Spaghetti-Eis Lebensgefühl mit Sahne

Vanilleeis durch die Spätzlepresse drücken - auf so eine Idee muss man erst einmal kommen. Ein Besuch in einer Mannheimer Eisdiele bei Dario Fontanella, der vor 50 Jahren das Spaghetti-Eis erfand.

Von Martin Zips

Diese Kreation, bei der es sich unverkennbar um Spaghetti-Eis handelt, wurde einst in einer Mannheimer Eisdiele erfunden. Beides existiert bis heute.

(Foto: imago/epd)

Das ist die Geschichte des Spaghetti-Eis-Erfinders Dario Fontanella. Die Geschichte eines Mannes, der den Deutschen vor exakt 50 Jahren genau das gab, was sie sich wünschten: italienisches Lebensgefühl, gemischt mit viel Schlagsahne. Es ist aber auch eine Geschichte darüber, wie man Klischees kreativ begegnen kann. Und wie man sich anpasst - ohne sich aufzugeben. Eigentlich ist es eine sehr europäische Geschichte.

Dass Dario Fontanella, 67, nun am Mannheimer Hauptbahnhof an der Espressobar seiner Eisfabrik sitzt, das hat er vor allem seinem Vater Mario zu verdanken. Dario nennt ihn "meinen Gott" und wirkt mit seinen leuchtend blauen Augen und dem gestickten "Fontanella"-Schriftzug auf seiner blütenweißen Gelatiere-Uniform wie eine aus der Zeit gefallene Figur des Filmregisseurs Wes Anderson.

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Mild und samtig im Geschmack und die perfekte Erfrischung im Sommer, egal ob in der Mittagspause, am Nachmittag oder Abend.

380 Eissorten komponiert Fontanella hier, gemeinsam mit seinen fünf Mitarbeitern. Ganz ohne Emulgatoren, Farbstoffe und Chemie. Die Vanilleschoten besorgt er sich auf Tahiti, ein Kilo 800 Euro. Mit seinem Eis beliefert Fontanella in Deutschland Sterne-Restaurants ebenso wie Kultureinrichtungen und Konzerne. "Morgen schaut der Chef des Hotel Adlon bei mir vorbei", sagt er und steckt dem Reporter abwechselnd einen Löffel Nuss, einen Löffel Schoko und einen Löffel Erdbeere in den Mund. Und wo ist das Spaghetti-Eis? "Piano, piano", sagt Fontanella. Das kommt später.

Die Geschichte italienischer Eissalons in Deutschland reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert. Die Bewohner des norditalienischen Zoldo-Tals, aus dem auch die Fontanellas stammen, hatten einst weniger mit Eis als mit Eisenerz zu tun. Sie schmiedeten Nägel, doch die Industrialisierung machte ihre Arbeit überflüssig. Mehr als die Hälfte der Menschen wanderten ab. Sie gingen zum Beispiel nach Wien, um dort am Bau zu arbeiten. Weitaus angenehmer verdienten sie ihr Geld als Straßenhändler - etwa mit dem Verkauf von kandierten Früchten oder "Gefrorenem".

Die Geburtsstunde des Eisverkauf aus dem Fenster

Doch die Wiener Zuckerbäcker hetzten gegen die Italiener. Das könne doch nicht sein, dass die für ihr Gewerbe weder Mieten noch Steuern zahlten, klagten sie. Schließlich wurden die Eishändler dazu gezwungen, Räume anzumieten. Und da das Hochparterre besonders günstig war, verkauften sie ihr Eis fortan aus den Fenstern. Für die Laufkundschaft errichteten sie kleine Tribünen aus Holz. Die Eisdiele war geboren.

Über ganz Österreich-Ungarn verbreiteten sich die Eishändler, zogen nach dem Ersten Weltkrieg weiter ins Ruhrgebiet und in immer mehr deutsche Städte. Mit nur 21 Jahren eröffnete Darios Vater Mario im Jahr 1931 seinen ersten Eissalon in Hannover, 1933 zog er nach Mannheim.

1933? Das Jahr von Hitlers Machtergreifung? "Kein Problem", meint Dario Fontanella, während er die Nase des Reporters in Richtung Hibiskus, Lavendel und Lakritze führt. "Hitler und Mussolini haben sich damals noch gut verstanden. Erst als das bröckelte, protestierte die Hitlerjugend auch vor Marios Café." "Spaghettifresser", das war noch einer der harmloseren Ausdrücke, die die selbsternannte "Herrenrasse" verwendete. So eine Bezeichnung konnte damals ein Todesurteil sein.

Doch statt in die Partei einzutreten, verliebte sich Mario in Renate, die als Mannequin in Mannheim in einem Pelzgeschäft arbeitete. Für die Hochzeit 1941 gab Renate sogar mitten im Krieg ihre deutsche Staatsbürgerschaft auf - anders wäre eine Eheschließung nicht möglich gewesen. (Nach dem Krieg bot man ihr den deutschen Pass zwar wieder an, aber da wollte Renate nicht mehr.) 150 Luftangriffe flogen die Alliierten auf Mannheim, 1700 Menschen starben, fast alles wurde zerstört. Die junge Familie floh nach Italien - und überlebte. 1946 kehrten die Fontanellas wieder zurück und verkauften abermals Eis. In den Trümmern.

Der Salon, den sie bald eröffneten, existiert noch immer an gleicher Stelle. Selbst ein junger Student namens Helmut Kohl erfrischte sich hier nach der Tanzstunde und blieb auch als Kanzler Stammgast.

Dario half in den Schulferien beim Eis-verkauf, wuchs aber sonst bei den Großeltern in Italien auf. "In den Fünfzigern war noch nicht klar, wohin sich Europa entwickelt", erzählt der Eismacher und reicht jetzt Sesam, Süßholz und Zitrone. "Da dachten meine Eltern, es sei sinnvoll, Kinder in beiden Ländern zu haben."

Aber was nun ist mit dem Spaghetti-Eis? "Das erzähle ich Ihnen jetzt."