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Städte im Kampf gegen Prostitution:Verkehrsgünstig gelegen

Mehrere Autobahnanschlüsse, gut zu erreichen aus München und Augsburg: In Dachau gibt es mehr Bordelle als in jeder anderen Stadt im Umland. Schon lange versuchen die Behörden, gegen die Prostitution vorzugehen. Doch es gibt kaum eine rechtliche Handhabe. Ein Ortstermin.

Von Oliver Klasen

Interessierte Laien konnten sich am Donnerstag in einem Gewerbegebiet im Dachauer Osten gleich in zweifacher Hinsicht weiterbilden: Zum einen stand eine Lektion in fortgeschrittenem Baurecht auf dem Programm, zum anderen erhielten die Zuhörer auch Einblick in die neuesten Trends auf dem Erotik-Markt.

Die elfte Kammer des Verwaltungsgerichts tagte diesmal nicht in ihrem Zweckbau in der Bayerstraße in München, sondern war zu zwei Ortsterminen nach Dachau gekommen. in beiden Fällen ging es um "bordellähnliche Betriebe", wie es im Amtsdeutsch korrekt heißt. Gegen diese versucht die Stadt schon seit einiger Zeit vorzugehen, weil sie um ihren guten Ruf fürchtet. In Dachau gibt es mehr Prostitution als in jeder anderen Stadt im Münchner Umland. Sechs Etablissements sind es inzwischen, viel horizontales Gewerbe für nur 45 000 Einwohner. Im Einzugsgebiet von München und Augsburg gilt Dachau mit mehreren Autobahnanschlüssen als verkehrsgünstig gelegen - was man auch doppeldeutig verstehen kann.

8:45 Uhr, der erste Ortstermin. Ein noch nicht fertiger, blassgelber Bau mit zwei Stockwerken und kleinen, auffällig hoch angebrachten Fenstern. Der Nachbar erzählt, das hier bereits früher einmal ein Bordell war, allerdings viel kleiner als der Betrieb, der jetzt geplant sei. Zwar seien die Damen, die er tagsüber vor dem Haus getroffen habe, "ganz nett" gewesen, aber manchmal hätten sich die Freier nachts in der Adresse geirrt und an der falschen Klingel geläutet. Er sei jedenfalls "nicht begeistert", wenn hier bald wieder der Prostitution nachgegangen werde.

Eine Form der Prostitution, die sich immer mehr ausbreitet

Doch noch ist das Ganze eine Baustelle. Die Terrasse ist teilweise noch mit Planen zugehängt, in der Einfahrt liegen Steinplatten und ein Haufen Kies, auf der anderen Seite des Gebäudes steht das schwarze Mercedes-Sportcoupé des Bauherrn. Ginge es nach ihm, dann wird hier bald auf mehreren Hundert Quadratmetern eine FKK-Oase entstehen. Das Konzept: Prostituierte und Freier bezahlen Eintritt an den Betreiber, dürfen dafür die Räumlichkeiten benutzen und sich an einem Getränke- und Essensbuffet bedienen. Die Modalitäten ihrer übrigen Geschäfte handeln sie selbst aus.

Es ist eine Form der Prostitution, die sich in immer mehr Städten ausbreitet. In Saarbrücken hat vor einigen Wochen ein Großbordell eröffnet, das ähnlich funktioniert. Mit 4500 Quadratmetern, mehr als 50 Frauen und angeblich täglich 120 Freiern ist es eines der größten Häuser in Europa. Überhaupt klagt die saarländische Landeshauptstadt seit Jahren über einen Ansturm von Freiern vor allem aus dem nahen Frankreich, wo Prostitution verboten ist. Die Stadt versucht, die Ausweitung des horizontalen Gewerbes mit Regeln aufzuhalten. Sie hat den Sperrbezirk vergrößert und zeitliche Beschränkungen eingeführt, doch gegen das neue Großbordell im Stadtteil Burbach hatte Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) keine rechtliche Handhabe.

