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·:Spätes Mutterglück

Das Durchschnittsalter der Schwangeren steigt - die Risiken werden dabei oft überschätzt.

Von Wiebke Rögener

"Mutter werden über dreißig" lautete der Titel eines Buches, das 1982 erschien und Frauen Mut machen sollte, auch in diesem "fortgeschrittenen Alter" noch Kinder zu bekommen. "Mit fünfunddreißig das erste Kind" hieß ein Ratgeber, der 1986 auf den Markt kam. Heute wirken diese Titel eher anachronistisch. Liegt doch inzwischen das Durchschnittsalter verheirateter Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, nur knapp unter dreißig Jahren. Allenfalls wenn Mütter bei der Geburt deutlich über vierzig sind und so berühmt wie Madonna oder Cherie Blair, erregen sie noch ein wenig Aufmerksamkeit.

Schwangere im vierten Lebensjahrzehnt sind längst keine Ausnahme im Wartezimmer des Frauenarztes mehr, sondern heute eher die Regel. Schon seit 1997 werden in Deutschland die meisten Kinder von Frauen geboren, die zwischen 30 und 34 Jahre alt sind. Mehr als 18.000 Mütter brachten 1999 in Deutschland ihr erstes Kind zur Welt, nachdem sie bereits den 40 Geburtstag gefeiert hatten, 28 waren sogar über 50 Jahre alt, berichten die Journalistin Petra Ritzinger und der Arzt Ernst Weissenbacher in ihrem Buch "Später Kinderwunsch. Chancen und Risiken" (Zuckschwerdt Verlag, München, 2003).

"Vor allem Frauen, die studieren, wollen oft erst Kinder, wenn sie die Ausbildung abgeschlossen und sich im Beruf etabliert haben. Ältere Mütter ohne qualifizierte Ausbildung sind dagegen häufiger Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen, die lange vergeblich versucht haben schwanger zu werden", sagt die Soziologin Dorothea Krüger von der Universität Hildesheim.

Doch nicht immer ist die späte Empfängnis eine Folge sorgfältiger Lebensplanung oder lang gehegter Wünsche. In Großbritannien erreichte die Zahl ungewollter Schwangerschaften bei Frauen Ende dreißig im vergangenen Jahr ein Rekordhoch, berichtet der British Pregnancy Advisory Service. Es habe ebenso viele Abtreibungen bei Frauen über 40 gegeben wie bei 19-Jährigen. Auch hier zu Lande sind ältere Frauen bei der Verhütung keineswegs umsichtiger als Teenager: Etwa 7400 Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen unter 18 verzeichnete das Statistische Bundesamt 2002, mehr als 8700 Abtreibungen bei Frauen über 40 Jahren.

Die unermüdlichen Warnungen, Frauen mögen den Kinderwunsch nicht zu weit hinausschieben, da mit dem Alter die Fruchtbarkeit sinkt, haben hier womöglich ganz unbeabsichtigte Effekte. Wo frau allenthalben hört, wie schwierig es sei, ohne Hilfe der Fortpflanzungsmedizin mit 40 noch schwanger zu werden, verzichtet manche im fünften Lebensjahrzehnt wohl ganz auf Verhütung - und ist dann unverhofft guter Hoffnung.

Ob nun Plan-Kind oder Verhütungspanne - jeder Frau, die nach dem 35sten Geburtstag ihr erstes Kind erwartet, bescheinigen Gynäkologen im Mutterpass, sie sei als "ältere Erstgebärende" eine "Risikoschwangere". Die Statistik scheint ihnen recht zu geben, sind doch manche Komplikationen bei älteren Schwangeren häufiger als bei jungen Frauen. So klingt es recht dramatisch, wenn Frauenärzte ihre Patientin warnen, das Risiko, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen sei bei Frauen über 35 mehr als vier mal so hoch wie mit 20 und daher dringend zu vorgeburtlichen Tests raten. Das Thromboserisiko steigt ebenfalls mit dem Alter, ebenso die Gefahr an Diabetes oder Bluthochdruck zu erkranken.Doch Schwangeren, die nach solcherlei Beratung verwirrt sind, hilft vielleicht ein Blick auf die absoluten Zahlen. Demnach beträgt das Risiko für ein Down-Syndrom - die häufigste Chromosomenstörung - bei Müttern Mitte Dreißig etwa ein viertel Prozent. Selbst bei 40-jährigen Schwangeren ist nur jedes hundertste Kind betroffen.

