bedeckt München 21°
vgwortpixel

Japan:Die Frau, die Sternschnuppen regnen lässt

Voie lactee sur l observatoire du Paranal 03 2014 Reaching for stars Paranal Observatory Chile

Für viele der Inbegriff von Romantik: Ein Sternenhimmel.

(Foto: imago/Leemage)

Lena Okajima hat mit ihrem Start-up einen Satelliten entwickelt, der einen Meteorschauer an den Himmel zaubert. Aber kann das funktionieren, Romantik auf Knopfdruck?

Der Komet Temple-Tuttle war längst wieder auf seiner nächsten Runde durch das Sonnensystem, als sich am Himmel über Japan ein ungewöhnliches Spektakel ereignete, das mit ihm zu tun hatte. Es war die Nacht des 18. November 2001. Außerordentlich viele Gesteinsteilchen des Kometen drangen in die Erdatmosphäre ein, verglühten und erschienen am Himmel als eine besonders dichte Version jenes jährlich wiederkehrenden Phänomens, das Experten "Leonidenstrom" nennen. Lena Okajima war damals Astronomiestudentin an der Universität von Tokio. Sie betrachtete den seltenen Regen der Sternschnuppen mit Kommilitonen. Sie redeten. Sie fachsimpelten. Sie dachten über die Naturgesetze hinter dem Schauspiel nach. Und in Lena Okajima keimte jene Idee, der sie heute als Firmenchefin nachgeht: nämlich Sternschnuppen selbst herzustellen.

Der Mensch ist nicht aufzuhalten in seinem Streben nach Fortschritt. Er hat sich das Fliegen beigebracht und Wege gefunden, die Steiermark ganzjährig mit Bananen zu versorgen, um nur zwei Beispiele für Errungenschaften zu nennen, die man in anderen Zeiten für unmöglich hielt. Insofern muss es nicht überraschen, dass es im Hightech-Land Japan bald die Sternschnuppe auf Knopfdruck gibt.

Die Frage ist allenfalls, ob man sie wirklich braucht, und vor allem Romantiker werden hier eine klare Meinung vertreten. Denn der Wert der Sternschnuppe liegt doch gerade darin, dass man sie nicht auf Knopfdruck haben kann. Dass sie wie ein unvorhergesehenes Glück am Nachthimmel aufleuchtet. Wer eine sieht, darf sich was wünschen. Muss das sein, dass selbst dieses unschuldige Spiel zum Produkt wird?

"Es ist ja nicht die Sternschnuppe, die den Wunsch erfüllt."

"Guter Punkt", sagt Lena Okajima, 41. Sie kennt die kritischen Fragen zur Kommerzialisierung der Sternschnuppe. Sie kann damit umgehen. Zum einen, weil sie nicht wüsste, warum man sich zu einer künstlichen Sternschnuppe nicht genauso etwas wünschen sollte wie zu einer natürlichen: "Es ist ja nicht die Sternschnuppe, die den Wunsch erfüllt." Zum anderen, weil sie mit ihrem Sternschnuppen-Handel ein höheres Ziel verfolgt.

Lena Okajima sitzt an einem Konferenztisch in der aufgeräumten Tokioter Zentrale ihrer Sternschnuppen-Firma ALE nahe dem roten, eiffelturmartigen Tokyo Tower im Bezirk Minato. Hinter ihr steht in Originalgröße ein Modell des Satelliten, aus dem ihre künstlichen Sternschnuppen kommen sollen. Lena Okajima ist eine schmale Frau mit Humor und starkem Willen. Sie wurde früher oft gefragt, wozu ihr Astronomie-Studium nützlich sei, und fand das ziemlich vielsagend. "Ich habe das Gefühl, in Japan sind sich nur wenige dessen bewusst, wie wichtig die Grundlagenwissenschaften sind." Sie möchte das ändern. "Wissenschaft erschafft Neuheiten und trägt damit zur Entwicklung der Zivilisation bei. Deshalb machen wir diese Firma hier", sagte sie. "Die Sternschnuppen sind ein Beitrag zur Wissenschaft."

Firmenchefin Lena Okajima, 41, will Sternschnuppen selbst herstellen.

(Foto: Thomas Hahn)

Seit 2009 verfolgt sie ihr Sternschnuppenprojekt, 2011 gründete sie das Start-up ALE. Davor arbeitete sie bei der Investmentbank Goldman Sachs. Ihre Kontakte dort waren hilfreich, um das Investorengeld zu beschaffen, das eine Sternschnuppen-Bauerin braucht. 26 Millionen US-Dollar sammelte Lena Okajima für ALE.

