Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek:Band 11: Die Wolke von Gudrun Pausewang

An diesem Freitagmorgen wehte eine starke Brise. Wenn Janna-Berta aus dem Fenster schaute, sah sie die jungen Birkenblätter in der Sonne glitzern. Die Schatten der Zweige zitterten auf dem Asphalt des Schulhofs. Über die Pavillondächer schneite es Kirschblütenblätter.

Der Himmel war tiefblau. Nur vereinzelte Wolken, weiß und leicht wie Watte, trieben über ihn hin. Für einen Maimorgen war es außergewöhnlich warm. Die Sicht war klar. Plötzlich heulte die Sirene. Herr Benzig brach seinen Kommentar zur neuen Französisch-Lektion mitten im Satz ab und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. "Neun vor elf", sagte er. "Komische Zeit für einen Probealarm. Es stand auch nichts davon in der Zeitung." "Das ist ABC-Alarm!", rief Elmar, der Klassenbeste. "Wahrscheinlich stand's doch wo, und ich hab's nur übersehen", sagte Herr Benzig. "Machen wir weiter." Aber kaum hatte er sich wieder in die Lektion vertieft, knackte es im Lautsprecher. Alle blickten zu dem kleinen Quadrat über der Tür. Nicht die Sekretärin sprach, sondern der Direktor. "Soeben wurde ABC-Alarm gegeben. Der Unterricht schließt ab sofort. Alle Schüler begeben sich auf schnellstem Weg nach Hause." Es folgten ein paar Sätze, die in wildem Lärm untergingen. Alle rannten zu den Fenstern und spähten hinaus. "Verstehst du, was das soll?", fragte Meike, Janna-Bertas Freundin. Janna-Berta schüttelte den Kopf. Sie spürte, wie ihr die Hände kalt wurden. Irgendetwas war geschehen. Aber was? Sie dachte an Uli, ihren kleinen Bruder. "Geht nach Hause", sagte Herr Benzig. Vom Korridor drang Lärm herein: aufgeregtes Geschrei, eilige Schritte, Türenschlagen. "Was ist denn überhaupt los?, rief Janna-Berta. Herr Benzig hob die Schultern. "Ich weiß nicht mehr als ihr", sagte er. "Bitte geht jetzt. Lauft so schnell ihr könnt! Aber behaltet einen klaren Kopf." "Soll wahrscheinlich eine besonders lebensnahe Katastrophenübung sein", sagte Elmar und packte scheinbar seelenruhig seine Tasche. Aber Herr Benzig schüttelte den Kopf. "Davon hätte ich gewusst", sagte er. Dann riss einer die Tür auf und rannte hinaus. Die anderen stürmten ihm nach. Im Gang gab es ein wildes Gedränge. Ein paar Schüler versuchten, sich gegen den Strom durchzukämpfen. Unter ihnen erkannte Janna-Berta Ingrid aus der Parallelklasse. Ingrid wohnte in der Rhön. Janna-Berta war in den Pausen oft mit ihr zusammen. "Jetzt geht doch kein Bus nach Uttrichshausen!", rief sie Janna-Berta zu. "Erst in anderthalb Stunden. Ich ruf daheim an, die sollen mich holen." Aber auch vor dem Sekretariat drängten sie sich schon. Es würde lange dauern, bis Ingrid telefonieren konnte. Janna-Berta wollte bei ihr stehen bleiben, kam aber nicht gegen den Strom an, der zur Treppe