Alltagskultur:Na dann Prost!

Berlin Neukölln Die Lenau Stuben Eine typische Berliner Eckkneipe wie es zu früherer Zeit Tausend

Die Berliner Lenau-Stuben ist eine typische Kiezkneipe wie es zu früherer Zeit Tausende gab. Doch derzeit steht es nicht besonders gut um die Stammkneipe.

(Foto: imago stock&people/imago/Müller-Stauffenberg)

Um den Weltschmerz zu betäuben, gibt es in Deutschland die Stammkneipe. Eine liebevolle Betrachtung aus gegebenem Anlass.

Von Titus Arnu

Weltschmerz ist ein wunderbares Wort, ähnlich schön wie Luftschloss, Kuddelmuddel, Fremdschämen, Schadenfreude, Schnapsidee, Erklärungsnot, Heimweh. Als gesellschaftlich akzeptierter Ort, um den Weltschmerz zu betäuben, hat sich in Deutschland die Stammkneipe herauskristallisiert. Diese Kultstätte wird von ihren Fans ins Mythologische überhöht - auch wenn das Ethanolische dort de facto die tragende Rolle spielt. "Manchmal hilft's, wenn man den Kopf in Bier einweicht", schrieb die ebenso geniale wie weltschmerzgeplagte Lyrikerin Sylvia Plath.

Das Faszinierende an einer Stammkneipe ist, dass die geneigten Stammgäste dort das ganze Gefühlsspektrum von Weltschmerz bis Luftschloss im Schnelldurchlauf erleben können. Als Katalysator brauchen Gast oder Gästin, nur mal so als Schnapsidee, mehrere Herren- oder Damengedecke, und schon macht sich eine gewisse Geborgenheit breit, selbst in der engsten Kaschemme. Je geselliger das Gelage, desto größer das Kuddelmuddel. Es kann zu Momenten des Fremdschämens und der Schadenfreude kommen, nach dem Heimtorkeln folgt dann die Erklärungsnot.

Nüchtern betrachtet ist die typische Stammkneipe ein unscheinbarer, fast trauriger Ort: Ein Tresen mit fettiger Patina, röchelnde Zapfhähne, im Hintergrund dudelt ein Spielautomat. Dennoch verehren die Stammgäste ihre Stammkneipe auf pseudoreligiöse Weise. Sie befolgen dort ungeschriebene heilige Gesetze, feiern bizarre Rituale, singen Hymnen, brechen Brot und teilen Wein, bis es nicht mehr feierlich ist. Anders als im Sternelokal geht es in der Stammkneipe nicht um Renommee und Etikette, sondern um ein diffuses Gemeinschaftsgefühl, das im Alkoholdunst entsteht und gleichzeitig darin verschwimmt.

Ob FDP-Politiker Wolfgang Kubicki überhaupt eine Stammkneipe hat?

"Die kleine Kneipe in unserer Straße" ist laut dem österreichischen Alltags-Philosophen Peter Alexander ein Ort, "wo das Leben noch lebenswert ist / Da fragt dich keiner was du hast oder bist". Eine Art öffentliches Wohnzimmer, in dem man nicht selbst aufräumen muss und bei dem der Chief Executive Officer den Werkstudenten einfach duzen kann. "Man kennt seine Pappenheimer, kennt die Stammgäste, die alle ihre liebevollen Spitznamen bekommen", hat SPD-Politiker Kevin Kühnert in einem Interview mit dem Tagesspiegel über seine Berliner Stammkneipe gesagt, das "Nostalgie" in Schöneberg.

Alltagskultur: Ein leerer Biergarten in München. Unter der Individualisierung der Gesellschaft leidet die Gastronomie ebenso wie unter Corona und den hohen Mieten in den Städten.

Ein leerer Biergarten in München. Unter der Individualisierung der Gesellschaft leidet die Gastronomie ebenso wie unter Corona und den hohen Mieten in den Städten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

FDP-Politiker Wolfgang Kubicki hatte in einem Bild-Interview zuletzt ebenfalls etwas aus seiner Stammkneipe zu erzählen, nämlich, dass man SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dort "Spacken" nenne, was in den meisten Stammkneipen übrigens kein liebevoller Spitzname ist. Bleibt die Frage, ob Kubicki überhaupt eine Stammkneipe in seiner norddeutschen Heimat hat? Schließlich würde man in Schleswig-Holstein eher "Drönbüddel" oder "Torfnase" sagen, kommentierten Stammgäste im Internet.

Stammtisch-Pöbeleien finden ja eh längst auf Facebook und Twitter statt. Zudem sterben seit Jahren die Gasthäuser in deutschen Innenstädten. Von gut 33 000 Schankwirtschaften, die Statistiker 2012 in Deutschland zählten, sind zuletzt weniger als 30 000 übrig geblieben. Die Pandemie hat die Krise beschleunigt.

Deshalb schwindet auch die soziokulturelle Bedeutung der Stammkneipe. Früher galt die Gastwirtschaft als Biotop der gesellschaftlichen Meinungsbildung. Die Soziologen Franz Dröge und Thomas Krämer-Badoni charakterisierten die Kneipe in einer Studie als entscheidendes Schlachtfeld der Klassengesellschaft im 19. Jahrhundert. "Im Gang zum Wirtshaus lag ein zentrales Moment der proletarischen Lebensführung", schreiben sie, "für kollektive Lebensvollzüge außerhalb des Betriebes blieb den Arbeitern angesichts des Versammlungsverbotes unter freiem Himmel nur die Kneipe." Wer in welchem Lokal Stammgast wird, habe weniger mit der Biermarke und der Einrichtung zu tun als mit dem Milieu, aus dem die Gäste kommen, so die Forscher.

Heute heißt es eher: Tablet statt Tablett

Heute wird das Bier zum Feierabend allerdings seltener in der Stammkneipe getrunken und öfter vor dem Tablet am Küchentisch zu Hause. Unter der Individualisierung der Gesellschaft leidet die Gastronomie ebenso wie unter Corona und den hohen Mieten in den Städten. Wenn die Kneipen sterben und stattdessen in sozialen Netzwerken anonym privatpolitisiert wird, sei das schlecht für den sozialen Zusammenhalt, konstatieren die Soziologen.

Angesichts dieser Situation könnte einen glatt der Weltschmerz packen. Stichwort Heimweh: Einen völlig verzweifelten Herrn griff die Polizei in einer Gaststätte bei Rothenburg ob der Tauber vor einigen Wochen auf. Der Wirt war von der Alarmanlage geweckt worden und hatte die Polizei gerufen. In der hell erleuchteten Gaststube lag ein nackter Mann, völlig betrunken - er hatte seine Stammkneipe mit seinem Zuhause verwechselt. Eigentlich ein Kompliment für die Kneipe.

© SZ/afis
Zur SZ-Startseite
Wirt Matthias Kramhöller in Geratskirchen

SZ PlusGasthof in Niederbayern
:Erst dachten alle: Volltreffer

In Geratskirchen gab es keinen Wirt mehr. Also suchten die Dorfbewohner im Internet nach einem. Es meldete sich Matthias Kramhöller. Dann ging die Gaudi los.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB