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Sterbehilfe:Abschied in Oregon

Der Staat an der Westküste der USA hat ganz besondere Regeln für die Sterbehilfe - sie gelten vielen als vorbildlich.

Nina von Hardenberg

Oregon muss ein guter Ort zum Sterben sein. Der Westküstenstaat der USA wird sowohl von Befürwortern als auch von Gegnern des assistierten Suizids, der Hilfe beim Selbstmord, als positives Beispiel zitiert. So pries der FDP-Politiker Michael Kauch, der kürzlich eine Legalisierung der Beihilfe zum Suizid ins Gespräch brachte, die liberale Gesetzeslage in Oregon.

Gleichzeitig lobte auch der Palliativmediziner Gian Borasio von der Ludwig-Maximilians-Universität München den US-Bundesstaat für seine vorbildliche medizinische Betreuung am Lebensende.

Tatsächlich schafft man es in Oregon, beides zu verbinden. Denn hier ist der assistierte Suizid zwar erlaubt, doch in vielen Fällen wird er verhindert, weil Ärzte den Patienten Möglichkeiten der Schmerzlinderung aufzeigen und weil es eine gute Versorgung mit Hospizen, mit Sterbekliniken, gibt.

Zweimal mündlich und einmal schriftlich

Der "Death With Dignity Act", das Gesetz über einen Tod in Würde, trat am 4. November 1997 in Kraft. Das Gesetz erlaubt es unheilbar Kranken, sich vom Arzt ein Medikament verschreiben zu lassen, mit dem sie sich selbst das Leben nehmen können. Allerdings - und das ist der wesentliche Unterschied zur Schweiz - ist die Vergabe in Oregon an strenge Kriterien gebunden.

So muss der Patient volljährig und urteilsfähig sein, in Oregon wohnen und an einer unheilbaren Krankheit leiden, die nach der Auffassung von zwei Ärzten innerhalb von sechs Monaten zum Tod führt. Der Patient muss seinen Todeswunsch zudem in einem Abstand von 15 Tagen zweimal mündlich und einmal schriftlich vorbringen. Außerdem ist der Arzt verpflichtet, den Kranken über Behandlungen aufzuklären.

Der Arzt kommt so mit dem Patienten ins Gespräch, was in Deutschland häufig nicht der Fall ist. Denn ein Arzt, der von Suizidplänen eines Patienten erfährt, ist hier verpflichtet, diese mit allen Mitteln zu verhindern. Patienten meiden darum häufig das Gespräch.

Nach einer Analyse der Regierung von Oregon haben sich zwischen 1997 und 2006 insgesamt 292 Menschen mit einem vom Arzt verschriebenen tödlichen Mittel das Leben genommen. Untersuchungen zeigen, dass damit nur einer von 1000 Todesfällen auf das Sterbehilfegesetz zurückzuführen ist.

Noch bemerkenswerter ist eine zweite Zahl: Von drei Patienten, die das tödliche Mittel verschrieben bekamen, nahmen es zwei gar nicht ein.

Häufigste Diagnose ist Krebsleiden

Auch bestätigen sich die Sorgen vieler Kritiker nicht, die meinten, vor allem schlecht versicherte und arme Menschen würden auf das Gift zurückgreifen. Nach einem Bericht im New England Journal of Medicine waren die Mehrheit der Patienten gebildete Menschen. Nur fünf Prozent hatten keinen Schulabschluss und nur zwei Prozent waren nicht versichert.

Die häufigste Diagnose der Patienten war ein Krebsleiden, und als Grund für den Todeswunsch wurden meistens der Verlust der Selbständigkeit (57 Prozent), schlechte Lebensqualität (55 Prozent) sowie Schmerzen oder die Angst vor Schmerzen angegeben (43 Prozent).

Die Befürchtung, dass das Gesetz zu Missbrauch führen würde, konnten die Studien allerdings nicht ausräumen. So gab es zwei Todesfälle, bei denen die Gesetzesgegner behaupten, dass die Patienten unter Depressionen litten und darum nie ein Rezept hätten erhalten dürfen.

© SZ vom 20.11.2007/ckn

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