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Spanien:55 "Robin Hoods" machen in Madrid Jagd auf Wildschweine

Einer der 55 Jäger des "Dienstes der Kontrolleure wilder Arten mit Bogen" beim Training.

(Foto: AFP)

Die Tiere vermehren sich rasant, verursachen immer häufiger Verkehrsunfälle und verwüsten Innenstädte. Die Kommunalregierung setzt nun Jäger ein - mit Pfeil und Bogen.

In Ganzkörper-Anzügen mit Camouflage-Muster ziehen sie im madrilenischen Umland über Wiesen und Wälder, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, und verbringen ganze Nächte in Baumkronen. 55 Männer des "Dienstes der Kontrolleure wilder Arten mit Bogen" (Servicio de Controladores con Arco de Especies Silvestres) haben einen Auftrag: Sie sind auf der Jagd. Auf der Jagd nach Wildschweinen.

Denn die spanische Hauptstadt hat ein Problem. Innerhalb kurzer Zeit haben sich die Wildschweine im Umland Madrids rasant vermehrt und verursachen in der Region Unfälle, verwüsten Äcker oder plündern Müllbehälter. 146 Verkehrsunfälle im Jahr 2016 sind laut Polizei auf Wildschweine zurückzuführen. "Sie haben sich an die Anwesenheit der Menschen gewöhnt und daran, sich ihr Essen aus dem Müll zu suchen", erklärt der Direktor der Abteilung für Naturerhaltung der madrilenischen Regierung, Felipe Ruza. "Sie gehen nicht weg - und attackieren mittlerweile sogar Menschen."

Die Regierung der Stadt Madrid hat deswegen bereits im Jahr 2011 beschlossen, Jäger mit Pfeil und Bogen einzusetzen, um die rasante Verbreitung der Tiere zu unterbinden. 35 000 Wildschweine leben offiziellen Angaben zufolge im Umland der Stadt - und es gibt keine Raubtiere wie zum Beispiel Wölfe in der Gegend, die ihnen gefährlich werden und die Population auf natürliche Art und Weise reduzieren könnten.

Tierschützer kritisieren Vorgehen mit Pfeil und Bogen

Die Arbeit der freiwilligen Jäger ist zwar ungewöhnlich, aber den madrilenischen Behörden zufolge dringender denn je. Einige der "Robin Hoods", wie sie von der spanischen Presse genannt werden, sind Tierärzte, aber es sind auch Ingenieure, Autoren und Unternehmer unter ihnen. Für ihren Einsatz in der Natur wurden die 55 Männer im Vorfeld an Pfeil und Bogen trainiert, sodass sie in der Lage sind, die Tiere mit einem einzigen gezielten Schuss auf dessen lebenswichtige Organe zu töten.

Häufig verstecken sich die Jäger in Baumkronen, um die wilden Tiere besser überraschen zu können.

(Foto: AFP)

Spanische Tierschützer kritisieren die madrilenischen Behörden scharf für den Einsatz von Pfeil und Bogen. Die Wildschweine müssten einen langsamen Todeskampf austragen, wenn der Pfeil das Tier nicht so treffe, wie gewollt. Dieser Fall trete bei Feuerwaffen deutlich seltener ein. Die Jäger verteidigen die Methode. "Der Bogen ist eine sehr leise Waffe", sagt Jäger Emilio de la Cruz der spanischen Zeitung El Mundo, "er belästigt nicht die natürliche Umgebung der Tiere und die Natur, und natürlich auch nicht die Menschen in der Nähe." Zwar seien bereits einige Wanderer erschrocken, wenn sie einen der Männer mehrere Meter über dem Boden in den Baumkronen erblickten, zu ernsthaften Zwischenfällen sei es aber noch nie gekommen.

Auf die Tiere werde zudem nur gefeuert, wenn sie sich nah genug an die Jäger heranwagen. Ansonsten sei es die Aufgabe der Jäger, das Wild immerhin zu erschrecken und zu vertreiben - in der Hoffnung, dass sie sich so bald nicht mehr in städtische Gegenden wagen.

Auch Bergziegen werden rund um Madrid zum Problem

Bis zu 150 Mal im Jahr sind die Jäger mit Pfeil und Bogen seit 2011 ausgerückt, in der Regel beauftragt von den jeweiligen kommunalen Behörden. Gehalt bekommen sie für ihre Tätigkeit nicht. Sie verstehen ihre Arbeit als gemeinnützigen Dienst, um die Ausbreitung wilder Tiere unter Kontrolle zu halten. Mehr als 200 Wildschweine haben sie seit 2011 erlegt, außerdem drei Hirsche und etwa 60 Bergziegen. Letztere wagen sich nachts zwar ebenfalls immer häufiger aus dem geschützen Dickicht der Berge und Wälder heraus, dürfen aber künftig nicht mehr erlegt werden - Tierschützer sorgen sich um den Fortbestand der Spezies und bekamen Recht.

Die madrilenischen Kommunen sind mit diesem Wild-Problem jedoch längst nicht allein: In vielen Regionen wachsen die Wildschwein-Populationen kontinuierlich, Städte auf der ganzen Welt melden Zwischenfälle mit den Tieren. Auch in Deutschland, vor allem in Bayern, nimmt die Zahl der Tiere zu. Hierzulande wurden aber noch keine Robin Hoods in den Bäumen gesichtet.