Süchtige Mediziner Trinken zur Belohnung, Trinken zur Ablenkung

Noch schwerer wiegt für ihn, dass die meisten Mediziner sich erst auf einen Entzug einlassen, wenn sich ihre Abhängigkeit über Jahre verfestigt hat. "Ärzte können Sucht viel länger als andere verstecken, sie wissen ja, wie es geht", sagt er.

Und sie haben ein gesteigertes Interesse daran, nicht nur aus Angst um ihre Reputation - sondern vor allem um ihre Approbation. Schließlich würde sich wohl niemand freiwillig bei einem Alkoholiker unters Messer legen. Und die Ärztekammern dulden kein Risiko für Patienten.

Doch erkennen die Kammern zunehmend, dass Ärzte durch Strafen nicht davon abgeschreckt werden, Drogen zu nehmen - sondern davon, in Therapie zu gehen. "Das Motto heißt: Therapie vor Strafe", sagt Klaus Beelmann, Geschäftsführer der Ärztekammer Hamburg.

Entzug oder Anzeige

Fast alle Landeskammern haben heute "Interventionsprogramme", die Betroffenen durch die Zusammenarbeit von Kliniken, ambulanten Therapeuten und Selbsthilfegruppen den Weg in die Abstinenz und damit zurück in den Beruf ebnen sollen. "Will sich einer aber trotz Sucht nicht behandeln lassen, bricht er die Therapie ab oder hält sich nicht an Vereinbarungen, wird die Approbation sehr wahrscheinlich entzogen", sagt Beelmann.

Anton Kluge war so ein Fall, er ist "an einer Strafe nur knapp vorbeigeschrammt", sagt er. Jahrelang meinte der Urologe, er müsse nichts gegen sein Alkoholproblem tun, er würde besser arbeiten als alle anderen. Wenn er das wieder unter Beweis gestellt hatte, trank er zur Belohnung, wenn er Fehler gemacht hatte, trank er zur Ablenkung.

Es war Glück, dass nie ein Patient zu Schaden gekommen ist - und dass Kluge einmal so betrunken zum Dienst kam, dass seine Kollegen die Augen nicht mehr vor seiner Sucht verschließen konnten.

Entzug oder Anzeige, vor diese Wahl stellte ihn sein Chef daraufhin. So kam Kluge in die Oberbergklinik, acht Wochen später war er trocken - die Erfolgsquote von Mundles Patienten liegt bei 80 Prozent. Kluge durfte sogar wieder operieren, bis er nach zwei Jahren in Frührente ging.

Auch Eva Paul will nach dem Entzug wieder arbeiten. "Aber ich will dann mehr auf meine Grenzen achten", sagt sie. Sie will tun, was sie ihren Patienten immer sagt: Auf sich selbst achten.