Ähnlich wahrscheinlich ist es aber, dass der für einen vorgeburtlichen Chromosomen-Check nötige Eingriff eine Fehlgeburt auslöst. Dass ein Kind im Mutterleib stirbt, kommt bei Frauen über 35 zwar doppelt so häufig vor - aber doch nur bei sechs von tausend Schwangerschaften. Andere Probleme, etwa der durch eine Schwangerschaft bedingte Bluthochdruck sind heute gut behandelbar, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. Der bei weitem wahrscheinlichste Ausgang einer Schwangerschaft ist also auch bei Müttern um die Vierzig ein völlig gesundes Kind. Fehlbildungen, die nicht auf einer Chromosomenstörung beruhen, sind laut Ritzinger und Weissenbacher, bei Kindern älterer Müttern sogar seltener. Vermutlich liegt dies daran, dass diese Frauen die vorgeburtliche Diagnostik häufiger nutzen und das Kind abtreiben lassen, wenn es nicht ganz "perfekt" ist.

Viele Risiken sind für die Kinder älterer Mütter zwar messbar, aber doch nicht dramatisch erhöht. So fanden britische Forscher: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind bei der Geburt sehr klein ist, nimmt bei Müttern zwischen 35 und 40 gegenüber jüngeren Altersgruppen um 30 Prozent zu. Zu Früh- und Totgeburten kommt es knapp anderthalb mal so häufig. Erst bei Schwangeren über 50 Jahren ist das Risiko, dass ihre Kinder zu klein oder vorzeitig auf die Welt kommen, gegenüber jüngeren Frauen verdreifacht. Die Gefahr spontaner Fehlgeburten allerdings steigt deutlich mit dem Alter der Mutter: Nur rund neun Prozent aller 20 bis 24-Jährigen verlieren dadurch ihr Kind, aber 75 Prozent der über 45-Jährigen, stellten dänische Forscher fest. Zwillinge dagegen haben bessere Überlebenschancen, je älter ihre Mutter ist: Bei sieben Prozent aller Geburten vor dem 20sten Lebensjahr stirbt eines der beiden Zwillingskinder. Bei Geburten in der fünften Lebensdekade liegt deren Anteil nur bei rund zwei Prozent.

Keine eindeutige Antwort gibt die Wissenschaft auf die Frage, ob spätes Mutterglück der Gesundheit von Frauen im weiteren Leben eher zu- oder abträglich ist. So ergab eine US-Studie, dass Frauen, die in reiferem Alter Kinder bekamen, später häufiger unter Herzkreislauferkrankungen oder Diabetes leiden, allerdings seltener einen Schlaganfall bekommen und weniger brüchige Knochen haben. Einige Jahre zuvor erregten Forscher der Harvard University Aufsehen, als sie unter Hundertjährigen besonders viele Frauen fanden, die mit über 40 noch ein Kind bekommen hatten. Wobei allerdings unklar blieb, ob die späte Geburt zur Langlebigkeit beiträgt. Möglicherweise ist die langanhaltende Fruchtbarkeit bei diesen Frauen nur ein Indiz für einen insgesamt langsam verlaufenden Alterungsprozess.

Den möglichen Nachteilen der späten Schwangerschaft stehen beträchtliche Vorteile für die Kinder gegenüber. So verfügen frisch gebackene Eltern im Alter zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig meist über ein gesichertes Einkommen und gehören eher privilegierten sozialen Schichten an. Die späten Mütter sind selbstbewusster und unabhängiger als Frauen, die schon bald nach dem Auszug aus dem eigenen Elternhaus selbst Mutterpflichten haben. "Gerade ältere Mütter widmen ihren Kindern sehr viel Aufmerksamkeit und stellen hohe Ansprüche an die Betreuung der Kinder", berichtet Dorothea Krüger.

Sicher wird wohl manche "alte Mutter" gelegentlich an ihrer Entscheidung zweifeln - etwa wenn sie bei der Einschulung ihres Kindes neben einer kaum älteren Frau sitzt und dann feststellen muss, dass es sich um die Großmutter eines der Erstklässler handelt. Aber Frauen werden nicht nur später Mutter, sie leben auch immer länger. Zu Beginn des 20 Jahrhunderts betrug die durchschnittliche Lebenserwartung gerade 46 Jahre. Heute hat eine Vierzigjährige laut Statistik noch 42 Lebensjahre vor sich - und damit beste Chancen, die Einschulung ihrer Enkelkinder zu erleben.

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