geführt ankommen sehen wie ein kleines Kind. Ich hebe meine Tasche hoch und gehe weiter. Auf der Krochmalnastraße ist viel los. Wohnen hier etwa alle auf der Straße? Ladenbesitzer haben ihre Waren auf den Bürgersteig gestellt. Man kommt fast nicht durch. An einer Ecke stehen einige stark geschminkte Damen. Eine von ihnen zwinkert mir zu. Ich gehe schnell weiter. In was für einer Gegend bin ich hier gelandet? In dem Viertel, aus dem ich komme, Praga, auf der anderen Seite der Wisla, sind die Straßen ruhig, die Häuser hoch und gut gepflegt. Hier sind sie so zusammengesackt, dass einige mit Hilfe von Holzbalken aufrecht gehalten werden müssen. Und all diese orthodoxen Juden mit langen Bärten und Mänteln. Ich werde mich hier nie heimisch fühlen. Ein Stück weiter wird die Straße zum Glück ruhiger und sauberer. Es gibt auch mehr Gärten mit Rasenflächen. Vor einem großen Zaun bleibe ich stehen. Hier muss es sein. Der Hof ist leer und still. Kein Huhn ist zu sehen. Trotzdem gibt es Hühner, denn ich höre ein leises Gackern in den Verschlägen hinter dem Zaun. Ich gehe langsam über den Vorplatz und bleibe im Schatten einer Kastanie stehen. Jetzt tut es mir Leid, dass ich das Dienstmädchen zurückgeschickt habe. Am liebsten würde ich mich umdrehen und weggehen. Zu spät. Eine große, kräftige Frau kommt aus der Haustür. Alles hier ist groß. Das Haus selbst ist vier Stockwerke hoch. Es hat einen Balkon und bestimmt hundert Fenster. Die Haustür ist breit und massiv. Die Frau kommt auf mich zu. Sie ist rund und hässlich. Tausend Warzen hat sie im Gesicht. Kleine Augen schauen mich an. Ihre Hände sind grob und rot. Bestimmt hat sie Schwielen, vom Schlagen. Ein einzelnes Kind, das geht noch, aber jeden Tag hundert Kinder schlagen, davon bekommt man Schwielen. Oder sie benutzt einen Gürtel, das kann auch sein. In Heimen gibt es bestimmt beides, den Gürtel als richtige Strafe und Ohrfeigen für zwischendurch, am Tisch, in der Klasse, im Badezimmer, auf der Straße. Die Warzenfrau steht vor mir. Sie betrachtet mich. Ich starre zurück. Sie wird mich nicht sofort schlagen. Der Hausmeister kommt angelaufen. Ein magerer Mann in einer grauen Stoffjacke. Er hat einen spitzen Bart und eine Brille auf der Nase, und er grinst in sich hinein, als gäbe es auf dieser Welt was zu lachen. In seiner Welt vielleicht. Ich reiche ihm meine Tasche. "Vielen Dank, junger Herr", sagt er. "Möchten Sie mir bitte folgen?" Sobald ich die Chance bekomme, haue ich ab. Eine Arbeit und ein möbliertes Zimmer finde ich immer. Der Hausmeister geht vor mir die Treppe hinauf. Es gibt zwei Geländer, ein niedriges und ein hohes. Seltsam. Im ersten Stock stellt er meinen Koffer ab und macht eine Tür auf. "Ist das mein Zimmer?", frage ich. "Das ist mein Zimmer. Zieh dich aus." Es ist eigentlich kein Zimmer, sondern eine Art Balkon, der hinunterschaut auf den vollkommen leeren Speisesaal unten. Wo sind denn alle? In dem Raum steht ein Schreibtisch, ein Schlafsofa, ein Tisch mit einer Waschschüssel und eine große Waage. "Warum soll ich mich ausziehen?" "Ich werde dich wiegen und dir die Haare schneiden." "Ich bin gerade beim Frisör gewesen." "Allen Neuankömmlingen werden die Haare kurz geschnitten. Wegen der Läuse." Ich mache einen Schritt zur Tür. Wenn Onkel Isaak noch lebte, würde er sich beim Direktor beschweren. Dieser schreckliche Hausmeister würde entlassen werden. Mein Onkel war zwar auch nicht besonders nett, aber eine Peitsche, die man kennt, ist besser als ein Stock, der noch am Baum wächst. "Läuse?", sage ich. "Ich habe keine Läuse. Straßenkinder haben Läuse." "Hier gibt es nur Straßenkinder. Und Läuse