Südafrika:Rätselhafter Tod von 21 Teenagern

Lesezeit: 3 min

Südafrika: Was geschah in der Enyobeni Tavern in der Stadt East London? Eine Menschenmenge hat sich vor dem Club versammelt und wartet auf Antworten.

Was geschah in der Enyobeni Tavern in der Stadt East London? Eine Menschenmenge hat sich vor dem Club versammelt und wartet auf Antworten.

(Foto: Stringer/Reuters)

In einer Taverne in East London läuft eine Feier aus dem Ruder, am Ende sind mehrere Jugendliche tot. Von einer Massenpanik ist die Rede, doch die Verletzungen passen nicht ins Bild.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Am Sonntagmorgen fragte sich das halbe Land, wie so viele Menschen auf so einen kleinen Flecken passen konnten. Hunderte sollen es gewesen sein, vielleicht sogar mehr als 1000, die am Samstagabend das schöne Wetter feierten, das Ende des Schuljahres und auch das erste Wochenende seit mehr als zwei Jahren, an dem in Südafrika in Innenräumen keine Corona-Masken mehr getragen werden mussten. In den sozialen Netzwerken hatten manche behauptet, in der Enyobeni Tavern in East London gebe es zur Feier des Tages umsonst ein paar Bier und gratis Wlan. Ein zweistöckiges Haus ist die kleine Bar, hellblau, mit einem Logo über der Tür. Davor hatte der Eigentümer Zelte aufgestellt, darunter wurde Bier verkauft, Apfelwein und auch Härteres. Am nächsten Morgen waren alle Zelte weg, abgerissen die einen von der riesigen Menschenmenge, die außer Kontrolle geriet. Abgebaut die anderen, von der Polizei, von Menschen in Plastikanzügen, die Spuren sichern, die herausfinden wollen, warum hier 21 Teenager ums Leben kamen.

Südafrika: Vor dem blauen Haus ist die Spurensicherung zugange, die Erkenntnislage lässt sich bisher so zusammenfassen: diffus.

Vor dem blauen Haus ist die Spurensicherung zugange, die Erkenntnislage lässt sich bisher so zusammenfassen: diffus.

(Foto: Stringer/Reuters)

Eine Massenpanik - so hatte es zuerst geheißen, weshalb sich viele fragten, warum so viele Menschen in eine kleine Bar kommen konnten. Am Sonntagabend dann hatten südafrikanische Medien die ersten Zeugen vor den Mikrofonen, und das, was sie sagten, ließ die Tragödie zu einem großen Rätsel werden. In den sozialen Medien machten die ersten Videos die Runde, die die Leichen von sehr jungen Menschen zeigen, zwischen 13 und 17 Jahren alt. Manche sitzen an Tischen, den Kopf aufgelehnt, so als ob sie eingeschlafen wären. Andere liegen auf Sofas. Man sieht keine äußeren Verletzungen. Was ist hier passiert? So viele Zeugen. So wenig Gewissheit. Nach einer Massenpanik sahen die Aufnahmen zumindest nicht aus.

"Die Leute begannen, sich über einen Gasgeruch zu beschweren, der ihnen das Atmen schwer machte. Als ich versuchte, einen Ausgang zu finden, bekam auch ich Atemprobleme und brach schließlich zusammen", erzählt eine 17-Jährige, die es nach draußen schaffte, südafrikanischen Medien. Ein Rapper, der gerade noch auf der Bühne gestanden hatte, berichtet, dass viele Gäste den Raum verlassen wollten, einer der Türsteher aber den Eingang versperrt habe. Tränengas sei versprüht worden. Leute hätten Atemnot bekommen.

Türsteher versprühten angeblich Tränengas

Siyakhangela Ngevu, der Besitzer der Bar, sagt dem TV-Sender Enca, er sei zwar nicht am Ort des Geschehens gewesen, habe aber gehört, dass seine Türsteher verhindern wollten, dass noch mehr Besucher von draußen in den kleinen Club drängten, dabei sei womöglich auch Tränengas versprüht worden. Können daran 21 junge Menschen gestorben sein?

Es wird viel spekuliert in Südafrika, der Polizeiminister Bheki Cele spricht von einer möglichen Vergiftung. Die Obduktion der Opfer sei abgeschlossen, nun warte man auf die Laborergebnisse. Als Cele den Tatort besuchte, brach er in Tränen aus. Anwohner und Hinterbliebene beschimpften ihn, fragten, warum die Polizei ihre Kinder nicht beschützt habe. Was machen die mitten in der Nacht in einer Kneipe?, fragte Cele zurück.

Südafrika: Hinterbliebene bedrängten die Polizei am Tatort und fragten: Warum habt ihr unsere Kinder nicht beschützt?

Hinterbliebene bedrängten die Polizei am Tatort und fragten: Warum habt ihr unsere Kinder nicht beschützt?

(Foto: Stringer/Reuters)

In Südafrika darf man Bars erst ab 18 Jahren besuchen, was aber in den vielen Shebeens und Tavernen der Townships niemand wirklich kontrolliert. Schon gar nicht in East London, einer Stadt mit etwa 270 000 Einwohnern, die in einer der ärmsten Regionen des Landes liegt - wo man darüber streiten kann, was das größere Problem der ANC-Regierung ist: Korruption oder Inkompetenz oder Gleichgültigkeit.

"Die Gemeinde hat die Polizei gebeten, die Taverne zu schließen, weil dort Minderjährige trinken durften und sich die Nachbarn über den Lärm beschwert haben", sagt Florence Jansen, eine Nachbarin aus dem Township Scenery Park. Schöne Namen hatte das Apartheid-Regime den Townships gegeben, die aber meist in recht trostlosen Winkeln der großen Städte liegen. Während der Zeit der Rassentrennung war Schwarzen der Verkauf von Alkohol und das Betreten von Bars verboten. In den großen Townships entstanden daher Hunderte Shebeens, kleine Tavernen oder Spelunken, in denen von Frauen gebrautes traditionelles Bier ausgeschenkt wurde. Hier konnte man über Politik reden, hier trafen sich die Aktivisten.

Mit dem Ende der Apartheid wurden die Shebeens legalisiert, die Tavernen brauchen jetzt eine Alkohollizenz wie alle anderen Lokale auch und dürfen nicht an Minderjährige ausschenken, was in East London aber offenbar niemand kontrollierte. Der Besitzer hat nun seine Lizenz verloren. Am Sonntag versammelten sich Hunderte junge Leute vor der lokalen Polizeistation und forderten seine Verhaftung. Eine Schülerin sagte: "Was wir als junge Leute wollen, ist die Wahrheit. Wir wollen wissen, was genau mit den Verstorbenen passiert ist, und der Besitzer muss für das, was in seiner Taverne passiert ist, verhaftet werden. Wie kann er Jugendlichen erlauben, die Taverne zu betreten?"

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