drängte. Sie hielt sich an Meikes Arm fest, während sie Stufe um Stufe hinabgeschoben wurde. Der Lärm nahm zu. Unten, in der Pausenhalle vor dem Ausgang, schrie jemand: "Grafenrheinfeld! Alarm in Grafenrheinfeld!" Janna-Berta versuchte sich zu erinnern: Grafenrheinfeld - war da nicht ein Kernkraftwerk? Als sie das Schulgebäude verließ, hasteten ein paar Knirpse, Fünftklässler, an ihr vorbei. Ohne nach rechts und links zu sehen, liefen sie über die Straße. Reifen quietschten. Ein Autofahrer hupte wild und schimpfte hinter den Kindern her. Offensichtlich wusste er noch nichts. Vor dem Zebrastreifen blieb Janna-Berta unschlüssig stehen. "Ich hab jetzt auch keinen Bus", sagte sie. "Komm doch erst mal mit zu mir", schlug Meike vor. Janna-Berta schüttelte den Kopf. "Willst du zu Fuß nach Schlitz?", fragte Meike. "Meine Eltern sind heute in Schweinfurt", sagte Janna-Berta. "Vati hat dort eine Tagung, und Mutti und Kai sind bei meiner Großmutter. Sie kommen erst morgen zurück. Uli ist allein zu Hause. Ich muss mich um ihn kümmern." In diesem Augenblick kam Lars vorbei, Lars aus Schlitz. Er war in der Oberstufe und kam im Auto zur Schule. "Hallo, Janna-Berta", rief er ihr zu, "willst du mitfahren?" Sie nickte hastig, verabschiedete sich von Meike und lief hinter ihm her. Noch drei andere Jungen aus Schlitz fuhren mit, alle aus der Oberstufe. Janna-Berta durfte auf den Beifahrersitz. Lars fuhr schon los, während sie sich noch anschnallte. "Das kannst du dir sparen", sagte Lars. "Heute kannst du die Beine zum Fenster raushängen, und es interessiert kein Schwein. Am wenigsten die Polizei." "Wenn die uns Knall auf Fall heimschicken, ist es vielleicht ein Super-GAU", sagte einer der Jungen im Fond. "Zu blöd, dass mein Autoradio kaputt ist", knurrte Lars. Super-GAU. Jetzt erinnerte sich Janna-Berta: Damals, nach dem Unfall in dem russischen Kernkraftwerk, hatte man auch vom GAU geredet. Wochenlang. Sie war noch in der Grundschule gewesen, und ihr war unbegreiflich geblieben, was ihnen der Lehrer über "'52em" und "Becquerel" und "radioaktive Strahlung" zu erklären versucht hatte. Sie hatte sich nur den Namen des russischen Kernkraftwerks gemerkt: Tschernobyl. Und sie hatte begriffen, dass nun der Himmel und die Erde und vor allem der Regen irgendwie vergiftet waren. Wenn es regnete, durfte man in der Pause nicht auf den Hof. Logisch. Aber dann, nach Unterrichtsschluss, wurde man heimgeschickt, in den Regen hinaus, den vergifteten. Am ersten Tag hatte Janna-Berta sich weinend geweigert, das Schulgebäude zu verlassen. Der Regen war doch immer noch giftig! Im Wagen einer Lehrerin, die in ihrer Nachbarschaft wohnte, war sie schließlich daheim angekommen, schluchzend, und Oma Berta hatte sie "Dummerle" genannt. Der Regen sei doch gar nicht giftig, da hätte der Lehrer dummes Zeug erzählt.

