Energiekrise:Advent, Advent, kein Lichtlein brennt

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Energiekrise: Vorweihnachtszeit in Bamberg. Laut Umwelthilfe verbrauchen die "privaten Beleuchtungsorgien" jährlich mehr als 600 Millionen Kilowattstunden Strom.

Vorweihnachtszeit in Bamberg. Laut Umwelthilfe verbrauchen die "privaten Beleuchtungsorgien" jährlich mehr als 600 Millionen Kilowattstunden Strom.

(Foto: Hans Martin Issler/imago images/isslerimages)

Die Deutsche Umwelthilfe möchte die vorweihnachtliche Beleuchtung ausknipsen. Gute Idee! Vor allem aber sollte man in Zeiten der Energieknappheit aufpassen, wer einem Erleuchtung verspricht.

Von Martin Zips

Wer in den 1980er-Jahren aus der BRD in die DDR reiste, dem fiel neben den langen Menschenschlangen vor den Geschäften, dem Öl- und Kohleofengeruch, dem über löchrigen Teer donnernden Trabanten und dem grauen Schleier, der sich wie in einem George-Orwell-Roman über alles zu legen schien, Folgendes auf: Im Sozialismus waren die Nächte dunkel. Viel dunkler als im Kapitalismus, wo Lichtkünstler wie Ingo Maurer schon bald geflügelte Glühbirnen für ein paar Hundert Euro verkauften.

Noch heute, so heißt es ja, soll das kommunistische Nordkorea aus dem All nur als dunkler Fleck wahrzunehmen sein. Was für eine Offenbarung der Spaziergang über den Ku'damm mit seinen hellen Außenfassaden für DDR-Bürger da in der Nacht des 9. November 1989 gewesen sein muss. Licht ist eben auch immer eine Verheißung. Das Münchner Oktoberfest soll übrigens ebenfalls vom Weltall aus zu sehen sein. Weil es noch heller leuchtet als die Stadt, die es umgibt.

Die Deutsche Umwelthilfe hat nun den Verzicht auf vorweihnachtliche Beleuchtung gefordert. Der Mensch solle endlich "innehalten" angesichts des "Kriegs in der Ukraine, der Energieknappheit, aber auch aus Gründen des Klimaschutzes", zitiert das Redaktionsnetzwerk Deutschland Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Von "privaten Beleuchtungsorgien" ist zu lesen, welche jährlich "einen Stromverbrauch von über 600 Millionen Kilowattstunden" verursachten. "So viel wie eine mittlere Großstadt mit 400 000 Einwohnern im Jahr verbraucht."

Jeder Balkon ein Times Square, jede Kleinstadt ein Las Vegas

Sicher, zuletzt war die vorweihnachtliche Leuchterei schon etwas aus der Kabelrolle gelaufen. Jeder Balkon ein Times Square, jede Kleinstadt ein Las Vegas, jeder Glühweinstand ein Disneyland, eingezäunt durch möglichst viele Heizschwammerl (wie man Heizpilze viel netter in Österreich nennt).

Laut der Umfrage eines deutschen Ökostromanbieters sollen zuletzt 19,5 Milliarden Weihnachtslämpchen bundesweit für Stimmung gesorgt haben (keine Ahnung, wie man das zählt). In jedem Haushalt, so wird behauptet, fänden sich durchschnittlich sechs unterschiedliche Leuchtprodukte, Dreiviertel davon erstrahlen in LED.

Das alles war zuletzt möglich angesichts guter Wirtschaftszahlen, allgemeinen Wohlstands, günstiger Produkte und stabiler Energiepreise. Ja, irgendwann war sogar derart viel Licht, dass ein Bundesimmissionsschutzgesetz hermusste, um Mensch und Tier in Zeiten des Lichtsmogs zumindest etwas Dunkelheit wieder zurückzugeben.

Energiekrise: Weihnachtsmarkt in Köln. Festlich beleuchtete Innenstädte bedeuteten Lebensqualität und seien ein Wirtschaftsfaktor, behauptet der Deutsche Städte- und Gemeindebund.

