Spendenaufrufe im Internet:Ich bin krank und brauche das Geld

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Für die vielleicht lebensrettende Krebstherapie benötigt der 13-jährige Glenn 100.000 US-Dollar. Freunde bitten im Internet um Spenden. Immer häufiger wählen Kranke und deren Angehörige diese Art des Crowdfundings, um die steigenden Gesundheitskosten bezahlen zu können. Kritiker sehen darin jedoch einen "Hightech-Klingelbeutel mit herzzerreißenden Fotos und Geschichten."

Katalina Präkelt

Glenn Lightner braucht Geld. Seit fünf Jahren kämpft der 13-Jährige aus New Jersey mit einem Gehirntumor. Mehrere Operationen hat er bereits hinter sich, ohne Erfolg, der Tumor wächst wieder. Nun hoffen Glenns Eltern, dass dem Jungen eine Therapie in Belgien hilft. Die Kosten: 100.000 US-Dollar. Geld, das sie nicht bezahlen können, ihre Versicherung deckt die Kosten nicht.

Spendenaufruf auf der Webseite GiveForward.com

Aufruf auf GiveForward.com: 40.000 Dollar braucht die Familie der krebskranken Jenny, um die vielleicht lebensrettende Behandlung zu bezahlen.

(Foto: GiveForward.com)

Und doch gibt es Hoffnung für Glenn, Hoffnung im Netz. Im Internet haben Freunde der Familie zum digitalen Spendenmarathon aufgerufen und Glenn ein Spendenprofil eingerichtet. Man sieht einen blassen Jungen beim Angeln, erfährt, dass Glenn auf die Long Valley Middle School geht, dass er gerne Basketball spielen würde. Und dass er Geld für die vielleicht lebensrettende Therapie braucht.

Glenn Lightner ist kein Einzelfall. In den USA entwickelt sich derzeit ein neuer Trend in der Finanzierung von Arztkosten - Crowdfunding für Kranke. Immer mehr Kranke können ihre medizinische Versorgung nicht bezahlen und versuchen, die Kosten über Spendenportale im Internet zu finanzieren. Crowdfunding bedeutet Massen- oder Gruppenfinanzierung; im Netz suchen Menschen mit einer Idee nach Menschen mit Geld. Bislang wurden so vor allem Filme, Alben und Theaterstücke finanziert, nun bitten Kranke um Geld für Operationen, Medikamente und Therapien, präsentieren sich, ihre Krankheit und die Geldsumme, die sie benötigen.

Finanzielle Unterstützung im Kampf gegen die Krankheit

Mit Erfolg: GiveForward.com, die erste Website, die sich auf Spenden im Gesundheitsbereich spezialisierte, konnte seit ihrer Gründung 2008 mehr als 15 Millionen Dollar an Spenden verbuchen. Gut 12.000 Hilfesuchende haben sich bei GiveForward.com angemeldet, allein im April wurden Tausend neue Spendenprofile erstellt. Auch auf regulären Crowdfunding-Websites wie Indiegogo.com oder Gofundme.com bitten immer mehr Menschen um finanzielle Unterstützung im Kampf gegen ihre Krankheit.

Crowdfunding macht das Spenden persönlich. Über das Internet können Kranke Freunde und Bekannte in der ganzen Welt erreichen, Spender verbreiten ihre Aktionen in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter, die Reichweite des Spendenaufrufs vergrößert sich enorm.

Der Andrang auf Crowdfunding-Websites für Kranke ist groß. Das amerikanische Gesundheitssystem ist teuer, anders als in Deutschland herrscht keine gesetzliche Versicherungspflicht. Die Folge: 16,3 Prozent aller Amerikaner sind nicht versichert, Operationen ziehen Rechnungen und Mahnungen nach sich - und führen in einigen Fällen sogar in die Privatinsolvenz.

Laut dem American Journal of Medicine ließen sich zuletzt 62 Prozent der angemeldeten Privatinsolvenzen auf Arztrechnungen zurückführen, die nicht beglichen werden konnten.

Das Modell lohnt sich auch für die Anbieter

Der Erfolg der Websites zeigt, dass wir einen Nerv getroffen haben", sagt Ethan Austin, der Geschäftsführer von GiveForward.com. Dabei sei die Idee naheliegend, "viele Ärzte, denen wir von der Idee erzählen, fragen, warum es so etwas nicht schon vorher gab." Das Modell lohnt sich auch für die Anbieter der Websites, sie berechnen eine Gebühr von vier bis zehn Prozent des gesammelten Betrags. Der Rest des Geldes geht ausnahmslos an den Hilfesuchenden, ohne dass er Rechenschaft über die tatsächlich anfallenden Kosten ablegen muss.

Gegen Betrüger wollen sich die Websites mit Filtersystemen schützen; bei GiveForward.com überprüfen Angestellte die Glaubwürdigkeit der Spendenaufrufe, außerdem können Nutzer fragwürdige Aufrufe melden.

Die Ärztin Ida Hellander nennt den Crowdfunding-Vormarsch eine "erschreckende Entwicklung". Mit dem Ärzteverband Physicians for a National Health Program setzt sie sich für ein gesetzliches Versicherungsmodell ein. Crowdfunding für Kranke sei vielleicht ein Notpflaster, aber: "Es ist nicht mehr als ein Hightech-Klingelbeutel mit herzzerreißenden Fotos und Geschichten."

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