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Spaghetti-Eis:Lebensgefühl mit Sahne

Vanilleeis durch die Spätzlepresse drücken - auf so eine Idee muss man erst einmal kommen. Ein Besuch in einer Mannheimer Eisdiele bei Dario Fontanella, der vor 50 Jahren das Spaghetti-Eis erfand.

Von Martin Zips

Ein Teller mit Spaghetti Eis im Eiscafe Intermezzo in Mannheim Foto vom 18 02 2019 Erfunden wurde

Diese Kreation, bei der es sich unverkennbar um Spaghetti-Eis handelt, wurde einst in einer Mannheimer Eisdiele erfunden. Beides existiert bis heute.

(Foto: imago/epd)

Das ist die Geschichte des Spaghetti-Eis-Erfinders Dario Fontanella. Die Geschichte eines Mannes, der den Deutschen vor exakt 50 Jahren genau das gab, was sie sich wünschten: italienisches Lebensgefühl, gemischt mit viel Schlagsahne. Es ist aber auch eine Geschichte darüber, wie man Klischees kreativ begegnen kann. Und wie man sich anpasst - ohne sich aufzugeben. Eigentlich ist es eine sehr europäische Geschichte.

Dass Dario Fontanella, 67, nun am Mannheimer Hauptbahnhof an der Espressobar seiner Eisfabrik sitzt, das hat er vor allem seinem Vater Mario zu verdanken. Dario nennt ihn "meinen Gott" und wirkt mit seinen leuchtend blauen Augen und dem gestickten "Fontanella"-Schriftzug auf seiner blütenweißen Gelatiere-Uniform wie eine aus der Zeit gefallene Figur des Filmregisseurs Wes Anderson.

380 Eissorten komponiert Fontanella hier, gemeinsam mit seinen fünf Mitarbeitern. Ganz ohne Emulgatoren, Farbstoffe und Chemie. Die Vanilleschoten besorgt er sich auf Tahiti, ein Kilo 800 Euro. Mit seinem Eis beliefert Fontanella in Deutschland Sterne-Restaurants ebenso wie Kultureinrichtungen und Konzerne. "Morgen schaut der Chef des Hotel Adlon bei mir vorbei", sagt er und steckt dem Reporter abwechselnd einen Löffel Nuss, einen Löffel Schoko und einen Löffel Erdbeere in den Mund. Und wo ist das Spaghetti-Eis? "Piano, piano", sagt Fontanella. Das kommt später.

Die Geschichte italienischer Eissalons in Deutschland reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert. Die Bewohner des norditalienischen Zoldo-Tals, aus dem auch die Fontanellas stammen, hatten einst weniger mit Eis als mit Eisenerz zu tun. Sie schmiedeten Nägel, doch die Industrialisierung machte ihre Arbeit überflüssig. Mehr als die Hälfte der Menschen wanderten ab. Sie gingen zum Beispiel nach Wien, um dort am Bau zu arbeiten. Weitaus angenehmer verdienten sie ihr Geld als Straßenhändler - etwa mit dem Verkauf von kandierten Früchten oder "Gefrorenem".

Die Geburtsstunde des Eisverkauf aus dem Fenster

Doch die Wiener Zuckerbäcker hetzten gegen die Italiener. Das könne doch nicht sein, dass die für ihr Gewerbe weder Mieten noch Steuern zahlten, klagten sie. Schließlich wurden die Eishändler dazu gezwungen, Räume anzumieten. Und da das Hochparterre besonders günstig war, verkauften sie ihr Eis fortan aus den Fenstern. Für die Laufkundschaft errichteten sie kleine Tribünen aus Holz. Die Eisdiele war geboren.

Über ganz Österreich-Ungarn verbreiteten sich die Eishändler, zogen nach dem Ersten Weltkrieg weiter ins Ruhrgebiet und in immer mehr deutsche Städte. Mit nur 21 Jahren eröffnete Darios Vater Mario im Jahr 1931 seinen ersten Eissalon in Hannover, 1933 zog er nach Mannheim.

1933? Das Jahr von Hitlers Machtergreifung? "Kein Problem", meint Dario Fontanella, während er die Nase des Reporters in Richtung Hibiskus, Lavendel und Lakritze führt. "Hitler und Mussolini haben sich damals noch gut verstanden. Erst als das bröckelte, protestierte die Hitlerjugend auch vor Marios Café." "Spaghettifresser", das war noch einer der harmloseren Ausdrücke, die die selbsternannte "Herrenrasse" verwendete. So eine Bezeichnung konnte damals ein Todesurteil sein.

