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Suche nach MH370:Was die Entenmuscheln verraten könnten

Debris from Reunion Island part of missing MH370, Malaysia says

Das auf La Reunión angespülte Flaperon der Boeing 777 von Malaysia Airlines. Deutlich zu sehen: die angewachsenen Entenmuscheln.

(Foto: dpa)

Ein Wrackteil wurde auf La Réunion angeschwemmt. Experten erklären, was ein Meeresstrom transportieren kann und warum sich ein entscheidender Hinweis auf dem angeschwemmten Steuerruder befinden könnte.

Von Jan Hellmut Schwenkenbecher

Am 29. Juli wird vor der Insel La Réunion ein Wrackteil angespült. Eine Woche später gibt die malaysische Regierung bekannt: Wartungsunterlagen von Malaysia Airlines würden eindeutig belegen, dass es sich um ein Steuerruder der verschollenen Boeing 777 handelt. Die französischen Behörden, die das Wrackteil gerade untersuchen, bestätigten das nicht, sprechen aber von "starken Hinweisen".

Was bedeutet das Wrackteil für die Suche?

Experten werten das erste Wrackteil als wichtigen Hinweis in der schwierigen und bislang 120 Millionen Euro teuren Suche nach der vor knapp 17 Monaten verschwundenen Malaysia-Airlines-Maschine. Strömungsmodelle belegen, dass Wrackteile aus dem vermuteten Absturzgebiet genau dahin geschwemmt werden könnten, wo das Steuerruder gefunden wurde. Experten versuchen nun zurückzurechnen, über welchen Weg das Wrackteil nach La Réunion kam.

Insofern bestärkt der Fund die Spezialisten darin, dass sie zumindest nicht am falschen Ort suchen. Durch den Wrackteilfund lässt sich der 12 000 Quadratkilometer große Suchkorridor aber nicht weiter eingrenzen.

Warum lässt sich das Suchgebiet nicht einschränken?

Das Meer in der Suchregion fließt nicht wie ein Fluss in eine Richtung. Es gibt signifikante Strömungen, die eine Verdriftung des Wrackteils bewirken und es Tausende Kilometer am Meeresboden entlang verwirbeln können. "Im Meer gibt es überall kleinere Strömungswirbel", sagt Detlef Quadfasel, Professor am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg, "die ändern sich aber sehr stark mit der Zeit." Das Wrackteil nimmt daher nicht den geraden Weg entlang der Hauptströmung. "Es treibt mit der mittleren Strömung", so Quadfasel, "dabei wird das Teil aber immer hin- und hergerissen. Der Ozean ist ziemlich chaotisch."

Deswegen sei es für Wissenschaftler unmöglich, den genauen Weg zu berechnen. Im Ozean könne man die Wirbel zwar besser berechnen als beim Wetter, doch über eine Dauer von 17 Monaten sind keine Aussagen möglich, so Quadfasel. Es lässt sich keine Spur der Wrackteile als Trümmerteppich im Wasser nachzeichnen.

Flaperon

Aus diesem Blickwinkel hat jeder, der schon mal ein Flugzeug bestiegen hat, ein Flaperon gesehen.

(Foto: Quelle: Wikimedia Commons)

Wie ist das Wrackteil bis kurz vor Afrika gekommen?

Mithilfe der Meeresströmung. Diese entsteht an der Oberfläche größtenteils durch Wind und die Gezeiten, kann aber auch in tieferen Meeresbereichen durch Unterschiede der Wassertemperatur oder des Salzgehalts zustande kommen. Im Indischen Ozean gibt es den Agulhasstrom, benannt nach Kap Agulhas, dem südlichsten Punkt Afrikas. Das ist ein großer Wirbel, der sich zwischen Australien, Afrika und der Antarktis entgegen des Uhrzeigersinns dreht. "Es handelt sich dabei um eine etwa tausend Kilometer breite, windgetriebene Meeresströmung", sagt Quadfasel. "Der Strom fließt mit einer typischen Geschwindigkeit von zehn Zentimetern pro Sekunde." Auf diesem Weg könne das Wrackteil in den vergangenen 17 Monaten bis kurz vor Madagaskar getrieben worden sein.

Welche Teile kann ein Meeresstrom transportieren?

Das Steuerruder und das nach Angaben der malaysischen Regierungen jüngst gefundene Fensterteil - Berichten aus Kuala Lumpur zufolge wurden auf La Réunion auch ein Flugzeugfenster und Aluminiumstücke gefunden, Paris dementiert das aber - sind eher kleine Teile, verglichen mit der Gesamtgröße einer Boeing 777. Doch ein Meeresstrom kann auch große Teile transportieren.

"Wenn das Wrack frei schwimmen kann und nicht kaputt gegangen ist, könnte auch das ganze Flugzeug durchs Meer treiben", sagt Quadfasel. Sobald das Wrack allerdings den Meeresgrund erreicht hat, ist es unwahrscheinlich, dass es nochmal bewegt wird. "Wahrscheinlich wird das Wrack beim Aufprall zerschellt sein", sagt Quadfasel, "ein Teil wird dann abgesackt sein, ein anderer Teil, besonders die isolierten Teile in denen Luft gefangen ist, treiben dann umher."

Was bedeuten die Muscheln auf dem Wrackteil?

Forscher der Universität Köln glauben, auf dem angeschwemmten Steuerruder sogenannte Entenmuscheln erkannt zu haben. Die Organismen können ebenfalls einen Hinweis auf die Absturzstelle geben.

Entenmuscheln sind kleine Krebstiere. Sie treiben an der Oberfläche, bis sie sich an einen festen Gegenstand setzen - das kann auch ein vorbeitreibendes Wrackteil sein. Eine kälteliebende Art der Entenmuschel, die Lepas australis, lebt nur in gemäßigten Gewässern auf der Südhalbkugel. "Es muss nun untersucht werden, ob diese Art auf dem Wrackteil zu finden ist", sagt Hans-Georg Herbig, Professor für Paläontologie an der Universität Köln, "dann wäre das ein Hinweis darauf, dass das Flugzeug wirklich nach Süden geflogen ist und südwestlich von Australien abgestürzt sein muss."

Warum ist die Suche im Indischen Ozean so schwierig?

Das Suchgebiet liegt in einer der unwirtlichsten Meeresregionen der Welt, zwischen Australien, Südafrika und der Antarktis, tausende Kilometer von jeder Landmasse entfernt. Die Strömung in dem Gebiet ist eine der stärksten weltweit, die Wellen können bis zu neun Meter hoch werden. Der Meeresboden ist stellenweise bis zu 6000 Meter tief und stark zerklüftet. Die genaue Tiefe kennt aber niemand, weil sie bisher nicht vermessen wurde. Die Kenntnisse seien deutlich geringer "als die über Mond, Mars und Venus", sagte der US-Meeresbodenspezialist Walter Smith vom National Oceanic and Atmospheric Administration's Laboratory in Maryland.

© SZ.de/jana/fued/afis/dd

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