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Städte-Ranking:Zwickt's mi

Bei Nicht-Wienern ist Wien besonders beliebt.

(Foto: Rainer Mirau/mauritius images)

In Wien wundert man sich darüber, vom "Economist" zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt worden zu sein. Vor allem FPÖ-Politiker wollen nicht verstehen, was an der rot-grün regierten Hauptstadt besonders sein soll.

Von Peter Münch

Still grantelnd haben es die Wiener natürlich immer schon gewusst, doch nun hagelt es Bestätigungen von außen: Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt! Schwarz auf Weiß steht das jetzt in der alljährlichen Rangliste des britischen Magazins Economist, wo die austriakische Hauptstadt in diesem Jahr den australischen Seriensieger Melbourne von der Spitzenposition verdrängte. Mit 99,1 von 100 möglichen Punkten ist Wien die erste europäische Metropole, die es hier auf den ersten Platz geschafft hat. Auch das noch.

Mit Lob von außen wird man nämlich seit Langem schon überschüttet im vermeintlichen Garten Eden an der Donau. Bereits seit neun Jahren macht der verlässliche Sieg im globalen Städte-Ranking des US-Beratungsunternehmens Mercer Frühjahrsschlagzeilen. Doch anders als bei Mercer, wo Wiens Lebensqualität aus der Sicht internationaler Manager beurteilt wird, geht es in der Economist-Liste tatsächlich um die Binnensicht. Bewertet wird nach Kriterien wie Kulturangebot, Bildung, Gesundheit, Infrastruktur und Sicherheit. Da ist Wien nun vorn, selbst wenn die zwangsläufigen Bestnoten auf der nach oben offenen Gemütlichkeitsskala (Kaffeehaus! Heuriger!) nicht einmal einbezogen wurden.

Dass solche Lobeshymnen bisweilen in deutlichem Kontrast stehen zur Wiener Selbstbespiegelung, gehört zum gut gepflegten Grundgefühl in dieser Stadt. Platz eins heißt schließlich noch lange nicht, dass hier alles gut ist, sondern dass es erwiesenermaßen woanders noch schlechter steht - zum Beispiel in Deutschland. Dort hat es keine einzige Stadt in die Spitzengruppe geschafft. Hamburg ist abgerutscht von Platz zehn auf 18, Frankfurt liegt auf dem 12., München auf dem 21. Platz. Von Wien aus gesehen ist es da nicht mehr weit bis nach Damaskus, das auf dem letzten Platz der 140 herangezogenen Städte liegt.

Schließlich passen schon in die Lücke zwischen den in Wien erreichten 99,1 und den idealen 100 Punkten erstaunlich viele Klagelieder. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zum Beispiel warnt seit Langem vor "gravierenden Missständen" in der rot-grün regierten Stadt. Die Economist-Auszeichnung ist nun nach FPÖ-Ansicht "kein Trost für Leute, die in einer Gegend wohnen, wo es die fast tägliche Messerstecherei gibt". Die Kronen-Zeitung nimmt den Spitzenplatz zum Anlass für eine Umfrage unter dem Titel: "Was wir an Wien lieben und was wir hassen". Überdies wird in den angeblich sozialen Medien aus aktuellem Anlass darüber lamentiert, dass in den hochgelobten Bildungseinrichtungen kaum noch einer Deutsch spreche, dass in den Krankenhäusern höchstens Gangbetten zu ergattern seien und auf den Wiener Straßen freien Bürgern die freie Fahrt verwehrt werde. Ach ja, und in der pünktlich fahrenden U-Bahn stinkt es nach Döner. Platz eins kann da allein bedeuten, dass es jetzt nur noch bergab gehen kann.

Thomas Madreiter, Planungsdirektor der Stadt, will allerdings auch der Nörgelei etwas Positives abgewinnen: "Ein hohes Maß an Kritik", so sagte er dem ORF, "kann man auch als Wertschätzung interpretieren."

© SZ vom 16.08.2018
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