Südamerika Überfall auf Paraguay

Die Räuber aus Brasilien schossen erst alles weg, was sich ihnen auf dem Weg zum Tresor entgegenstellte. Und dann sprengten sie ihn.

(Foto: Telefuturo/dpa)
  • Vieles deutet auf eine Machtdemonstration einer brasilianischen Mafiaorganisation hin.
  • 50 Schwerbewaffnete greifen das Lager eines Geldtransport-Unternehmens in Paraguay an und erbeuten mehrere Millionen Dollar.
  • Wie durch ein Wunder wird bei dem nahezu militärischen Angriff offenbar nur ein Polizist getötet.
Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Sie kamen mit Schnellbooten, gepanzerten Fahrzeugen, Luftabwehrgeschützen und Sturmgewehren, mit Nachtsichtgeräten, Granaten, Dynamit und genügend Munition für einen kleinen Bürgerkrieg. Mehr als 50 schwerbewaffnete Verbrecher aus Brasilien griffen in der Nacht zu Montag das Lager des Geldtransport-Unternehmens Prosegur in der paraguayischen Grenzstadt Ciudad del Este an. Sie sollen dabei mehrere Millionen Dollar erbeutet haben. Die Polizei spricht von einem "Jahrhundert-Raub", zugleich dementiert sie Berichte, wonach es um eine Beute von 40 Millionen US-Dollar gehen soll. Es war ein Überfall auf Paraguay.

Spektakulär ist neben der mutmaßlichen Schadenssumme in jedem Fall das Vorgehen der Täter. Es war kein Bankraub im klassischen Sinne, sondern ein militärischer Angriff, bei dem ein niederträchtiger Plan kaltblütig umgesetzt wurde. Vieles deutet daraufhin, dass es sich auch um eine Machtdemonstration der Mafia handelt. Manch einer spricht schon von einem neuen Kapitel in der Geschichte des organisierten Verbrechens.

Wie durch ein Wunder wurde offenbar nur ein Beamter getötet. Und nicht 40

Nach allem, was bisher bekannt ist, überquerten die Banditen mitten der Nacht mit Motorbooten den Grenzfluss Paraná. Am anderen Ufer unternahmen sie erst gar nicht den Versuch, irgendetwas zu verheimlichen, sie schossen einfach alles weg, was sich ihnen auf dem Weg zum Tresor entgegenstellte. Vor dem Lager der Sicherheitsfirma errichteten sie Straßenbarrikaden und zündeten mindestens 14 Autos an. Die anrückenden paraguayischen Polizeieinheiten wurden von Scharfschützen empfangen, die sich auf den umliegenden Dächern postiert hatten. Außerdem sollen die Angreifer ein Waffendepot der Polizei in Brand gesetzt haben, um deren Einsatz zusätzlich zu erschweren. Ein Polizeisprecher aus Ciudad del Este sagte im paraguayischen Fernsehen, bei dem Einsatz hätten gut und gerne 30 bis 40 Polizisten sterben können. Wie durch ein Wunder wurde offenbar nur ein Beamter getötet.

Bandenkriminalität Räuber erbeuten 30 Millionen Dollar bei brutalem Überfall in Paraguay
Paraguay

Räuber erbeuten 30 Millionen Dollar bei brutalem Überfall in Paraguay

Im Osten des südamerikanischen Landes zünden 50 Schwerbewaffnete Autos an und lassen Sprengsätze explodieren. Dann rauben sie ein Geldtransportunternehmen aus. Ein Polizist wird getötet, es gibt weitere Verletzte.