kümmern sich nicht darum, ob jemand arm oder reich ist. Von denen kann man noch was lernen." Wieder grinst er. Ich ziehe mich langsam aus. "Als ich bei der Armee war", sagt er, "hatte ich auch Läuse. Obwohl ich der Arzt war." Ich bekomme eine Gänsehaut. Ein Schauer läuft über meinen nackten Rücken. Das ist der Doktor. Das ist Doktor Korczak, der Direktor des Kinderhauses. Und ich habe ihn meine Tasche tragen lassen, als wäre er der Hausmeister. Er hat mich reingelegt, der Drecksack. "Du siehst wirklich sauber aus", sagt er freundlich. "Deine Kleidung auch, sogar deine Unterwäsche. Vielleicht sollten wir für dich eine Ausnahme machen." "Gerne, Herr Doktor." Er zupft nachdenklich an seinem Bart. "Du bist dann aber der einzige Neuankömmling mit langen Haaren. Alle werden dich anstarren. Sie werden sagen, dass du bei mir einen Stein im Brett hast. Oder bei Frau Stefa, unserer Direktorin. Und so etwas hassen sie hier wie die Pest." Ich gebe es auf. Sie beschwatzen einen doch immer. Sie sagen: "Natürlich darfst du drei Portionen Eis essen, mein Schatz, aber dann bekommst du heute Nacht bestimmt Bauchweh." Oder: "Stell dich ruhig auf die Mauer. Aber wenn du in den Fluss fällst, ertrinkst du, da kann dir niemand helfen." Oder: "Du willst also mit den Straßenbengeln Fußball spielen? Und wenn du Geschwüre bekommst? Wer muss sich dann um dich kümmern?" Also bleibst du im Haus, damit dir nichts passiert, und langweilst dich zu Tode. Der Doktor schneidet mir die Haare über einer Zeitung. "Russland und Deutschland schließen einen Pakt", lese ich. Der Doktor folgt meinem Blick. "Da sieht man's", sagt er. "Sogar Russland und Deutschland versprechen, dass sie sich nicht gegenseitig angreifen wollen. Da werden wir uns doch nicht streiten, oder?" Wieder dieses seltsame kleine Lachen. Während ich auf der Waage stehe und der Doktor einen Bleistift sucht, höre ich auf der Straße ein lautes Singen. Es klingt, als nähere sich dem Haus ein Aufzug von hundert Kindern. Als kurz darauf die Haustür aufgeht, wird mir klar, dass das stimmt. Die Halle ist ganz schnell voll. Der Doktor sagt etwas zu mir, aber der Lärm ist so groß, dass ich ihn nicht verstehe. Die große Frau klatscht in die Hände. Vermutlich ist sie Frau Stefa. Ganz ruhig gehen die Kinder mit ihren Gepäckstücken die Treppe hinauf. Es klopft. Ich schnappe meine Unterhose. "Warte einen Moment draußen, Rejsele", ruft Korczak. Woher weiß er, wer draußen steht? Kann er durch geschlossene Türen schauen? Ich fühle mich albern, so nackt, während er mich wiegt, alles in eine Art Kassenbuch schreibt und mich untersucht. "Zieh dich wieder an." Junge, Junge, ich darf meine eigenen Kleider anbehalten. Muss ich keine Heimuniform anziehen? Rejsele kommt herein, als ich dabei bin, meine Schnürsenkel zuzubinden. Ich versuche, heimlich durch eine Haarlocke zu ihr hinüberzuschielen, doch sosehr ich den Kopf auch schüttele, mir fallen keine Strähnen vor die Augen. "Doktor!", ruft sie aufgeregt. Sie läuft auf ihn zu und bleibt dicht vor ihm stehen. Es fehlt nur noch, dass sie ihm einen Kuss gibt. Was für ein seltsames Mädchen. Ich habe mich aufgestellt und kann sie jetzt in aller Ruhe betrachten, denn die beiden achten nicht auf mich. "Es ist so schade, dass Sie nicht dabei waren!", plappert sie. Ihr braunes Gesicht strahlt. Sie sieht nicht wie eine arme Stadtwaise aus, eher wie ein Bauernmädchen. Sie ist groß und kräftig und hat schon Figur. Sie ist mindestens dreizehn. Sie hat ein braun-blau kariertes Kleid an, mit einem Ledergürtel, wie Pfadfinder sie tragen. Wie kommt sie nur auf die Idee! Und es baumelt ein Taschenmesser daran, an