Kunst im öffentlichen Raum:Streit um nackten Kretschmann

Stuttgart 21-Statue von Peter Lenk wird aufgestellt

Der schwäbische Laokoon: Winfried Kretschmann abgebildet von Peter Lenk.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Der Provokationskünstler Peter Lenk hat dem Streit über das Bahnprojekt "Stuttgart 21" auf eigene Faust ein Denkmal gewidmet. Nun ist er beleidigt, dass er sich den Standort nicht aussuchen darf.

Von Claudia Henzler, Stuttgart

Der Kampf um das Bahnprojekt "Stuttgart 21" hat die schwäbische Landeshauptstadt vor zehn Jahren tief gespalten. Doch so erbittert damals auch über den Tiefbahnhof gestritten wurde: Heute haben sich die meisten Stadtbewohner damit abgefunden, dass das Ding nun mal gebaut wird - und, nach derzeitigem Stand, Ende 2025 in Betrieb gehen soll. Nur noch wenige Hardliner fordern, die aufwendig modellierten und teuren Betonstützen einzureißen, die einmal das Dach des neuen Bahnhofs tragen sollen, und die Grube hinter dem alten Kopfbahnhof zuzuschütten.

So richtig aufgearbeitet aber hat die Stadtgesellschaft diesen Konflikt nie. Das zeigt sich in diesen Tagen an einem skurrilen Streit um ein Denkmal, der in ähnlich unversöhnlichem Ton geführt wird wie damals die Debatte über den Bahnhof selbst. Es geht, wie sollte es anders sein, um eine Skulptur zu "Stuttgart 21".

Der für Provokationen bekannte Bildhauer Peter Lenk hat das Werk angefertigt. Zum Geschäftsmodell des 74-Jährigen gehört es, seine Werke auch mal unaufgefordert im öffentlichen Raum aufzustellen, vor allem aber, mit karikaturistischen Überzeichnungen Aufmerksamkeit zu erzeugen. So stellte Lenk im Jahr 2000 auf der Weltausstellung Expo 2000 nachts unerlaubt eine Betonfigur neben dem deutschen Pavillon auf; 2009 porträtierte er den damaligen Bild-Chefredakteur Kai Diekmann auf einem Relief an der Fassade des damaligen taz-Hauses mit überdimensionalem Penis. Fans von Lenks Satire-Werken loben deren Humor und Aktualität, ihre politische Brisanz und besondere Ästhetik.

Bis Ende Juni steht es noch vor dem Stadtpalais

In Stuttgart ist Lenk derzeit mit einer Leihgabe zu Gast. Die raumgreifenden Dimensionen dieser "Chronik einer grotesken Entgleisung", wie das Kunstwerk heißt, spiegeln die Größe des Konflikts um "Stuttgart 21" und wahrscheinlich auch das Selbstbewusstsein des Künstlers ganz gut wider. Neun Meter hoch und zehn Tonnen schwer ist das Standbild mit Sockel, dessen zentrale Figur Winfried Kretschmann ist. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident hatte die CDU 2011 bekanntlich nach den Protesten gegen das Bahnprojekt aus der Regierung verdrängen, den Bau aber nicht verhindern können. Bis auf ein Feigenblatt ist der aus Beton gegossene Kretschmann nackt. Als "schwäbischer Laokoon" ringt er mit einem schlangenförmigen ICE. Die Figur soll an jenen Priester erinnern, der die Trojaner vor dem Pferd warnte, das die Griechen hinterließen, und dem Göttin Athene zur Strafe Schlangen schickte, die ihn töteten.

Umgeben ist Kretschmann von mehr oder weniger nackten Engelchen, darunter frühere Ministerpräsidenten und Kanzlerin Angela Merkel. Auf dem Sockel zeigen Halbreliefs Szenen aus der Geschichte des Bahnhofsprotests: Demonstranten und Polizisten, Baumschützer.

Seit Oktober steht die "Entgleisung" vor dem Stadtpalais. Das städtische Museum versteht sich als Forum für aktuelle Debatten und will den Platz vor dem Haus immer wieder neu bespielen. Deshalb soll das Denkmal Ende Juni wieder abgebaut werden. Obwohl klar war, dass der Standort nur temporär sein würde, wehen seit einigen Wochen Entrüstungsböen durch die Stadt, die vom Künstler und dem "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" angefacht werden.

Die Stadt hat das Denkmal nicht bestellt, es wurde hauptsächlich durch Spenden finanziert und ist Eigentum des Künstlers. Sie hat aber Interesse signalisiert, es dauerhaft öffentlich auszustellen. Bisher scheitert das daran, dass Lenk die vorgeschlagenen Standorte für zu wenig prominent hält. Er will das Werk nun daheim in seinem Garten aufstellen. "Die Skulptur steht bei mir am Bodensee ausgezeichnet", teilte er den Stadträten vergangene Woche mit. Man könne sie ja dann wieder abholen, wenn der richtige Platz gefunden sei.

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