South Bridge Vaults Eine unterirdische Stadt voller Mythen

1902 versiegelte die Stadt die Eingänge aus Sicherheitsgründen.

(Foto: wikimedia Commons/ / Kjetil Bjørnsrud / CC BY-SA 3.0)

Wo Mörder ihre Opfer versteckten und illegal Whisky gebrannt wurde: Der Untergrund des schottischen Edinburgh birgt Kammern und Gänge mit deren skurrilen Geschichten.

Von Sofia Glasl

Sieben Hügel scheinen für Stadtgründer ein geheimes Muss zu sein: Rom, Jerusalem - selbst Schneewittchen versteckte sich hinter sieben Bergen bei den sieben Zwergen vor der bösen Königin und lebte dort ein Zeit lang recht zufrieden.

Dass auch die schottische Hauptstadt Edinburgh auf sieben Hügeln erbaut wurde, ist zwar nicht so bekannt, aber wenigstens sagenumwoben. Es wird seit je darüber gestritten, welche die auserkorenen Anhöhen sind, denn es gibt dort mehr als sieben.

Jedenfalls stechen heute zwei hervor, Castle Rock mit dem namengebenden Edinburgh Castle, sowie Calton Hill mit dem schottischen Parlament. Die anderen sind teils nicht mehr sichtbar, weil sie jahrhundertelang so zugebaut wurden, dass das steigende Grundniveau der Stadt sie schluckte.

Die erste Person, die über die Brücke durfte: eine Frau im Sarg

Doch wie in jedem guten Märchen gibt es auch hier geheimnisvolle Höhlen und Gewölbe, die "South Bridge Vaults". Zwar von Menschenhand, nicht von Zwergen gemacht, sind sie doch voll wundersamer Mythen.

So soll es hier spuken: Geister von Pestopfern treiben ihr Unwesen, vielleicht auch von Mordopfern - das legendäre Serienmörder-Duo Burke und Hare, das 1827/ 28 seine Untaten verübte, soll hier Leichen zwischengelagert haben, bevor es sie an die Gerichtsmedizin verscherbelte.

Die Fernsehshow "Ghost Adventures" widmete den Gewölben eine ganze Folge, ein Mikrofon hatte nachts seltsame Geräusche hörbar gemacht. Online kursieren zahllose Storys von angeblichen Geistersichtungen und anderen übernatürlichen Phänomenen.

Die "South Bridge Vaults" sind Kammern in den Bögen der Brücke, die mitten durch die Stadt verläuft. In Edinburgh werden Stadtviertel auf gegenüberliegenden Hügeln durch Brücken verbunden. Die South Bridge sollte das im Süden gelegene Universitätsviertel mit der High Street im Stadtkern verbinden und auch mehr Wohn- und Geschäftsraum bieten.

Denn die Stadtmauer drohte zu bersten, und so baute man einfach in die Höhe und setzte neue Stockwerke auf bestehende Gebäude - die ersten Hochhäuser waren also der Not geschuldet. 1785 begannen die Bauarbeiten, 1788 wurde das Viadukt fertiggestellt. Die 19 Bögen dienten als Lagerräume für Geschäfte und Handwerksbetriebe auf der Bridge.

Doch gleich zu Beginn lief es nicht glatt. Die Ehefrau eines angesehenen Richters sollte ehrenhalber als erste über die Brücke schreiten, starb aber wenige Tage vor der Einweihung. Sie wurde trotzdem, versprochen ist versprochen, die erste Person, die die South Bridge überquerte - im Sarg.

Den Anwohnern reichte dieser Vorfall, um die Brücke noch vor der Einweihung für verflucht zu erklären und zu meiden. Dennoch erzielten die Geschäftsimmobilien Höchstpreise, die Stadt baute weitere Wohnhäuser an die Brücke heran, bis nur noch der Cowgate-Bogen zu sehen war - das Viertel heißt noch immer so.

Die South Bridge war keine Meisterleistung der Ingenieurskunst. Da Zeit und Geld knapp waren, wurde sie nicht wetterfest gebaut- in einem regenreichen Land ungünstig. Zudem wurde die Brücke direkt an Nor Loch, ein Sumpfgebiet, platziert.

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Kurz nach der Einweihung 1788 begannen die Wände und Kammern vollzulaufen, was die Bögen weder als Lager noch als Wohnstätte besonders attraktiv machte. Mit der Zeit boten die Kammern nur noch Obdachlosen und Kriminellen Unterschlupf, es entwickelte sich eine unterirdische Parallelwelt.

Auch die umliegenden Straßen fielen dem Gesamtkonzept der Überbrückung zum Opfer: Die Mary King's Close, eine kleine Gasse, in der arme Händler wohnten, wurde in Teilen abgerissen und als Fundament für ein Börsengebäude verwendet.

Viele Anwohner blieben trotzdem in den nun unter Tage liegenden Häusern: Edinburghs Unterwelt war geboren. Die Industrialisierung produzierte eine neue Unterschicht, die Gegend wurde zum Slum - ganze Familien hausten in den Kammern, ohne Sonnenlicht oder ausreichende Belüftung. Noch bildlicher kann sich die Hierarchie einer Gesellschaft kaum im Wohnraum darstellen: Unter der Erde die Ärmsten der Armen und in den obersten, vom Gestank der Gosse unberührten Stockwerken die gut Betuchten.

Im Juli 1815 wurde eine illegale Whisky-Destille entdeckt, die trickreich städtische Wasser- und Abluftrohre angezapft hatte. Um 1835 waren alle Geschäfte ausgezogen, und bis auf einen Bogen war die Brücke von den umliegenden Gebäuden geschluckt worden. Die South Bridge Vaults waren bald ein berüchtigtes Rotlichtviertel, über das kaum Aufzeichnungen existieren, weil niemand offiziell hier lebte oder arbeitete.

Flucht vor dem kommunistischen Häschern über die South Bridge Vaults

Nach und nach gerieten die Gewölbe in Vergessenheit, ehe sie 1989 überraschend Berühmtheit erlangten: Am 9. Dezember floh der rumänische Rugbyspieler Cristian Raducanu nach einem Spiel gegen die schottische Nationalmannschaft vor dem Ceaușescu-Regime.

Die Teams waren in die Tron Tavern direkt an der South Bridge zum Feiern eingekehrt. Das Pub gehörte damals dem schottischen Nationalspieler Norrie Rowan, der 1985 einen alten Zugang zu den Vaults gefunden hatte. Er schleuste Raducanu an der rumänischen Geheimpolizei vorbei und unterstützte ihn dabei, politisches Asyl zu beantragen.

In den Neunzigerjahren half Rowan auch bei der archäologischen Aufarbeitung der Gewölbe. Beinahe alle Kammern und Häuser sind erhalten, selbst intakter Hausrat und Spielzeug wurden noch gefunden. Heute sind Teile der Gänge und der unterirdischen Stadt mit organisierten Führungen zugänglich.

Der Text erschien zuerst in der SZ-Ausgabe vom 9. März 2019.

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