Auch in Dachau haben die Behörden vor Jahren einmal über einen Sperrbezirk nachgedacht, die Idee dann aber wieder verworfen. Im Falle des geplanten Bordells im Gewerbegebiet versucht die Stadt, wenigstens auf die Größe der Erweiterung Einfluss zu nehmen. So will sie zum Beispiel nur fünf Räume zulassen: "Arbeitszimmer", wie der Vorsitzende Richter Johann Oswald sie nennt, in denen die Frauen der Prostitution nachgehen können.

Da die Betreiber aber ohnehin nicht mehr Räume planen, entwickelt sich der Prozess, der in der Einfahrt vor dem Haus im Stehen abgehalten wird, zu einem bizarren Paragrafenstreit. Viel juristisches Klein-Klein, bei dem an Ende nicht klar ist, welchen Zweck der Prozess überhaupt hat, außer, viele Kosten zu verursachen und das ganze Vorhaben ein wenig zu verzögern. "Die Stadt will uns in ein Korsett zwingen. Sie ist misstrauisch, weil sie immer noch von Bordellen im Stil der Achtzigerjahre ausgeht. Wir brauchen den Platz nicht für mehr Damen, sondern für Wellness", so der Bauherr. Heutzutage müsse man den Gästen etwas bieten, zwei Saunen seien deshalb geplant, außerdem ein großer Whirlpool.

Ärger mit einem Dominastudio

10:35 Uhr, zweiter Ortstermin, nur einige Hundert Meter weiter. Geklagt hat eine Domina, die sich "Roxana" nennt. Nachdem ihr Fetischstudio, das in einem normalen Wohnhaus untergebracht ist, wohl jahrelang unbehelligt lief, hat ihr die Stadt jetzt den Betrieb untersagt. Auch hier gab es wohl Ärger mit den Nachbarn. Der normale Verkehr in dem Dominastudio störe ihn nicht, sagt einer der Anwohner. Doch häufig würden Freier vor dem Eingang auf ihre Dominasitzung warten und dann seine teilweise noch minderjährigen Kinder ansprechen. Das sei nicht zumutbar.

In der Verhandlung geht es dann um die Frage, ob ein solches Studio zulässig ist, in einem Gebiet, in dem es eine Mischung aus kleineren Unternehmen und einzelnen Privatwohnungen gibt, die meist von den Gewerbetreibenden selbst genutzt werden. Zwar ist das Gericht seinem Zeitplan mehr als eine Stunde hinterher, doch für eine ausführliche Ortsbegehung ist trotzdem Zeit. Also machen Richter, Anwälte, Journalisten und die Domina einen Spaziergang durch die angrenzenden Straßen, die alle nach bekannten Physikern benannt sind. Vorbei an Lackierereien, Recyclingbetrieben, Imbissbuden und an Etablissements, die "Emotion Pure" oder "Salon Patrice" heißen.

Anschließend spricht der Richter in Bezug auf Roxana von einem "sehr diskreten" Gewerbe und legt der Stadt nahe, das Fetischstudio zu dulden. Doch eine gütliche Einigung zwischen den Parteien scheitert, auch deshalb, weil die Anwältin der Domina nicht nur eine Duldung, sondern eine offizielle Genehmigung anstrebt. Die endgültige Entscheidung fällt am Freitag. Doch zwischen den Zeilen lässt der Richter bereits durchblicken, dass er geneigt ist, sowohl im Falle der Domina als auch im Falle des Wellness-Bordells zugunsten der Betreiber zu entscheiden. Denn Beschränkungen, wie sie Stadt erlassen will, seien nach Ansicht des Gerichts juristisch bedenklich. Die wichtigste Lektion dieses Tages ist vielleicht: Das Baurecht ist eine ziemlich stumpfe Waffe im Kampf gegen die Prostitution.

© Süddeutsche.de/holz
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