Drei Stunden dauerten die nächtlichen Gefechte in der Stadt, während sich die Räuberbande zum Tresor vorsprengte. Einige Mitglieder flüchteten angeblich mit den erbeuteten Geldsäcken in gepanzerten Lastwagen, dabei streuten sie Tausende Krähenfüße, um die Reifen ihrer Verfolger zu zerstören. Das Gebäude von Prosegur liegt nun in Trümmern. Die Firma ist ein börsennotiertes Sicherheitsunternehmen aus Spanien, das weltweit operiert. Ihre Depots und Geldtransporter waren schon öfter Ziel von Raubüberfällen, aber diese Art der Brutalität ist neu. So etwas habe es in Paraguay noch nicht gegeben, teilte die beauftragte Staatsanwältin mit, "es war, als ob wir in Syrien wären". Staatschef Horacio Cartes ordnete den Einsatz des Militärs an, um die Räuber zu fangen. Das dürfte schwierig werden, denn die sind nach Lage der Dinge längst wieder in ihrem Heimatland: Brasilien.

Indizien deuten auf mächtige Mafiaorganisation

Paraguays Innenministerium hatte ja selbst mitgeteilt: "Alle Indizien deuten auf das PCC hin." Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich das Primeiro Comando da Capital ("Erstes Hauptstadtkommando") aus São Paulo und mithin eine der mächtigsten Mafiaorganisationen Südamerikas. Das scheinen auch Ermittlungen aus Brasilien zu bestätigen, wo die Polizei einen Teil der flüchtigen Bande nahe der Stadt Itaipulândia stellte, etwa 50 Kilometer nördlich von Ciudad del Este. Dabei wurden drei der Verbrecher getötet und vier weitere festgenommen. Außerdem entdeckte die Polizei in der Nähe des Tatortes fünf verlassene Autos mit brasilianischem Kennzeichen, darin Waffen und Sprengstoff.

Das PCC hatte zuletzt Anfang des Jahres im Norden Brasiliens Angst und Schrecken verbreitet. Mitglieder der Organisation waren dort in mehrere Gefängnis-Massaker verwickelt, mal als Täter, mal als Opfer. Dabei wurden insgesamt über einhundert Häftlinge wie in einem schlechten Splatterfilm abgeschlachtet und teilweise geköpft. Dahinter steckt auch der Krieg um die Vorherrschaft im weltweiten Drogenhandel, in dem das PCC eine führende Rolle spielt. Die sogenannte Südroute verläuft über Bolivien, Paraguay und Brasilien.

Der Kampf um das Dreiländereck zwischen Paraguay, Argentinien und Brasilien, wo sich die Stadt Ciudad del Este befindet, spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die Gegend ist gleichzeitig ein Natur- und ein Schmuggelparadies. Touristen aus aller Welt kommen wegen der einzigartigen Wasserfälle von Iguaçu, große und kleine Gangster wegen Drogen, Waffen, illegalen Zigaretten und allen Handelswaren, die sich fälschen lassen. Mitglieder des PCC haben hier im Juni 2016 einen Mann namens Jorge Rafaat Toumani hingerichtet, der als der "König des Drogenhandels" bekannt war. Seither gilt das Hauptstadtkommando aus São Paulo als geschäftsführende Mafiaorganisation in dieser Region. Paraguays Polizeichef Luis Rojas schloss allerdings nicht aus, dass an dem Raubüberfall in Ciudad del Este auch lokale Polizisten beteiligt waren.

Die argentinische Zeitung Clarín berichtete mit Verweis auf eine anonyme Quelle aus Ermittlerkreisen, dass insgesamt 30 Millionen Dollar erbeutet worden seien. Zwar hätten sich im Tresor rund 40 Millionen befunden, aber einen Teil des Geldes hätten die Räuber mit ihren Sprengungen selbst zerstört.

Juventus Turin Dauerkarten für die Mafia
Juventus Turin

Dauerkarten für die Mafia

Hat Juventus Turin das organisierte Verbrechen begünstigt? Schon der Verdacht schadet dem Klub. Viele Vereine machen Ultras Zugeständnisse und lassen sich erpressen, weil sie Randale und Boykott fürchten.   Von Birgit Schönau