Straße von Messina Ziemlich überspannt

Für die einen ist sie die "Mutter aller Infrastrukturen" - für die anderen eine sinnlose Geldverschwendung. Von 2016 an soll die weltgrößte Hängebrücke Italien mit Sizilien verbinden.

Von Stefan Ulrich

Elegant sieht sie aus, die größte und höchste Hängebrücke der Welt, die sich da wie eine weißgraue Golden Gate Bridge über die meerblaue Straße von Messina spannt. Der eine der 382 Meter hohen Pfeiler steht in Sizilien, der andere ist in der Erde Kalabriens verankert. Dazwischen hängt, an mächtigen Stahltauen, das 3300 Meter lange Mittelstück frei über den Wellen. 6000 Fahrzeuge pro Stunde und 200 Züge am Tag können auf sechs Fahrbahnen und zwei Eisenbahnlinien darüber fahren.

Eine Animation zeigt die geplante Brücke über die Straße von Messina.

(Foto: Foto: AP)

Da der Boden bis zu 65 Metern über dem Wasser schwebt, gleiten Frachter, Tanker, Flugzeugträger und die meisten Kreuzfahrtschiffe bequem darunter hindurch. Dabei hält das filigrane Riesenbauwerk, eines der größten der Menschheit, selbst schwersten Erdbeben und mächtigen Stürmen stand. Die Fahrbahn kann notfalls zehn Meter zur Seite oder sechs Meter nach unten schwingen.

Ein modernes Weltwunder - allerdings existiert es bislang nur auf dem Papier, als Modell und als Computersimulation. Daher müssen Autos und Züge immer noch auf Fähren verladen werden, um vom italienischen Festland zur größten Insel des Landes zu gelangen.

Doch nun soll sich das ändern. Die italienische Regierung unter Premierminister Silvio Berlusconi ordnete soeben an: Die Brücke wird gebaut. Transportminister Altero Matteoli verkündete, das Projekt habe Priorität. In genau zwei Jahren, im Mai 2010, werde der Grundstein gelegt, sechs Jahre später könnten die Italiener Einweihung feiern. Die geschätzten Kosten: einschließlich noch zu bauender Zubringer-Strecken sechs Milliarden Euro. Das Geld soll durch Maut wieder hereinkommen.

"Damit wird der großartigste Traum wahr", frohlockt Raffaele Lombardo, der Präsident der Region Sizilien. Die Brücke sei "die Mutter aller Infrastrukturen". Andere Politiker der in Rom und Palermo regierenden Rechten weisen auf den symbolischen Wert eines solchen Baus hin, mit dem Italien wohl die ganze Welt beeindrucken dürfte. Zudem soll die raschere Anbindung Siziliens dem Mezzogiorno - Italiens rückständigem Süden - einen Investitionsschub und eine einmalige Touristenattraktion bescheren, eine Brücke in die Zukunft gewissermaßen.

Der "Stretto", wie die Wasserverbindung zwischen dem Tyrrhenischen und dem Ionischem Meer auf Italienisch heißt, beflügelt die Phantasien der Menschheit allerdings schon seit Jahrtausenden. Die griechische Mythologie siedelte hier die Seeungeheuer Scylla und Charybdis an, die den edlen Odysseus samt seiner Gefährten vertilgen wollten. Um derartigen Gefahren zu entgehen, soll bereits der griechische Mathematiker Archimedes über die Errichtung einer Brücke nachgedacht haben. Später versuchten sich die Römer während der Punischen Kriege an einem solchen Projekt.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde es dann konkreter. Italienische Politiker und Konstrukteure aus aller Welt arbeiteten an den Plänen. Die Verantwortlichen in Rom schreckten aber immer wieder vor dem Brückenschlag zurück. Die von 2001 bis 2006 amtierende Berlusconi-Regierung beschloss dann schon einmal den Bau. Im Oktober 2005 erhielt ein Konsortium unter Führung der Baugesellschaft Impregilo den Zuschlag. Doch bald darauf wurde die Linke unter Romano Prodi an die Macht gewählt. Sie legte die Pläne wieder beiseite. Jetzt gibt sich die neue Regierung Berlusconi heftig entschlossen, der Hängepartie endlich ein Ende zu bereiten.

Ein Vertreter der Betreibergesellschaft "Società Stretto di Messina" sagte jetzt, die Verträge mit Impregilo seien nach wie vor gültig. Nun müssten die Abmachungen, Finanzierungsbeschlüsse und Konstruktionspläne nach zwei verlorenen Jahren nur noch auf den neuesten Stand gebracht werden. Das werde ein paar Monate dauern.

In dieser Zeit werden sich auch die Gegner neu formieren. Zu ihnen zählen Umweltschützer und ein erheblicher Teil der oppositionellen Linken. Sie führen eine Armada von Argumenten gegen Berlusconis pharaonenhaften Bau auf. So zweifeln sie, dass er großen Erdbeben standhält und kritisieren, er störe die Meeresfauna und blockiere eine bedeutende Vogelflugroute. Besonders gewichtig ist der Einwand, die Milliarden könnten sinnvoller investiert werden - in die unzureichenden Straßen, Zugverbindungen und Nahverkehrsmittel in Sizilien und Kalabrien.

Was hilft die tollste Brücke, wenn es davor und danach auf Eselspfaden weitergeht, wird polemisiert. Tatsächlich verdient etwa die A3, die von Salerno durch Kalabrien an die Meerenge von Messina führt, kaum den Namen Autobahn. Das marode Asphaltband, an dem seit vielen Jahren herumgeflickt wird, gleicht einer einzigen Baustelle.

Dann wäre da noch, wie so oft, wenn es um den Mezzogiorno geht, die Sache mit der Mafia. Sie hat die öffentliche Auftragsvergabe und das Bauwesen in Süditalien längst durchseucht. Die Ermittler beobachten schon seit langem, wie die sizilianische Cosa Nostra und die kalabrische 'Ndrangheta von ihnen kontrollierte Bauunternehmen an der Meerenge ansiedeln und Tarnfirmen gründen, um den künftigen Riesenauftrag abzugreifen.

Die italienische Justiz nimmt an, dass die beiden Mafiaorganisationen dabei eng zusammenarbeiten. Nichi Vendola, der linke Ministerpräsident der Region Apulien, spottet: "Die Brücke vereint nicht zwei Küsten, sondern zwei Clans: die 'Ndrangheta und die Cosa Nostra."