Band 11: Die Wolke von Gudrun Pausewang

Inzwischen war Janna-Berta vierzehn, Schülerin der neunten Gymnasialklasse, und wusste mehr. Super-GAU: Das hieß, dass aus einem Atomkraftwerk Radioaktivität entwich - in gefährlichen Mengen. Und so ein Atomkraftwerk stand in Grafenrheinfeld. Wie weit war das eigentlich entfernt? Lars fuhr die Abkürzung über die Marienstraße. So umging er vier Ampeln. Es war eine stille Villengegend. Aber an diesem Tag fuhren drei Wagen vor Lars' altem Kadett her, und hinter ihm hupte es ungeduldig, obwohl Lars schon über sechzig fuhr. Im Fond diskutierten sie jetzt über die Art des Grafenrheinfelder Reaktors und darüber, was in einem solchen Reaktor passiert sein konnte. Immer wieder fielen die Wörter "Tschernobyl", "Harrisburg", "Brennstäbe", "Kühlwasser" und "Druckbehälter". Für Janna-Berta waren die vier Oberstufenschüler Atomkraft-Experten. Sie selber hatte sich nie sonderlich für Physik interessiert. Aber dass Atomkraftwerke gefährlich werden konnten, wusste sie. Nach Tschernobyl war sie mit ihren Eltern auf mehreren Demonstrationen gewesen. Sie erinnerte sich noch gut daran. Damals hatte es den Riesenkrach gegeben zwischen den Eltern und den Großeltern: Oma Berta und Opa Hans-Georg meinten, ohne Atomkraft gehe es einfach nicht mehr, die gehöre nun mal zum modernen Leben wie das Auto oder der Fernseher, und dass da in Tschernobyl was schief gelaufen sei, das habe mit den deutschen Atomkraftwerken überhaupt nichts zu tun. Außerdem: Mit Demonstrationen bewege man gar nichts, das seien nur Tummelplätze für Träumer und Chaoten. Am wütendsten aber waren sie auf Mutti gewesen: Sie waren überzeugt, dass Vati nur durch sie auf derart dumme Ideen gekommen war. "Wir haben unseren Hartmut so erzogen", hatte Opa Hans-Georg in einer der hitzigen Diskussionen gerufen, "dass er mit beiden Beinen in der Realität steht. Und jetzt das!" Wo die Marienstraße in die Niesigerstraße einmündete, gab es einen Stau. Den gab es hier sonst nie. "Astreine Panik", sagte Lars trocken. "Die wollen alle zur Autobahn." Janna-Bertas Eltern hatten seinerzeit sogar eine Bürgerinitiative gegen die Nutzung von Atomkraft mitgegründet. Aber inzwischen war Tschernobyl so gut wie vergessen. Die Atomkraftwerke in der Bundesrepublik hatten ohne nennenswerte Zwischenfälle weitergearbeitet, und die Bürgerinitiative war bald wieder eingeschlafen. "Tschernobyl war noch nicht genug", hatte Vati einmal gesagt. "Es muss erst hier bei uns passieren, damit es dem Bundesbürger den Hintern aus dem Sessel reißt." Jetzt erinnerte sich Janna-Berta auch, weshalb ihr der Name GRAFENRHEINFELD gleich so bekannt vorgekommen war: Mutti hatte einmal für die Bürgerinitiative Flugblätter abgezogen und verteilt. Janna-Berta hatte ihr dabei geholfen. Auf den Flugblättern waren die Standorte aller bundesdeutschen Kernkraftwerke zu sehen gewesen. Eines davon hatte Grafenrheinfeld geheißen. Janna-Berta konnte sich nicht mehr genau erinnern, wo es lag. Aber sehr weit entfernt war es nicht. Uli wird jetzt aus der Schule heimlaufen, dachte sie unruhig. Sie kurbelte das Wagenfenster herunter. Rollläden rasselten, Leute hasteten aus einer Haustür. Auf der anderen Straßenseite lief eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Das eine trug sie auf dem Arm, das andere zerrte sie hinter sich her. Ein Parterrefenster wurde geöffnet, eine Katze herausgescheucht. Als sie endlich die Kreuzung hinter sich hatten und die Stadt in Richtung Gläserzell verließen, kamen ihnen nur noch wenige Wagen entgegen. Aber immer wieder wurden sie überholt, und noch bevor sie Gläserzell erreicht hatten, war eine ganze Wagenkolonne hinter ihnen. "Die fahren Landstraße, weil die Autobahnen bald verstopft sein werden", meinte einer im Fond. "Wenn's wirklich brenzlig wird, fliegen wir weg", sagte Lars. Janna-Berta wusste, dass Lars' Vater ein Sportflugzeug auf dem Flugplatz in Wernges stehen hatte. Er hatte ihren Vater einmal zu einem Flug über Schlitz eingeladen. "Ich wette, meine Leutchen sind auch schon beim Packen", sagte einer von hinten. "Sicherheitsfanatiker. Und meine Oma wird den verrücktesten Krempel einpacken: Nachttischlampen oder die Unkrauthacke!" Janna-Berta dachte an ihre beiden Großmütter: Jo, Muttis Mutter, und Oma Berta, Vatis Mutter. Jo war Krankenschwester in Schweinfurt und verbrachte jedes zweite Wochenende auf Demonstrationen. Sie war ein bisschen anstrengend mit ihrem ewigen "Wir müssen uns alle ändern ...", ihrem Vegetarierspleen und ihrem Tick vom einfachen Leben. Aber bei ihr fühlte sich Janna- Berta ernst genommen. Da durfte sie mitdiskutieren. Und Jo wohnte so herrlich unaufgeräumt! Oma Berta in Schlitz war ganz anders. Sie war wie die Omas, die in Janna-Bertas Kinderbüchern vorkamen.

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