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Stechmücken-Plage am Rhein:Sie nannten ihn Mücke

Stechmückenplage

Im schlimmsten Fall bleibt gegen Stechmücken nur der Taucheranzug.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Gäbe es Norbert Becker nicht, wäre das Leben am Rhein vom Kaiserstuhl bis nach Bingen derzeit ziemlich ungemütlich. Der Schnakenkiller kämpft seit Jahren gegen die Mückenplage, die sonst mitunter nur im Taucheranzug zu ertragen ist.

Gäbe es Norbert Becker nicht, wäre das Leben am Rhein vom Kaiserstuhl bis ins rheinland-pfälzische Bingen in diesen Wochen ziemlich unersprießlich. Becker ist, wenn man so will, Deutschlands bedeutsamster Mückenjäger. Gut drei Billionen Larven haben er und seine Mitstreiter von der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage, kurz Kabs, in diesem Sommer getötet. Entlang des Stromes nennt man Mücken Schnaken; am Oberrhein sind sie seit Jahrhunderten eine gefürchtete Plage. 1975 war es besonders arg - ein Horrorsommer. Campingplätze waren leer, Fußballspiele mussten abgebrochen werden, Kinder wurden ins Haus verbannt.

Leidgeprüfte Gemeinden schlossen sich daraufhin im Kabs-Verein zusammen, um die Mücken zu bekämpfen, so umweltverträglich wie möglich. Und so wird Jahr für Jahr das 1976 in Israel entdeckte Bakterium Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) entlang des Rheins verteilt, per Hand, oft aber auch vom Flugzeug aus. 240 Tonnen waren es allein in diesem Jahr; es könnten noch mehr werden, sagt Kabs-Chef Becker. Eine Extremsituation, befördert durch die zahlreichen Hochwasserwellen am Rhein im Juli. Deshalb seien in diesem Jahr besonders viele Larven geschlüpft. Kommen sie mit dem Bakterium in Berührung, sterben sie binnen Minuten.

Der Biologe und Naturfreund Becker ("Ich bin Mitglied im Nabu") versichert, das Mittel sei für andere Lebewesen völlig harmlos und findet, der Mensch am Rhein habe in den Sommermonaten ein Schutzrecht. Naturschützer sehen das etwas anders. Der Nabu-Landeschef von Baden-Württemberg, Andre Baumann, kennt Becker und das Schnakenproblem. Er kann sich noch gut erinnern, wie sein Großonkel im Taucheranzug auf dem Trecker saß bei der Feldarbeit, weil die Mücken wieder plagten.

Ganz verbieten würde er die Bti-Einsätze nicht, wohl aber einschränken und deren Konsequenzen für Flora und Fauna besser untersuchen. "Ich bin mit den Forschungsergebnissen bislang nicht zufrieden", sagt Baumann und meint, zum Schutz besonders sensibler Gebiete müsse der Mensch zur Not eben auch mal ein paar Stiche mehr riskieren. Ähnlich sieht es der Pestizid-Experte Tomas Brückmann vom BUND. Er fürchtet, dass andere Zweiflügler wie die Zuckmücke an Bti sterben, dass Vögel und Fledermäusen die Mückenmahlzeiten ausgehen. Auch er findet, dass der Mensch kein Anrecht auf eine Art Rundumschutz vor der Natur hat. "Ein paar Unpässlichkeiten muss man auch hinnehmen können", sagt er.

© SZ vom 22.08.2014/sebi
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