einem Metallring. Sie schiebt eine Hand in die große Tasche ihres Kleides und holt ein Glastöpfchen heraus. "Für Sie!", sagt sie. "Himbeeren. Vom Bauernhof. Und viele Grüße von Jan." Der Doktor nimmt Rejsele das Glas aus der Hand und Rejsele schüttelt ihren Zopf nach vorn. Allmächtiger, was für ein langer Zopf! Damit wollen sie einen nur herausfordern. Sie tragen Zöpfe oder eine Tolle auf der Seite, mit einer Schleife darin, oder einen Pferdeschwanz, und man kann nichts anderes tun, als daran zu ziehen, ob man will oder nicht. Und dann fangen sie an zu kreischen oder zu weinen und man muss nachsitzen oder bekommt Hiebe mit dem Stock. Dabei legen sie es doch drauf an. Ein Junge trägt ja auch keine Zöpfe. Na ja, abgesehen von manchen Juden, aber das sind kurze Zöpfchen. Übrigens, Jungen neckt man nicht. Die ärgert man oder schlägt sie zusammen. Dieser Jan ist bestimmt ihr Freund. Sie muss schon seit Jahrhunderten hier leben, wenn man ihr die Haare abgeschnitten hat, als sie ankam. Und jedes Jahr, seit sie hier wohnt, ist ihr Zopf ein Stück gewachsen. Ein Zopf als Kalender. Ich habe mich auf den einzigen Stuhl gesetzt und äffe sie leise nach: "Viele Grüße von Jan, Doktor, und wie schade, dass Sie nicht dabei waren." Sie hören mich ja doch nicht. Rejsele erzählt vom Lagerfeuer, das sie mit den Pionieren auf dem Bauernhof gemacht haben, und dass sie gesungen und sogar Volkstänze aus Erez-Israel* gelernt haben. "Die Hora*, Doktor, die kennen Sie doch bestimmt, nicht wahr? Haben Sie die auch getanzt, als Sie in Erez-Israel waren? Und den jemenitischen Schritt, kennen Sie den?" Sie wird es ihm doch nicht vormachen. Tatsächlich, sie hebt ihr Kleid mit beiden Händen etwas höher und macht ein paar Schritte. Vorwärts, rückwärts. Das Blut steigt mir in den Kopf und ich schleiche zur Tür. Ich habe mir das Waisenhaus schon schlimm vorgestellt, aber das hier ist eine Irrenanstalt. Fast wünsche ich mir, dass Onkel Isaak noch am Leben wäre. Rejsele bleibt stehen. Sie schlägt eine Hand vor den Mund, die andere streckt sie nach mir aus. "Ich bin Rejsele", sagt sie. Sie wartet. "Das weiß ich", sage ich. "Und du?" "Gebt mir ruhig eine Nummer." Sie verzieht keine Miene. Der Doktor lacht wieder. Gott, was hat der Mann immer für einen Spaß. "Eine Nummer hast du schon", sagt er. "Das muss sein, wegen der Verwaltung. Willst du, dass wir dich mit deiner Nummer rufen? Wir können gerne eine Ausnahme für dich machen." "Mojsche Schuster", sage ich. Ihre Hand lasse ich, wo sie ist. In der Luft, ausgestreckt.

Wie heiß es ist. Mein Kissen ist nass geschwitzt. Wenn ich die schwere, bestickte Decke von mir werfe, wird der Doktor vorbeikommen und mich wieder zudecken. Er sitzt dort in seinem Verschlag zwischen unserem Schlafsaal und dem Schlafsaal der Mädchen. Durch das Fenster kann er uns alle beobachten. Nie hat man hier seine Ruhe. Sechzig Jungen in einem Saal, wir sind wie Kühe in einem Stall. Mietek schnarcht. Zum Glück liegt er nicht neben mir. Zwei Kartoffeln hat er mir beim Abendessen vom Teller geklaut, als Juditha nicht hingeschaut hat. "Petzer!", hat er geflüstert, als ich protestierte. "Weißt du, was wir mit solchen Grünschnäbeln wie dir machen?" "Ich schlage dich zu Brei", sagte ich leise und lächelte freundlich zur Erzieherin hinüber. "Wir geben dir eine Null", sagte Mietek. "Am Monatsende bekommst du von uns allen ein Zeugnis. Das hat sich der Doktor ausgedacht. Und wir geben dir alle eine Null, dann kannst du abhauen. Das haben wir uns ausgedacht." "Gott sei Dank", sagte ich und legte den Arm um meinen Teller.

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