bedeckt München
vgwortpixel

Stalking-Opfer seit 25 Jahren:Und immer wieder dieses Klingeln

radio-stalking

Seit 25 Jahren muss Uwe Kisker einen Stalker ertragen. (Bild: Jannis Brühl)

  • Seit einem Vierteljahrhundert wird der Dortmunder Moderator Uwe Kisker per Telefon, Fax, Mail und SMS bedroht.
  • Einmal stand sein Stalker sogar vor seiner Tür. Es geht ihm wohl um Kiskers Ehefrau, zumindest am Anfang.
  • Kisker will, dass sein Stalker endlich verurteilt wird. Aber so einfach ist das nicht.

Einmal tauchte ein Tyrannosaurus Rex bei Uwe Kisker auf. Der Stalker hatte ihm ein Fax geschickt, darauf eine Kohlezeichnung des Dinosauriers. Eine Fratze, Zähne, Krallen, dazu eine wirre Drohung. Kisker sollte sich im eigenen Haus nicht sicher fühlen.

Verstörende Nachrichten, Beleidigungen, und wieder und wieder das Klingeln des Telefons. Damit lebt der Dortmunder Moderator Uwe Kisker - seit 25 Jahren. Der 54-Jährige mit dem grauen Bürstenschnitt sagt: "Wenn das Handy mit anonymer Nummer klingelt, bekomme ich sofort hohen Blutdruck, mir wird heiß und schwindelig."

"Das klingt nach einer schweren Persönlichkeitsstörung"

Dass ein Mensch einem anderen über so einen langen Zeitraum nachstellt, finden selbst erfahrene Stalking-Experten bemerkenswert, wie Wolf Ortiz-Müller von der Berliner Einrichtung "Stop Stalking": "Das klingt schon nach einem Wahn oder einer schweren Persönlichkeitsstörung." Die meisten der mehr als 25 000 Stalking-Opfer aus der Kriminalstatistik von 2013 hätten irgendwann Ruhe, notfalls mit juristischen Mitteln. Uwe Kisker nicht. Er sagt: "Manchmal kauere ich mich in die Ecke und kann nicht mehr."

Es habe über die Jahre immer wieder Pausen von wenigen Wochen gegeben. Doch auch 2014 habe der Stalker zwei- bis fünfmal im Monat angerufen, 20 bis 60 Anrufe auf einmal: "Der hat einen Rhythmus", sagt Kisker. Der Anrufer sage seit Jahren nichts mehr, aber Kisker ist überzeugt, dass er den Mann kennt. Er wohne in der Nähe: "Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank", sagt Kisker.

Was den Anrufer antreibt, sage der selbst am Telefon immer wieder: "Ich ruf' so lange an, bis ich die Tina habe." Tina ist Kiskers Frau, um sie ging es zumindest am Anfang. Mit den Schwiegereltern hat er die Sache einmal rekonstruiert: Anfang der Achtziger lernte sie, noch als Mädchen, einen Teenager im Urlaub kennen. Es lief nichts, auch keine Freundschaft, beteuern die Kiskers. Sieben Jahre später beschloss der Teenager, nun erwachsen, dass die Frau ihm zustehe. Der Terror begann.

Erst bekamen Kiskers Schwiegereltern Taxis und einen Kohlelaster vor die Tür bestellt. Ein misstrauischer Bestattungsunternehmer meldete sich: Ein Leichenwagen sei zu dem Ehepaar gerufen worden. Das Telefon klingelte Tag und Nacht, Tinas Mutter bekam Herzprobleme.

radio-stalking

Eine Fratze, Zähne, Krallen, dazu eine wirre Drohung: Ein T-Rex sollte Uwe Kisker einschüchtern.

Mit der Zeit konzentrierte sich der Stalker ganz auf Kisker. "Ich bring' euch auseinander", zischte er in den Hörer. Dass seine Angebetete, die ihn kaum kannte, verheiratet war, war ihm offensichtlich egal. Dazu kamen Beleidigungen wie "Du Wichser" und Drohungen mit "harten Mitteln". Auf Schreiben von Kiskers Anwalt reagierte der Stalker nicht, Geld für Schmerzenszahlungen hatte er nicht. Kiskers Mantra ist mittlerweile: "Das Telefon kann eine Waffe sein."

Er ist aber kein Opfer, das sich in sein Schicksal fügt. Gelernt hat Kisker Schlosser, er arbeitet hauptberuflich bei einem Baumaschinenhersteller. Seine großen Leidenschaften sind aber Sport und Fernsehenmachen. Auf dem Offenen Kanal berichtet er über Kreisligaspiele, das kommt gut an im fußballverrückten Ruhrgebiet. Außerdem moderiert er Schlagerpartys. Sein Vorbild heißt Dieter Thomas Heck. Kisker sagt: "Wenn ich durch Dortmund geh', kennt mich eigentlich jeder. Ich hab vor der Kamera so mein Maul aufgemacht, wie ich auf der Straße oder in der Kneipe rede."

Zur SZ-Startseite