Süddeutsche Zeitung

Spanien:Wenn die Siesta für Unruhe sorgt

Lesezeit: 3 min

Endlose Pausen, chronischer Schlafmangel - warum sich eine Kommission schwer tut, den spanischen Rhythmus dem Takt der EU anzugleichen.

Von Peter Burghardt

Ein ordentliches Mittagessen in Spanien ist ein Fest, wer will das bezweifeln.

Über die gastronomische Vielfalt mag man geteilter Meinung sein, obwohl sie sich sehr gebessert hat-Köche aus Katalonien und dem Baskenland gehören zur internationalen Avantgarde, die Grundstoffe sind sowieso erstklassig.

Ein traditionelles Madrider Geschäftsmahl beginnt so um halb drei, zunächst mit zartem Eichelschweinschinken, gerne ein kleines Bier dazu. Dann kommen die richtigen Vorspeisen: Wie wär's im Sommer mit Gazpacho und einem leichten Weißwein?

Es folgen der Hauptgang, vielleicht ein schöner Milchlammbraten, begleitet von kräftigem Rotwein aus dem Eichenfass. Danach ein Karamellpudding, Kaffee, Kräuterschnaps und die Zigarre, zur Verdauung. Schwer und beschwingt verlässt man gegen fünf das Lokal und fragt sich: War noch was? Ach ja, die Arbeit.

"Rufen Sie später an!"

Die Arbeit geht ab 17 Uhr weiter, zuvor ist in vielen Firmen, Läden und Ministerien bis zu drei Stunden lang kaum jemand zu erreichen. "Mittagspause, rufen Sie später wieder an!"

Das volle Programm bei Tisch ist zwar keineswegs die Regel, aber die Ausnahme auch nicht. Das Frühstück fällt umso knapper aus. Ausländer wundern sich immer wieder über Geruhsamkeit und Ausdauer ihrer Gastgeber, die in Madrid die Wahl haben zwischen 2700 Restaurants und 13.300 Bars.

Ausländer werden entweder unruhig oder sie schwärmen und erinnern sich mit Grauen an heimische Kantinen, wo in 20 Minuten die Teller leer sind. Noch größer wird das Staunen, wenn gegen zehn das Abendessen anfängt und danach das Nachtleben. Ach, die Südländer, denkt der Fremde - die arbeiten, um zu leben, nicht umgekehrt.

Für spanische Vorkämpfer der globalisierten Welt allerdings ist dieser Stundenplan längst ein Problem, und so gibt es nun eine organisierte Gegenbewegung.

Sie trägt den Titel "Nationale Kommission zur Rationalisierung der spanischen Arbeitszeiten und ihrer Anpassung an die übrigen Länder der Europäischen Union".

Das ist ein recht langer und komplizierter Name, es geht nun mal um eine sehr heikle Angelegenheit. 72 Vertretungen verschiedener Berufsgruppen haben sich in dieser subversiven Vereinigung zusammengeschlossen, Rädelsführer ist der katalanische Berater Ignacio Buqueras.

Wir sind Latinos

Typisch Katalane, könnte man sagen, die Preußen Spaniens, aber das wäre ein bisschen ungerecht, denn Katalanen sind ausgewiesene Feinschmecker.

Jedenfalls hat man in jahrelangen Studien herausgefunden, dass Spanier zu lange essen, zu spät ins Bett gehen und zu wenig schlafen, und dass sich das ändern muss. "Wir brauchen eine Revolution bei den Arbeitszeiten", sagt Buqueras. "Wir müssen den Wert jeder einzelnen Minute schätzen lernen."

Zeit ist Geld, und seiner Meinung nach wird in Spanien zu viel davon verschwendet. Aus dem Ruder gelaufen ist die Sache nach Buqueras' Ermittlungen in den dreißiger Jahren, nach dem Bürgerkrieg, da habe die ausufernde Mittagspause ihre Wurzeln.

"Wenn der Chef nachmittags ins Büro zurückkommt, dann ist das eine Zeit, zu der die anderen eigentlich nach Hause gehen sollten", findet der Zeitsparer. Stattdessen dauert der Arbeitstag oft von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, länger als anderswo, und dennoch kommt zu wenig dabei heraus.

Spaniens Boom

Spanien erlebt einen Boom, liegt bei der Produktivität jedoch deutlich unter dem EU-Mittel. Das hat für Buqueras außer mit dem Mittagessen auch damit zu tun, dass manche Leute die bloße Anwesenheit am Schreibtisch für Einsatz hielten.

"Sie sind stolz darauf, wenn sie ihre Arbeitszeiten verlängern, dabei sollten sie stolz darauf sein, pünktlich zu gehen und ihre Arbeit gemacht zu haben."

Das Gremium hat inzwischen ein Buch veröffentlicht. Es heißt "España en hora", was so viel bedeutet wie "Spanien im Zeitplan". Buqueras will damit "zur Sensibilisierung der Gesellschaft beitragen".

Die Verfasser schlagen in der Studie allen Ernstes vor, den spanischen Rhythmus der EU anzupassen. Ungünstig seien die Gewohnheiten ja vor allem für Frauen und mithin die Kinder, "die künftigen Generationen". Spaniens Geburtenrate zählt zu den niedrigsten der Erde.

Angst vor dem Schlafmangel

Außerdem habe der chronische Schlafmangel der Gesellschaft auch gefährliche Folgen. "Denken Sie an die Arbeitsunfälle und die Verkehrsunfälle", sagt Buqueras. Kurzum: "Genauso wie wir den Euro akzeptieren, sollten wir die gleichen Arbeitszeiten wie die Mehrheit der Länder Europas einführen."

Voraus preschen multinationale Konzerne. IBM Spanien vertraut auf flexible Arbeitszeiten und versucht, Sitzungen nach 15 Uhr zu verhindern, damit um vier oder fünf die meisten der 7000 Angestellten nach Hause gehen können. Indes hat die Anpassung an EU-Normen ihre Grenzen.

Die Siesta mag dem Zeitgeist weitgehend gewichen sein, auch wenn der Mittagsschlaf eindeutig im Dienst der Gesundheit steht. Gegen die Mittagshitze gibt es jetzt Klimaanlagen.

Öffentliches Trinken außerhalb von Kneipen haben die Politiker verboten, wie üblich halten sich nur wenige Bürger daran. Raucher werden attackiert, bis vor kurzem unvorstellbar. Es gibt Parkuhren. Aber Angriffe auf langes Essen und späte Nachtruhe?

"Wir sind Latinos", sagt Inmaculada Alvarez, Präsidentin des Madrider Geschäftsfrauen-Verbandes. "Hier kriegst du niemanden um acht ins Bett. Wir gehen gerne aus, sind gerne unter Leuten - da wird es schwierig, europäische Arbeitszeiten durchzusetzen." Die besten Verträge entstehen ohnehin, wenn der Wein am besten schmeckt.

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SZ vom 2.6.2005
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