Weihnachtsmarkt in Köln. Festlich beleuchtete Innenstädte bedeuteten Lebensqualität und seien ein Wirtschaftsfaktor, behauptet der Deutsche Städte- und Gemeindebund.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Die Umwelthilfe schlägt nun eine "Beleuchtungsgrenze" vor. Nicht mehr als ein einziger kommunaler Weihnachtsbaum, bitte! "Hier bewusst zu verzichten, zu sparen und solidarisch zu sein, das könnte diese Weihnachtszeit sogar zu einer ganz besonderen machen", möchten die Umweltschützer glaubend machen. Aber schon warnt der Deutsche Städte- und Gemeindebund: Festlich beleuchtete Innenstädte bedeuteten Lebensqualität und seien "ein Wirtschaftsfaktor".

Tatsächlich war das, was die Ägypter einst damit gemeint haben könnten, als sie ihre Götter Serapis und Isis als "phos" (Licht) bezeichneten, der Koran Allah "das Licht des Himmels und der Erde" nannte oder das Neue Testament von Christus als "Licht der Welt" sprach, hier und dort nur noch schwer auszumachen. Geblendet von Lichterketten und blinkenden Rentieren aus dem Metro-Markt fiel einem in den Fußgängerzonen und auf Weihnachtsmärkten die Orientierung manchmal noch schwerer als nachts auf dem Weg vom Schlaf- ins Badezimmer. Gerade die besinnlichen Tage, so schrieb einmal der Dichter Joachim Ringelnatz, hätten schon "manchen um die Besinnung gebracht".

Und doch ist es kein Geheimnis, dass sich der Mensch vor allem in jenen Momenten nach Licht sehnt, in denen es besonders dunkel ist. Man kann das ja beobachten: Sobald im Kino, dem Theater oder der Oper die Lichter ausgehen, gehen Dutzende Handys im Zuschauerraum an. Und in Zeiten des abnehmenden Lichts holt sich der Mensch halt gerne Paraffin-Teelichter aus der Schublade oder zündet seine liebsten Stearin-Monsterklötze aus dem Drogeriemarkt an. Leider brennen sie nicht ganz so makellos herab wie die teuren Wachskerzen. Aber sie sind immer noch besser als ihre rußenden Vorfahren aus Hammelfett und Rindertalg.

Licht ist - wie vieles andere auch - vor allem gut, wenn es ganz gerecht geteilt wird

Wer es sich leisten konnte, der stieg zuletzt spätestens im November in den Flieger, um die Halbkugel zu wechseln und dort etwas mehr Licht einzufangen. Ja, auch Lichttherapien gegen Winterdepressionen wurden und werden angeboten. Licht tut gut. Es steht für Wohlstand und verspricht Sicherheit. Sonnenkönig Louis XIV. illuminierte nicht nur seine Feste in Versailles mit Zehntausenden Bienenwachskerzen, er schenkte den Parisern im Jahr 1667 auch ihre ersten Straßenlaternen. Die französische Revolution hat freilich auch das nicht verhindert. Licht ist nämlich - wie vieles andere auch - vor allem gut, wenn es ganz gerecht geteilt wird.

Nun, da es russische Gasflammen sind, die man vom Weltall aus ganz bestimmt gut sehen kann, ist eine neue Licht-Sehnsucht spürbar. Und es beunruhigt sehr, dass Menschen gleichzeitig wieder Politikerinnen wählen, die ausgerechnet die Grabesflamme Mussolinis in ihrem Parteisignet tragen. Denn das ist ja das Ambivalente am Licht: Es kann auch Kurzschlüsse oder Flächenbrände verursachen. Es ist - wie die traditionellen Religionen schon lange wissen - zugleich Sonne und Mond, Blitz und Feuer.

Wenn die Deutsche Umwelthilfe nun also zum Verzicht auf vorweihnachtliche Beleuchtung aufruft, mag zwar vielerorts die Reaktion lauten: "Jetzt nehmen sie uns auch noch das, diese Kaltduscher!" Andererseits könnte genau dieser Verzicht auf blinkendes Allerlei aus kapitalgetriebener Massenproduktion die ein oder andere Kerze umso heller flackern lassen. Man sollte allerdings schon sehr genau darauf achten, wer einem hier die Erleuchtung verspricht.

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