Der Weltraum ist ein Thema für Technologieunternehmen und Regierungen. Manche vermuten dort Lösungen für die Zukunft der Erde, die unter dem Klimawandel und anderen Problemen ächzt. Für Lena Okajima sind die Sternschnuppen ein Mittel, um einem breiten Publikum die Möglichkeiten zu zeigen, die im Himmel liegen. "Unsere Mission ist es, den Weltraum näher an die Menschen heranzuführen." Lena Okajima steht fest wie ein Mondgebirge zu ihrem Projekt. "Ich denke nie ans Aufgeben", sagt sie freundlich.

Noch dieses Jahr soll der erste Stern fallen

Aber einfach ist die Sternschnuppen-Herstellung nicht. "Es gibt viel zu bedenken", sagt Lena Okajima. Irgendwann in diesem Jahr soll der erste ALE-Stern fallen, neun Jahre nach der Gründung der Firma. In dieser Zeit musste sie viele Menschen überzeugen von ihrem Plan, nicht nur Investoren, sondern auch Weltraumbehörden wegen Fragen der Sicherheit und der Satelliten-Entsorgung. Und natürlich brauchte sie technische Lösungen für den ersten künstlichen Meteorschauer.

Mit Experten von der Universität in Tohoku, Präfektur Miyagi, hat sie diese gefunden. Seit dem vergangenen Jahr umkreisen zwei ALE-Satelliten die Erde in 400 und 500 Kilometer Entfernung, die Sternschnuppen-Schleudern der Gegenwart. Jeder der Satelliten hat drei Sternsensoren für eine besonders stabile Lage im All, ist auch sonst mit viel Präzisionselektronik ausgestattet und beladen mit 400 kleinen Kugeln von einem Zentimeter Durchmesser. Aus welchem Material diese künstlichen Partikel bestehen, verrät Lena Okajima nicht. "Sie sind inspiriert von dem Material, das jeden Tag aus dem All auf die Erde fällt."

Wenn kein anderes Weltraumfahrzeug im Weg ist und die Show beginnen kann, entlässt der Satellit ein solches Partikel mit einer Geschwindigkeit von bis zu 400 Meter pro Sekunde in den Weltraum. Dieses dringt in etwa 80 Kilometer Höhe in die Mesosphäre ein, die mittlere Schicht der Erdatmosphäre. Dort verglüht es auf seinem Weg Richtung Erde wie das Gesteinsteilchen eines Kometen und strahlt ein Licht aus, das Menschen im Umkreis von 200 Kilometern sehen können.

Eine Million Dollar - wer zahlt das?

Pro Show schießt der Satellit fünf bis 20 Kugeln in die Atmosphäre, also fünf bis 20 Sternschnuppen, die jeweils für drei bis zehn Sekunden am Himmel erscheinen. Die ALE-Partikel sind größer als Kometen-Partikel, deshalb ergeben sie langsamere Sternschnuppen, die so hell sind wie die hellsten natürlichen Sternschnuppen. Außerdem sind sie in verschiedenen Farben zu haben, in Weiß, Orange, Pink, Grün und Blau. Sie sind zuschauerfreundlicher, könnte man sagen. Kostenpunkt? "Eine Million." Yen? "US-Dollar." Fast 900 000 Euro. Lena Okajima rechnet mit Freizeitparks, lokalen Regierungen, Kreuzfahrt-Reedereien und anderen Ereignis-Schaffenden als Abnehmern. Nach zwei bis drei Jahren hat der Satellit ausgedient, stürzt automatisch ab und zerfällt laut ALE restlos.

Es gibt Bedenken, Lena Okajima spricht sie von sich aus an. Der zunehmende Weltraumschrott ist ein Thema. Außerdem: "Astronomische Beobachter und Organisationen haben Sorge, dass künstliche Objekte im Weltraum allmählich heller werden als natürliche." Sie legt wert darauf, dass sie mit ihren Sternschnuppen nicht nur Effekte haschen will, sondern auch Lösungen anbietet für ein aufgeräumteres Weltall. Ihre Satelliten sammeln Daten aus der Mesosphäre. Diese an Unternehmen und Institute zu verkaufen, soll ihre zweite Einkommensquelle werden. "Solche Daten sind schwer zu bekommen und wichtig für Vorhersagen zum Klimawandel", sagt Lena Okajima. Sie ist für nachhaltige Sternschnuppen, die mehr liefern als nur einen Augenblick, in dem man sich irgendetwas wünschen kann.

© SZ/nas
Winy Maas / MVRDV

SZ Plus
Städteplanung
:"Wir brauchen Autos nicht mehr"

Unsere Städte müssen sich radikal verändern, sagt der Urbanist Winy Maas. Ein Gespräch über den Klimawandel, die zwei Seiten von Gentrifizierung und warum deutsche Stadtplanung nicht sexy ist.

Interview von Laura Weißmüller

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite