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Sportmedizin:Professor Unrast

„Ist ja keine Arbeit, ist ja Hobby“: Wildor Hollmann 1977 an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

(Foto: imago)

Ein volles Leben: Wildor Hollmann, Instanz der Sportmedizin, ist 92 Jahre alt und füllt in seinem 140. Semester noch immer die Hörsäle. Eine neue Folge unserer Ü-90-Serie.

Er ist zu früh. Hollmann schaut auf die Uhr, 13.56 Uhr. Auf dem Gang stehen sie schon und warten, alles wie immer. Er geht schneller. Eine Hand von links, eine Hand von rechts, links schütteln, rechts schütteln, dann ist er da. Zwanzig Menschen in Sporthosen laufen hinter ihm her, dreißig, kein Platz mehr frei, fünfzig, sie setzen sich auf den Boden, stehen bis raus auf den Gang. Hollmann blickt zur Tür, 13.57 Uhr. "Fangen wir ruhig an, dann haben wir mehr Zeit."

Was sind schon 90 Minuten? Er will so viel sagen, so viel erklären - Weltall, Bakterien, Neurotransmitter, Neandertaler, Affen, Alzheimer. Die Entstehung des Lebens und das Ende des Lebens. 90 Minuten sind nichts. 92 Jahre auch?

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Ein Mittwoch im Semester, es ist warm in dem kleinen Seminarraum. Wildor Hollmann steckt in einem grauen Anzug, sein Seitenscheitel sieht aus wie mit dem Lineal gezogen. Er drückt auf einer Fernbedienung herum, der Beamer strahlt Schädel und Gehirne an die Wand. Hollmann redet schnell. Kein Mmh, kein Äh, jeder Satz fliegt zum nächsten, Satz an Satz an Satz. Ein Menschenaffe taucht hinter ihm auf, "wie meine Großmutter, leicht verunglückt". Er lacht, alle lachen.

Willkommen in der Show, willkommen bei Wildor Hollmann: Kardiologe, Märchenonkel, Professor der Sporthochschule Köln, nicht ganz unumstrittene Figur, 92 und im 140. Semester. Zu seinen Füßen sitzen und liegen sie auf dem Teppich, junge Menschen. Legginsbeine, Sporttaschen. Hollmann hat kaum noch Platz, rückt näher an die Wand.

Er könnte 70 sein, so aufrecht steht er da

"Es wird mit größter Wahrscheinlichkeit der Zeitpunkt kommen, wo die mittlere Lebenserwartung des Menschen 130 Jahren betragen wird." Er macht einen Schritt zur Seite und steht auf einem Fuß. "Tut mir leid, irgendjemandem stehe ich immer im Weg." Das Mädchen lacht. Alle lachen. "130 Jahre", sagt er noch mal. Es klingt nach etwas Großem, nach Drohnenhimmel, nach nie wieder Krebs. Es klingt nach einem Mann, der nicht fertig ist mit der Welt.

Im Januar ist er 92 geworden, in seinen Augen sieht man die Jahre. Aber der Körper, die Haltung. Er könnte 70 sein, so aufrecht steht er da. Später, als alle geklatscht und geklopft haben, geht er über verglaste Gänge, über den Campus. Er hakt sich bei der Doktorandin unter, das Knie. Er zeigt auf einen grauen Turm, "mein Institut". Sein Institut, sein Leben.

Leben, für Wildor Hollmann war das immer die Arbeit. Vor fast 60 Jahren gründet er an der Sporthochschule Köln das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin. Früh kann er nachweisen, dass sich Bewegung positiv auf die Heilung von Herzkranken auswirkt; der Einfluss von Sport auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit wird sein Lebensthema. Wer sich bewegt, lebt länger - heute ein ganz normales Dogma der Bio- und Yogagesellschaft, damals nicht.

Hollmann redet gerne über damals. Er sitzt in seinem Büro. Ein Tisch, ein Computer, ein Regal, sonst nichts. Er ist früh aufgestanden heute, hat ein paar Stunden gearbeitet, dann rein nach Köln. Er sitzt da wie angeknipst, er will reden. 92 Jahre sind 92 Jahre. Die Doktorandin stellt ein Glas Wasser hin, "danke, Veronika", und schon ist er weit weg, in den Fünfzigern.