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Missbrauchsfall von Staufen:Ein notorischer Manipulator, Lügner, Gewalttäter und Kinderschänder

In den Medien, so merkte Richter Bürgelin an, seien alle bisherigen Urteile im Staufen-Komplex als zu milde diskutiert worden, "aber sehen Sie es einmal so: Für jemanden, der das nicht absitzen muss, sind zwölf Jahre wenig. Für jemanden, der sie verbüßen muss, ist es lang." Christian L. hat vor Gericht durch seine Strategie, die auch Staatsanwältin Novak rückblickend als glaubwürdige Selbstreflexion und außergewöhnliche Mitarbeit des Angeklagten würdigte, angesichts der Taten offenbar das Maximum erreicht.

Christian L. und Berrin T. spielten in der pädokriminellen Unterwelt, in der sie von 2015 bis zur ihrer Festnahme im September 2017 operierten, wenn vielleicht auch unbewusst, sogar mit dem Leben des Kindes: Der spanische "Kunde" des Paares soll, behauptet zumindest L., in einem Video aufgetaucht sein, in dem ein Mädchen stranguliert und getötet worden sei. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, allerdings ist ein solches Video bisher nicht gefunden worden. Außerdem wird in Belgien gegen neun Männer wegen des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt, in diesem Kreis sollen ebenfalls Bilder des Jungen aus Staufen kursiert haben. L. soll diese Ermittlungen mit seinen Aussagen sogar ausgelöst haben.

Der Spanier Javier G. D. soll dem Paar aus dem Breisgau angeboten haben, sie in einen internationalen Pädophilenring zu bringen, was L. ablehnte. Er habe sich Sorgen um die Sicherheit seiner Freundin und deren Sohnes gemacht. Und schließlich hatte L. Kontakt zu Männern, die von der Tötung von Kindern zumindest fantasierten und den Jungen aus Staufen gerne umgebracht hätten, um sich sexuell zu befriedigen. Mindestens ein Kunde hat den Jungen viel brutaler missbraucht, als es vorher zwischen L. und dem Mann abgespochen war. Dass der Junge noch lebt, ist demnach wohl ein großes Glück.

Richter Bürgelin hält es für möglich, dass Christian L. diesmal eine Therapie annimmt. Aber wie glaubwürdig ist das? L. hat sich schon in der Vergangenheit oft als reuig dargestellt - und dann doch als besonders unbelehrbar erwiesen. 2010 war er wegen des mehrfachen Missbrauchs einer Jugendlichen und des einmaligen Missbrauchs eines kaum drei Jahre alten Kindes verurteilt worden. Auch zuvor war er schon durch den Besitz von Kinderpornos aufgefallen, wegen Betrugs in zig Fällen verurteilt worden. Immer gelobte er Besserung, gestand, gab sich therapiewillig, entschuldigte sich. An nichts hielt er sich: Ein Mal besorgte er sich noch am selben Tag, an dem die Polizei seinen Computer beschlagnahmte, einen neuen Rechner und begann - selbst während laufender Ermittlungen - mit dem Sammeln von Kinderpornos. Die Therapie nach der letzten Verurteilung nahm er nicht ernst. Seine Taten beging er sozusagen unter Aufsicht der Behörden, die ihn für rückfallgefährdet hielten und deshalb nach verbüßter Haft von vier Jahren und drei Monaten überwachten.

Es hat ihn nicht davon abgehalten, Berrin T. dazu zu überreden, erst das Kind einer Freundin zu missbrauchen, ein dreijähriges, geistig und körperlich unterentwickeltes Mädchen, und dann T.s Sohn, von dem sich Christian L. "Papa" nennen ließ, zu vergewaltigen und zu verkaufen. Er erschlich sich durch Lügen ein für ihn günstiges psychologisches Gutachten und gab auch nicht auf, als der Junge zeitweise in einer Pflegefamilie war. Er ist ein notorischer Manipulator, Lügner, Gewalttäter und Kinderschänder, der bisher noch nie ein Versprechen eingehalten hat. Allein das Videomaterial, das dem Gericht vorlag, in Ton und Bild in "außergewöhnlich guter Qualität", wie Bürgelin feststellte, hätten als Beweis ausgereicht, L. zu verurteilen. Dafür hätte es sein Geständnis nicht gebraucht.

"Kein anderes Video gesehen, auf dem das Kind solche Schmerzen erlitten hat"

Berrin T., die Mutter des missbrauchten Kindes, war hingegen strafrechtlich bisher ein unbeschriebenes Blatt. Zur Aufklärung beigetragen hat sie nichts. Sie hat ihrem eigenen Sohn zudem schlimmste Schmerzen zugefügt in einer Art, wie es offenbar nicht einmal einer der Vergewaltiger getan hat. "Wir haben kein anderes Video gesehen, auf dem das Kind solche Schmerzen erlitten hat" sagte der Richter. Vor Gericht, wo sie nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesagt hatte, bezog sie sich selbst kühl "auf ihre prozessualen Rechte", sagte der Richter, und schwieg auf viele Fragen. Dass das Gericht dennoch auch hier deutlich unter der Höchststrafe blieb, begründete der Richter mit der schwierigen Lebensgeschichte der Frau, ihren intellektuellen Defiziten, Depressionen, mit den schweren Haftbedingungen inklusive anfänglicher Suizidgedanken. Sie sei alleinerziehend gewesen, überfordert, verschuldet, geständig und nicht vorbestraft. Und die Initiative für die Missbräuche seien eindeutig "von Christian L. ausgegangen", sagte der Richter.

Am besten wäre es wohl gewesen, wenn Berrin T. und Christian L. sich einfach nie begegnet wären. Ohne ihn, hatte Berrin T.s Verteidiger im Plädoyer gesagt, säße seine Mandantin gar nicht auf der Anklagebank. "Ohne Sie", sprach der Richter die Angeklagte nach dem Urteil direkt an, "säße aber auch Christian L. nicht hier." Sie hätte die Taten verhindern, ihren Sohn und die Tochter ihrer Bekannten schützen können.

Das Urteil gegen die Mutter ist rechtskräftig, alle Parteien verzichteten auf Rechtsmittel. Sie wolle ihrem Jungen signalisieren, sagte der Anwalt von Berrin T., "dass es jetzt vorbei ist".

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