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Sterbender in Bankfiliale in Essen:Ein Obdachloser? Staatsanwaltschaft vermutet Schutzbehauptung

Zwei Angeklagte sagten bislang aus, dass sie den Rentner für einen Obdachlosen gehalten hatten - tatsächlich hatten damals häufiger Obdachlose dort geschlafen. Allerdings lag der Mann in der Mitte des Raumes, war ordentlich gekleidet und hatte keine Habseligkeiten wie Plastiktüten, einen Schlafsack oder Ähnliches dabei. Deshalb hält Staatsanwältin Jürgens die Aussagen für Schutzbehauptungen. Bei einer Verurteilung droht den Angeklagten eine Geldbuße und bis zu einem Jahr Haft.

Das Ergebnis der Obduktion, wonach der Rentner auch gestorben wäre, wenn der Arzt früher eingetroffen wäre, dürfte sich kaum strafmindernd auf das Urteil auswirken. Nach dem Strafgesetzbuch liegt unterlassene Hilfeleistung dann vor, wenn jemand "bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten" gewesen sei. Die Staatsanwaltschaft ist der Meinung, dass man Passanten nicht unbedingt Erste-Hilfe-Maßnahmen oder eine Herzmassage abverlangen kann, aber wenigstens der Ruf nach einem Krankenwagen wäre in der Situation in Essens Bankfiliale zwingend erforderlich gewesen.

Nach dem Vorfall in Essen war ein Aufschrei durch das Land gegangen. Deutschland debattierte, ob dieser Fall ein Symbol für eine kalte, verrohte Gesellschaft sei, in der sich niemand mehr um den Nächsten kümmere. Selbst dann nicht, wenn dieser augenscheinlich ein ernstes Problem hat. Essens Bischof Franz-Josef Overbeck erklärte damals, ihm gehe dieser tragische Fall sehr nahe. Er "glaube ganz fest, dass ohne echte Barmherzigkeit keine Gesellschaft letztlich existieren kann".

Mehrere Fernseh-Talkshows beschäftigten sich mit dem Geschehen in Essen. Die Reaktionen waren zwiespältig. Einerseits offenbarte sich die Angst, das Schicksal des Rentners könne jeden treffen angesichts der Anonymität und Gleichgültigkeit der Bevölkerung vor allem in den Städten. Andererseits hieß es, man solle die vier Menschen nicht voreilig attackieren, in der Bevölkerung gebe es generell eine Hemmschwelle, anderen zu helfen.

Gerd Bohner, Professor für Sozialpsychologie, sagte in einem SZ-Interview, das Verhalten der Leute sei häufig keine Charakterschwäche, sondern durch den sozialen Kontext der Situation erklärbar. So gebe es den sogenannten "Zuschauereffekt", wonach Menschen nicht eingreifen in dem Glauben, es werde schon ein anderer, mit vielleicht auch mehr Kompetenz dem Verletzten beistehen. Auch sei es in einer Großstadt viel anonymer als im ländlichen Raum, weshalb dort die Hilfsbereitschaft im Notfall größer sei.

Draußen tun, was drinnen gebetet wird

Der 3. Oktober 2016 hat ein paar Dinge verändert in Borbeck. Man hat geredet über den Fall, selbstverständlich. Überall, zum Beispiel direkt gegenüber der Bankfiliale, zu Füßen der steinernen Germania. Das Denkmal, das an den Krieg von 1870/71 erinnert, blickt streng über den Platz hinweg. Oder drüben am Kiosk, wo sich zwei junge Männer mit schwarz-gelbem BVB-Schal am sonnigen Vormittag das erste Pils geben: "Ja, schrecklicher Fall!" Oder in der katholischen Gemeinde Sankt Dionysius, wo der Pfarrer den Fall in seiner Predigt aufgriff und, so erzählt eine Mitarbeiterin, "wir in vielen Fürbitten gesagt haben: 'Wir müssen, was wir hier drinnen beten, auch draußen praktizieren.'" Nächstenliebe zum Beispiel.

Am Unglücksort ist heute manches anders. Neben dem Telefon, mit dem man bei Beschwerden einen Bankangestellten anrufen kann, klebt nun ein Schild. "Notfall?", fragt der Aushang. Dann möge man doch zum Hörer greifen: "Bitte reagieren Sie, denn nur dann kann auch geholfen werden!"

Eine weitere Veränderung nimmt nur wahr, wer hier schon früher verkehrte. "Die Obdachlosen sind weg", bezeugt Arnulf Breiderhoff. Früher habe hinten rechts im Bankraum oft ein Mann geschlafen, der häufig betrunken und manchmal "sehr laut und auch aggressiv" geworden sei. Gerade Frauen habe der Kerl bestimmt etwas Angst gemacht. Die Obdachlosen kämen nicht mehr, obwohl die Bankfiliale weit und breit der einzige beheizte Geschäftsraum ist, in den man ohne Schlüssel, Code oder EC-Karte gelangt. Einfach Tür drücken - drin. Bis heute.

Angesetzt ist bislang ein Verhandlungstag, das Urteil wird bereits am Montag erwartet.

© SZ.de/feko/leja/lho
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