Sprachwissenschaft"Gutmensch"

Das diesjährige "Unwort des Jahres" ist umstritten: die einen fühlen sich an die NS-Zeit erinnert, andere sagen: "Das ist keine Beleidigung, sondern ein großes Lob." Gerügt wurden auch die Begriffe "Hausaufgaben" und "Verschwulung".

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Das Unwort des Jahres 2015 lautet "Gutmensch". Das Schlagwort diffamiere im Zusammenhang mit der Flüchtlingshilfe "Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischen Imperialismus", begründete Jury-Sprecherin Nina Janich die Entscheidung. Der Begriff "Gutmensch" floriere laut Jury nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern werde auch von Journalisten in Leitmedien als Pauschalkritik an einem "Konformismus des Guten" benutzt. Außerdem rügte die Jury den Begriff "Hausaufgaben" im Zusammenhang mit Griechenland sowie den Ausdruck "Verschwulung".

Margarete Jäger, Leiterin des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung kritisierte die Wahl: "Gutmensch" erinnere an die NS-Zeit und an die damalige "Diskursstrategie". Die Grünen dagegen lobten die Entscheidung und teilten per Twitter mit, dass man das als Kompliment verstehe: "Wir finden, das ist keine Beleidigung, sondern ein großes Lob." Dazu veröffentlichten sie ein Bild mit dem Slogan "Wir sind Gutmenschen!".

Es ist das 25. Mal, dass die Jury ein "Unwort des Jahres" kürt. Das erste Unwort war 1991 "ausländerfrei". Im vergangenen Jahr brachte es der Ausdruck "Lügenpresse" zu der zweifelhaften Ehre. Im Jahr 2013 war "Sozialtourismus" das Unwort, davor "Opfer-Abo" (2012) und "Döner-Morde" (2011). Die "Unwort"-Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten; der Kabarettist Georg Schramm war in diesem Jahr externes Jury-Mitglied. Es gingen 1644 Einsendungen mit 669 verschiedenen Vorschlägen ein. Die Aktion "Unwort des Jahres" soll auf undifferenzierten, verschleiernden oder diffamierenden öffentlichen Sprachgebrauch aufmerksam machen und dadurch Sprachsensibilität und Sprachkritik in der Bevölkerung fördern.

© SZ vom 13.01.2016 / SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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