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Strafvollzug:Amerikas profitables Geschäft mit der Gefangenschaft

Mar 08 2007 Angola LA USA Lousiana State Penitentiary at Angola Warden Burl Cain has made am

Dichter Zaun vor dem Gefängnis in Angola, Lousiana.

(Foto: imago/ZUMA Press)

60 Jahre Haft für einen Banküberfall: Über die Auswüchse des amerikanischen Justizsystems, seine Folgen und die Profiteure.

Von Johannes Kuhn, New Orleans

Es war ein dummer Plan. Doch dass er so weitreichende Folgen haben würde, war Sibil "Fox" Rich damals nicht bewusst. Ein Septembermorgen 1997. Fox Rich fährt mit ihrem Ehemann Robert in ein Kaff, irgendwo im Norden Louisianas. Sie brauchen Geld für die Rettung ihres gemeinsamen Kleidergeschäfts. Deshalb soll Robert eine Bank ausrauben.

Der Banküberfall geht schief. Und obwohl in der Bank kein einziger Schuss fällt und beide keine Vorstrafen haben, sind die Konsequenzen für die Rich-Familie auch 20 Jahre später noch allgegenwärtig.

Fox Rich ist zum Tatzeitpunkt mit Zwillingen schwanger und darf das Gefängnis nach zwei Jahren verlassen. Ihr Ehemann bekommt die ganze Härte der Justiz zu spüren: 60 Jahre Gefängnis mit frühstmöglicher Bewährung nach 51 Jahren. "Bei dem Überfall wurde niemand verletzt, doch der Staat hat meinem Mann dafür die Todesstrafe gegeben", sagt Fox Rich. Bei seiner Entlassung wäre Rob mindestens 80 Jahre alt. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines afroamerikanischen Mannes in Louisiana liegt bei 68.

An einem heißen Frühlingstag 2017 in New Orleans: Fox Rich sitzt im eleganten Business-Kostüm auf ihrem Balkon und muss immer noch den Kopf schütteln, wenn sie an das Urteil denkt. Die 46-Jährige selbst hat das Beste aus ihrem Leben gemacht, leitet inzwischen ein Autohaus. Ihre sechs Kinder hat sie ohne Vater großgezogen.

Fox Rich, Ehefrau eines Inhaftierten in Louisiana. Ihr Ehemann erhielt 60 Jahre für einen Banküberfall.

Fox Rich, Ehefrau eines Inhaftierten in Louisiana. Ihr Ehemann erhielt 60 Jahre für einen Banküberfall.

(Foto: oH)

"Die Forsetzung der Sklaverei"

Robert dagegen ist heute 48 Jahre alt und hat noch Jahrzehnte im Hochsicherheitsgefängnis Angola vor sich. Die ehemalige Sklavenplantage, die zu einer Strafvollzugsanstalt umgebaut wurde, gilt als eines der härtesten Gefängnisse der USA und wurde durch den Film "Dead Man Walking" mit Sean Penn weltbekannt.

"Die Inhaftierungspolitik hier in Louisiana ist die Fortsetzung der Sklaverei", sagt Fox Rich mit überzeugter Stimme, "es geht nur um Profit." Sie spricht diese Worte ruhig aus, sie sind mit Bedacht gewählt. Seit Jahren kämpft sie für ihren Ehemann - und für die Reform des Justizsystems.

Die USA sind nach den Seychellen das Land mit dem höchsten Anteil an Strafgefangenen: Mehr als 2,2 Millionen Menschen sitzen in den Gefängnissen. Seit 1970 hat sich die Zahl der Haftanstalten verfünffacht, inzwischen betreiben profitorientierte Privatfirmen etwa 20 Prozent der Einrichtungen. 80 Milliarden US-Dollar gibt der Staat jährlich für Vollzugsanstalten und Bewährungsdienste aus. Zwei Minderheiten sind unter der Gefängnisbevölkerung überproportional vertreten: 40 Prozent der Insassen sind schwarz, fast 20 Prozent Latinos. In Louisiana liegt der Anteil von Afroamerikanern bei zwei Dritteln, obwohl sie nur ein Drittel der Bevölkerung stellen.

Außerdem auffällig: Fast alle Bundesstaaten der ehemaligen Konföderierten-Gebiete des Südens haben einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihrer Bevölkerung eingesperrt. Louisiana, einst der Staat mit der höchsten Todesrate unter Sklaven, liegt an der Spitze: 776 Menschen pro 100 000 Einwohner sitzen hinter Gittern. Zum Vergleich: In Deutschland sind es nur 76.

Kontakt zur Familie? Eine Frage des Geldes

Armut, Perspektivlosigkeit und eine große Verbreitung von Schusswaffen spielen dabei durchaus eine Rolle. Harte Mindeststrafen für gewaltlose Delikte wie Cannabisbesitz und -handel sowie automatische Gefängnisstrafen bei Wiederholungsdelikten oder unbezahlten Geldstrafen ebenso. Es ist kein Geheimnis, dass Weiße deutlich bessere Chancen haben, dem Justizsystem zu entkommen und auch gar nicht erst mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Und es ist kein Geheimnis, dass Louisiana zu jenen Bundesstaaten gehört, in denen Sühne und Geschäft bestens zusammengehen.

"Fast die ganze Welt kommuniziert heutzutage umsonst. Und ich muss jedes Mal 3,25 Dollar bezahlen, wenn ich eine Viertelstunde mit meinem Ehemann telefonieren möchte", rechnet Fox Rich vor. "Eine E-Mail kostet 30 Cent. Wenn ich ins Gefängnis gehe und ihm 100 Dollar mitbringe, kostet das vier Dollar Gebühren." Wenn sie keine 200 Kilometer Fahrt nach Angola auf sich nimmt und per Telefon Geld schickt, kostet es 10,5 Prozent der Summe. "Sie haben einen Weg gefunden, mit allem Geld zu verdienen."