Doch statt in die Partei einzutreten, verliebte sich Mario in Renate, die als Mannequin in Mannheim in einem Pelzgeschäft arbeitete. Für die Hochzeit 1941 gab Renate sogar mitten im Krieg ihre deutsche Staatsbürgerschaft auf - anders wäre eine Eheschließung nicht möglich gewesen. (Nach dem Krieg bot man ihr den deutschen Pass zwar wieder an, aber da wollte Renate nicht mehr.) 150 Luftangriffe flogen die Alliierten auf Mannheim, 1700 Menschen starben, fast alles wurde zerstört. Die junge Familie floh nach Italien - und überlebte. 1946 kehrten die Fontanellas wieder zurück und verkauften abermals Eis. In den Trümmern.

Der Salon, den sie bald eröffneten, existiert noch immer an gleicher Stelle. Selbst ein junger Student namens Helmut Kohl erfrischte sich hier nach der Tanzstunde und blieb auch als Kanzler Stammgast.

Dario half in den Schulferien beim Eis-verkauf, wuchs aber sonst bei den Großeltern in Italien auf. "In den Fünfzigern war noch nicht klar, wohin sich Europa entwickelt", erzählt der Eismacher und reicht jetzt Sesam, Süßholz und Zitrone. "Da dachten meine Eltern, es sei sinnvoll, Kinder in beiden Ländern zu haben."

Aber was nun ist mit dem Spaghetti-Eis? "Das erzähle ich Ihnen jetzt."

Die ersten Vaniellespagetti wurden durch eine Spätzlepresse getrieben

Dario Fontanella am 18 02 2019 beim Zubereiten von Spaghetti Eis in seinem Eiscafe Intermezzo in Man

Die Idee zu seinem Spaghetti-Eis kam Dario Fontanella beim Skifahren - in einer Pasticceria in Cortina d’Ampezzo kostete er eine Nachspeise aus Esskastanienpüree, das durch eine Kartoffelpresse gedrückt und mit Puderzucker verziert wurde.

(Foto: imago/epd)

Während der Osterferien, am 6. April 1969, zeigte der junge Dario seinem Vater im Keller der Mannheimer Eisdiele, welche Idee ihm auf einer Skitour in Cortina d'Ampezzo gekommen war. Dort hatte ihn in der Pasticceria Embassy (gibt's immer noch) ein Dessert begeistert: Esskastanien, durch eine Kartoffelpresse gedrückt! "Als Würmsche" (das sagt Fontanella tatsächlich so, in italienischem Deutsch mit kurpfälzischem Einschlag), "als Würmsche schmeckten die klasse."

Diese Idee entwickelte Dario mit seinem Vater weiter. In einem Mannheimer Haushaltswarengeschäft hatte er sich eine Spätzlepresse gekauft, nun presste er durch sie einen Batzen Vanilleeis. Auf die so entstandenen kalten "Würmsche" goss Fontanella pürierte Erdbeeren (als Sugo) und als Parmigiano rieb er weiße Schokoladen-Ostereier drüber. Das "Spaghetti-Eis", es war geboren. Nur die deutschen Kinder heulten. Sie hatten im Eissalon eher mit bunten Kugeln gerechnet.

Fontanella aber war derart überzeugt von seiner Idee, dass er nur wenige Stunden später mit seinem Vater zum Anwalt ging, um sich seine Kreation schützen zu lassen. Doch der Anwalt winkte ab. "Junge, das kostet dich 200 Mark. Und dann nennen es die Leute Makkaroni-Eis und machen es trotzdem." Also nicht. "Großer Fehler!", sagt Dario Fontanella heute, wo sogar der Verband italienischer Eisverkäufer in Deutschland auf Anfrage versichert: "Kein anderer Eisbecher garantiert eine so sichere Einnahme." Niemand bestreite, dass Fontanella der Erfinder sei.

Weil man in Deutschland aber, da wäre man beim Thema "Europa der Regionen", vor allem Eis mit Schlagsahne liebt, ergab sich für Fontanella noch ein Problem: "Spaghetti-Eis mit Sahne drauf, das machte mir doch die ganze Optik kaputt!", ruft er gestenreich beim Espresso. "Also habe ich die Eis-Spaghetti einfach auf die Schlagsahne draufgedrückt." Und so wird Spaghetti-Eis noch heute verkauft, etwa 25 Millionen Portionen pro Jahr. Sich anpassen, aber niemals seine Wurzeln aufgeben - so hat es Fontanella immer gehalten. Einen deutschen Pass hat er bis heute nicht. Eine deutsche Frau aber schon.

Spaghetti-Eis gibt es mittlerweile nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Frankreich, Polen, den USA - und, darauf ist Fontanella besonders stolz, in Teilen Italiens. Und selbst wenn Vanillenudeln aus der Spätzlepresse niemals zu seiner persönlichen Leibspeise geworden sind, erfunden hat er sie nun mal. Eine große Portion italienisches Lebensgefühl - mit sehr viel deutscher Schlagsahne.

© SZ vom 30.03.2019
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