Süddeutsche Zeitung

Statistik:Polizei ermittelt öfter gegen Flüchtlinge

  • Einem Medienbericht zufolge hat die Polizei vergangenes Jahr deutlich mehr tatverdächtige Zuwanderer registriert als 2015.
  • Insgesamt ist die Zahl der registrierten Kriminalität leicht gestiegen um 0,7 Prozent, die der Gewaltdelikte wie Körperverletzung sogar deutlich um 6,7 Prozent.
  • Die Polizeiliche Kriminalstatistik beleuchtet nur einen Teil der Zuwanderer in Deutschland, darunter Asylbewerber, Ausreisepflichtige mit einer Duldung und Bürgerkriegsflüchtlinge.

Die Polizei hat vergangenes Jahr deutlich mehr tatverdächtige Zuwanderer registriert als im Jahr zuvor. Laut einem Bericht der Welt am Sonntag sind die Verdachtsfälle um 52,7 Prozent auf 174 438 gestiegen. Das Blatt beruft sich dabei auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) an diesem Montag offiziell vorstellen will. Insgesamt ist die Zahl der registrierten Kriminalität demnach leicht gestiegen um 0,7 Prozent, die der Gewaltdelikte wie Körperverletzung oder sexuelle Nötigung sogar deutlich um 6,7 Prozent. Insbesondere Jugendliche fallen stärker durch solche Straftaten auf. Dem Bericht zufolge geht der Anstieg auch auf "Zuwanderer" zurück.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik beleuchtet die Gruppe diesmal in einem eigenen Kapitel, versteht darunter allerdings nur einen Teil der Zuwanderer in Deutschland, nämlich Asylbewerber, Ausreisepflichtige mit einer Duldung, Kontingent- und Bürgerkriegsflüchtlinge sowie Menschen, die sich unerlaubt im Land aufhalten. Menschen, die bereits als Schutzberechtigte anerkannt wurden oder schon länger in Deutschland lebende Migranten, sind nicht darunter. Straftaten, die nur Zuwanderer begehen können, wie etwa unerlaubte Einreise, sind laut Welt am Sonntag aus den Zahlen herausgerechnet.

Besonders auffällig sind diese Neuzuwanderer demnach bei den Delikten Taschendiebstahl, gefährliche und schwere Körperverletzung, Vergewaltigung sowie sexuelle Nötigung und bei Wohnungseinbrüchen. Hier stellten sie einen deutlich höheren Anteil an den Tatverdächtigen fest als ihr Anteil an der Bevölkerung ausmacht. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland liegt der Anteil von Zuwanderern bei weniger als zwei Prozent. Dieser Anteil ist durch den Flüchtlingszustrom 2015/16 stark gestiegen, allein deshalb war auch ein Anstieg der Zahl der Straftaten durch Flüchtlinge zu erwarten.

Viele der Opfer von Migranten sind selbst Migranten

Zu ähnlichen Ergebnissen waren zuvor bereits Berichte in Zeit und Spiegel gekommen, die sich auf die Kriminalstatistiken aus den 16 Bundesländern berufen.

Die Daten aus der PKS haben allerdings nur eine begrenzte Aussagekraft, darauf weisen Fachleute seit Jahren hin. So werden dort zum Beispiel nur die tatsächlich von der Polizei registrierten Fälle aufgeführt; ermittelt sie engagierter bei Gewaltdelikten und damit mehr Tatverdächtigen, so führt dies zu einem Anstieg der Zahlen.

Hinzu kommt: Zuwanderer werden erfahrungsgemäß schneller angezeigt als Einheimische, zudem kamen im Zuge der Flüchtlingskrise besonders viele junge Männer nach Deutschland. Junge Männer aber sind erfahrungsgemäß generell anfälliger dafür, Straftaten zu begehen, als etwa Rentnerinnen über 80. Zudem führt die PKS nur Tatverdächtige auf, ob diese dann auch tatsächlich verurteilt werden, ist nicht gesagt. Dennoch wird immer wieder mit der Statistik argumentiert mangels anderer einigermaßen breiter Grundlagen für die Kriminalitätsmessung.

Den Medienberichten zufolge sind viele Opfer der mutmaßlichen Straftaten durch Zuwanderer selbst Zuwanderer. Ein großer Teil wird demnach in Flüchtlingsunterkünften begangen, wo viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern auf engem Raum zusammenleben müssen.

Offenbar gibt es deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Herkunftsländern, was sich mit bisherigen Erkenntnissen des Bundeskriminalamts deckt. Bezogen auf ihre Gesamtzahl waren etwa Syrer und Iraker eher unauffällig, dagegen registrierten die Ermittler überproportional viele Verdächtige aus Algerien, Marokko und Tunesien. Einem Teil der tatverdächtigen Neuzuwanderer, fast einem Drittel, würden mehrere Delikte vorgeworfen. Fünf Prozent sollen mindestens sechs Mal straffällig geworden sein.

In einer früheren Version hieß es, dass fast einem Drittel aller Neuzuwanderer mehrere Delikte vorgeworfen würden. Es handelt sich aber nur um ein Drittel der tatverdächtigen Neuzuwanderer. Wir haben das korrigiert.

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SZ vom 24.04.2017/fie
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