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Mallorca:Der erste Stierkampf seit zwei Jahren

Torero trifft Stier: Statt Tuch wieder künftig mit Spieß und Degen?

(Foto: JAIME REINA / AFP)

Am Freitag fließt auf der spanischen Insel bei einem Stierkampf wieder Blut. Konservative sind begeistert, Tierschützer entsetzt. Über einen fundamentalen Streit.

Blutende junge Menschen, die sich mit schmerzverzerrten Gesichtern auf dem Boden wälzen, zuckende Gliedmaßen bis zum letzten Atemzug. Diese Szenen wird es am Freitag vor der Stierkampfarena von Palma de Mallorca geben, ein erprobtes Spektakel, das die Aktivisten der Tierschutzvereinigung "La tortura no es cultura" ("Quälerei ist keine Kultur") unter Einsatz von viel Kunstblut schon in vielen spanischen Städten aufgeführt haben.

Doch ist auch eine Gegendemonstration angekündigt: Verfechter der Corrida, des Stierkampfes, fordern die "vollständige Wiederherstellung des Kulturgutes". Gleichzeitig feiern sie ihren "großen Sieg": Zum ersten Mal seit zwei Jahren treten am Freitag in der Arena von Palma wieder Toreros und Stiere recht blutig gegeneinander an. Die Veranstalter verkünden seit Tagen stolz, dass die Karten zwischen 50 und 130 Euro reißenden Absatz fänden.

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Hin und her wogte in den letzten Jahren der fundamentale Streit um die Corrida zwischen Anhängern und Gegnern. Sie trugen ihn in den Parlamenten des Landes und vor Gericht aus, aber auch über die Medien und bei Kundgebungen, in Film, Theater und Malerei. Die Konfliktlinien sind klar gezogen: Es ist ein Kulturkampf zwischen rechts und links, der seit Langem auch auf anderen Feldern die Gesellschaft spaltet. Die konservative Presse berichtet in großer Aufmachung im Feuilleton über Triumphe und Tragödien der Matadore - die Berufsbezeichnung bedeutet wörtlich übersetzt schlicht: "Töter". Die links orientierten Medien geben dem Thema hingegen kaum Raum und schon gar nicht unter der Rubrik "Cultura".

Noch vor einer Generation gehörten Übertragungen aus den Arenen zum normalen Fernsehprogramm, die politische Elite zeigte sich gern auf den Ehrentribünen, allen voran Langzeitkönig Juan Carlos, der immer wieder von der "hohen Kunst" der Toreros schwärmte. Doch seine Begeisterung hat er seinem Sohn und Nachfolger auf dem Thron Felipe VI. nicht vererbt. Denn dieser meidet die Arenen; und die junge Königin Letizia hat bei ihren wenigen öffentlichen Stellungnahmen gar anklingen lassen, dass sie sich auf der Seite der Gegner der Corrida sieht.

Das Interesse bei den Jungen ist minimal

Damit hat sie das konservative Lager, auf das sich die Monarchie vor allem stützt, allerdings wenig erfreut. Es war die konservative Volkspartei (PP), die vor sechs Jahren, als sie über eine absolute Mehrheit im Parlament zu Madrid verfügte, per Gesetz den Stierkampf zum "nationalen Kulturgut" erklärte, das staatlicherseits zu fördern sei. Damit war auch eine Subventionierung aus Steuergeldern gemeint, die Branche war hocherfreut. Denn seit Jahren gehen die Geschäfte schlecht. Nur acht Prozent der erwachsenen Spanier haben Umfragen zufolge bislang einer Corrida beigewohnt, in der jungen Generation ist das Interesse minimal.

Rückkehr des Stierkampfs auf Mallorca

Am Freitag geht es wieder los: Fast 12 000 Zuschauer haben Platz in der 90 Jahre alten Stierkampfarena "Colisseu Balear" in Palma de Mallorca.

(Foto: Clara Margais / dpa)

Ebenso wie die aufmüpfige Führung Kataloniens versuchte die links orientierte Regionalregierung der Balearen dieses Gesetz zum Schutz des nationalen Kulturguts zu unterlaufen. Unter Berufung auf den Tierschutz wurde in beiden Regionen die Corrida verboten: Nach Expertenmeinung erleben die Stiere ungeheuren Stress, sie würden zu Tode gehetzt, womit der Tatbestand der Tierquälerei erfüllt sei. Das Verfassungsgericht in Madrid aber hob diese Verbote vor drei Jahren auf, mit einer formalen Begründung: Die Regionalregierungen hätten ihre Kompetenzen überschritten, als sie Beschlüsse zur Umgehung des nationalen Gesetzes fassten. Nur das nationale Parlament und nationale Gerichte in Madrid seien befugt, über den Stierkampf zu befinden.

Die Stierkampf-Gegner werden sich wieder am Boden wälzen

In Palma de Mallorca gab man sich nicht geschlagen: Der Stierkampf wurde zwar wieder formal zugelassen, aber mit einer Einschränkung - es sollte kein Blut fließen. Zwar durfte der Matador weiter mit der Muleta wedeln, dem sprichwörtlich "roten Tuch" (das aber meist hellviolett ist). Doch verboten blieben die mit bunten Bändern geschmückten Spieße, die der Stier in den Rücken gerammt bekommt, und erst recht der Degen, den der Matador ihm zwischen die Schulterblätter stoßen soll. Auch war der Verkauf alkoholischer Getränke untersagt, obendrein mussten die Veranstalter die Zuschauer, die volljährig sein mussten, vor der Corrida vor möglichen "traumatischen Folgen" warnen. Außerdem ordnete das Veterinäramt der Balearen an, dass die Stiere vor ihrem Einsatz per Blutprobe auf Doping und Beruhigungsmittel zu untersuchen seien.

Die Corrida-Lobby schnaubte vor Wut. Konservative Politiker zogen erneut vor Gericht - und siegten ein zweites Mal. Von Freitag an darf also wieder Blut fließen, der Degen darf wieder vor dem tödlichen Stoß in der Nachmittagssonne aufblitzen. Doch zum Ärger der Verteidiger des "nationalen Kulturguts" hatte das Verfassungsgericht keine Beanstandungen an dem Verbot des Alkoholausschanks sowie der Festlegung eines Mindestalters für die Zuschauer. Gegen diese beiden Beschränkungen wollen nun die Corrida-Freunde demonstrieren. "Wir wollen unsere großartige kulturelle Tradition auch unserer Jugend zugänglich machen", erklärte einer der Aktivisten.

Die Stierkampf-Gegner aber werden sich wieder auf dem Boden wälzen, und sie haben längst neue Attacken auf das Kulturgut vorbereitet. Sie wollen die Behauptung widerlegen, dass der Tod eines Stieres in der Arena nichts anderes sei als das Schlachten eines Nutztieres. Sie verbreiten heimlich aufgenommene Filme über die Ausbildung von Jung-Toreros. Diese dürfen an Kälbern und Jungstieren den entschiedenen Einstich üben - und richten dabei meist Massaker an. Die stark blutenden Tiere wälzen sich am Boden und blöken nach ihrer Herde. Aber niemand kommt, um sie zu schützen.

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