85 Prozent der Gefängnisinsassen in Louisiana sind arm - und damit im Nachteil, weil sie sich den Kontakt mit der Familie buchstäblich nicht leisten können. Akzeptanz findet die gewinnorientierte Ausrichtung trotzdem. Mehrere Tausend Gefängnisse befinden sich in abgelegenen ländlichen Gegenden und bieten dort, was sonst rar gesät ist: gut bezahlte Arbeitsplätze - beispielsweise als Gefängniswärter oder Reinigungskraft.

In Staaten wie Texas und Louisiana betreiben oft Sheriffs selbst die Strafvollzugsanstalten - und können auf Wiederwahl hoffen, wenn ihr Gefängnis "floriert" und neue Mitarbeiter braucht. In Louisiana erhält ein Sheriff für jeden Gefangenen etwa 25 Dollar staatlichen Zuschuss pro Tag.

Milliardenschwere Kautionsindustrie

Auch die Wiedereingliederung ist durchaus lukrativ: Der Sheriff kann einem Freigelassenen einen Schlafplatz stellen und einen Job vermitteln. Dafür darf er bis zu 70 Prozent von dessen ohnehin geringem Gehalt für sich beanspruchen.

Wer von einem harten Strafrecht profitieren möchte, muss kein Gefängnis betreiben. Die USA sind neben den Philippinen das einzige Land, das ein profitorientiertes Kautionssystem hat. Wer seine Kaution nicht zahlen kann, muss sich von einer Firma Geld leihen und 10 bis 15 Prozent Gebühren abführen, die er nie mehr zurück erhält. In einigen Fällen sind Justizbehörden sogar prozentual an dem Geschäft beteiligt - ein indirekter Anreiz, höhere Summen festzusetzen.

Der Umsatz der Branche liegt inzwischen bei etwa zwei Milliarden US-Dollar jährlich. Auch hier gilt: Wer es sich nicht leisten kann, hat Pech gehabt. Die Bürgerrechtsorganisation "Civil Rights Corps" schätzt, dass jede Nacht 500 000 US-Bürger nur deshalb in einer Gefängniszelle sitzen, weil sie zu arm für die Bezahlung der Kaution sind. Weil gerade in ärmeren Staaten bis zum Prozess oft viele Monate vergehen können, verlieren vor den Augen des Gesetzes als unschuldig geltende Bürger nicht selten Jobs und Wohnung oder geraten in den schlechten Einflusskreis der Gefängniskultur.

Die Demütigung der Söhne

Schwerer zu berechnen als die finanziellen Kosten sind die menschlichen Folgen der Massen-Inhaftierung. "Mein Mann ist schon so lange weg, dass meine Kinder nicht einmal wissen, was sie verpassen", sagt Fox Rich. "Telefonate, Besuche im Gefängnis - das System ist das einzige, das sie kennen."

Fox Rich

Sibil "Fox" Rich und ihr Ehemann Rob bei ihrer Hochzeit 1997.

(Foto: oH)

Weil ihre Familie zusammenhielt und mithalf, geriet keiner der Söhne auf die falsche Bahn. "Viele andere Familien haben dieses Netzwerk von Unterstützung nicht", erzählt sie. "Alleine schon die Demütigung, wenn du in der Schule erzählen musst, dass dein Vater im Gefängnis sitzt." Nicht selten scheitern die alleingelassenen Mütter in schwierigen Umfeldern daran, die Söhne vor dem Weg ihrer Väter zu bewahren. Gefängnis sei, so hat die inzwischen verstorbene schwarze Journalistin Deborah Cotton einmal bemerkt, "eine Art, den Menschen zu verstehen zu geben, dass sie dem Umfeld nicht entkommen können, in dem sie aufgewachsen sind."

Die Erkenntnis, dass die Rückfall-Quote nicht von der Länge einer Haftstrafe abhängig ist, hat sich inzwischen nicht nur in progressiveren Bundesstaaten durchgesetzt; Diskussionen über Reformen finden im ganzen Land statt. Selbst Grover Norquist, Chef der Organisation "Americans For Tax Reform", die jegliche Steuererhöhungen ablehnt, fordert eine Entschärfung des Strafrechts - die vielen Gefangenen kosteten den Staat einfach zu viel Geld. Viele Staaten haben begonnen, ihr Kautionssystem zu verändern.

Sessions' Rückkehr in die Vergangenheit

Der neue Justizminister Jeff Sessions, zuvor Senator in Alabama, schlug vor wenigen Wochen allerdings den Weg zurück in die Vergangenheit ein: Bundesstaatsanwälte müssen nun wieder unabhängig von Delikt und Einzelfall die höchstmögliche Strafe für ein Verbrechen fordern. Der Aktienkurs der beiden größten privaten Gefängnisbetreiber schoss daraufhin in die Höhe.

Fox Rich setzt sich mit anderen Betroffenen für ein Gesetz ein, das Strafgefangenen in Louisiana - so wie in anderen Bundesstaaten üblich - zumindest die Chance gibt, nach 30 Jahren von einer Bewährungskommission gehört zu werden. Die Zahl der Über-50-Jährigen in amerikanischen Gefängnissen hat sich seit 1994 immerhin verdreifacht.

Eine demografische Entwicklung, so hofft Rich, der sich der chronisch klamme Bundesstaat nicht mehr lange widersetzen kann: "Mein Mann hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben."

© SZ.de/sks
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