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·:Sonnenuntergang am Strand der Wunder

Das Seebad Fregene galt lange als verblasste Schönheit - heute feiert Roms Jeunesse dorée dort Sommernachtspartys.

Womöglich sind sie vom Himmel herab gesegelt oder aus dem Meer gestiegen. Doch das hat keiner gesehen. Jedenfalls sind sie plötzlich da, am Strand von Fregene, diese grazilen, überlebensgroßen, weiß geschminkten Gestalten.

Sonnenuntergang am Strand von Fregene.

(Foto: Foto: oh)

Wie schwerelos taumeln sie zu psychedelischer Musik zwischen den Besuchern des Beach-Clubs "Singita" hindurch. Mit ihren Flügelschwingen und Chiffonkleidern wirken sie wie Engel - oder weiße Fledermäuse.

Nach einigen Pirouetten um die über den Strand verstreuten Fackeln, Hängematten, Alkovenbetten und Strohschirme entschwinden die Künstler auf ihren Stelzen in die Dunkelheit. Die Musik verklingt. Die Gäste schweigen für einige Momente und lauschen den Wellen, die der Maestrale-Wind ans Ufer treibt.

Das Wort "Singita" stammt aus dem Shangaan, einer afrikanischen Sprache, und bedeutet "Wunder". Einen Strand der Wunder wollen die Besitzer dieses flamboyanten Sommertreffs der betuchteren Römer ihren Gästen bieten. Sie selbst sprechen von einem "Kultort" für Leute, "die Understatement als Lebensstil praktizieren". Mit ihnen wird allabendlich ein Ritual des Sonnenunterganges vollzogen. Sobald die aprikosenfarben leuchtende Scheibe das Wasser touchiert, klingt "O sole mio" aus den Lautsprechern. Sobald sie untergegangen ist, klatschen alle Beifall. Die Nacht in Fregene mit ihren Mirakeln beginnt.

"Hat es Euch gefallen?", fragen Domitilla und Alessio, zwei junge Römer, die sich zwischen Leinenkissen auf einem von Duftkerzen umdampften Strandbett räkeln. Sie sind vor einer Stunde aus der schwül-heißen, lärmenden und vom Konkurrenzkampf geprägten Metropole hergefahren, um sich verwöhnen zu lassen - wie das schon die antiken Römer an Latiums Küste taten. Auf die Frage, wo man hier am besten hingehe, antworteten sie ohne Zögern: "Zuerst auf einen Aperitivo ins "Singita". Dann zum Essen ins "Mastino" oder "Saint-Tropez". Und danach zum Tanzen in einen der Strandclubs."

Mit Mojito zum Yoga-Meister

Der Apero ist wieder schwer in Mode an den Stränden Roms. Überfluteten in den neunziger Jahren noch Diskotheken die Küste, schwappen nun Cocktails über den Strand. Kein "Stabilimento", keine Badeanstalt, die nicht in den Abendstunden zur Cocktailbar wird. Im "Singita" werden die Drinks in eimergroßen Glaskelchen serviert. Die in Weiß gekleideten, barfüßigen Kellnerinnen stellen sie auf große Tücher im Sand. Drumherum hocken Cliquen junger Römer und saugen aus meterlangen Halmen aus dem Pott. Sie sind lässig gekleidet, bevorzugt in weite Hemden und helle Leinenhosen.

Statt lärmender Beach-Spektakel zur Techno-Musik wie am Strand von Ostia ist in Fregene "Benessere" angesagt - Wohlfühlen. Hierfür fährt das "Singita" Artisten und Pantomime-Künstler, geigende Models, Yoga-Meister und Sternendeuter auf. Gemüse- und Salat-Gerichte sollen "als Quelle der Energie und der Reinigung für Körper und Geist" dienen. Besonders rein geht es bei den Cocktails zu. Eine der Barfuß-Kellnerinnen bringt einen Mojito. "Er wird bei uns nicht mit Soda gemixt, sondern mit Mineralwasser", flüstert sie. "So wie ihn Hemingway auf Kuba trank." Aus den Lautsprechern klingt jetzt Reggae.

Kuba und Goa, Karibik, Ibiza, Afrika, die Atmosphäre im "Singita" wirkt wie ein Ethno-Mix. Man könnte sich auf dem Diwan zurücklehnen, trinken, gucken, lauschen. Doch nun steht die "Cena", das Abendessen, auf dem Vergnügungs-Programm. Wer hier im "Villaggio dei Pescatori", dem früheren Fischerdorf, herumläuft, dem fällt die Auswahl schwer.

All die Strandbäder, in denen sich am Tag Familien tummeln, verwandeln sich nachts in Fischlokale. Jetzt fährt die römische Jeunesse dorée mit Ferraris und Porsches oder im neuen Fiat500 vor. Auch Politiker, Schauspieler und Fußballer kommen gern nach Fregene mit seinen weißen, in die dunkelgrüne Pineta gebetteten Villen. Die brodelnde Hauptstadt ist nur 25 Kilometer entfernt, und doch fühlen sich die Römer hier wie auf einer heilen Ferieninsel, weit weg von den Dauerkrisen und kollektiven Depressionen Italiens.

Federico Fellini in Fregene

Das von vier Brüdern bewirtschaftete "Mastino" ist einer ihrer Anlaufpunkte. "An unseren Tischen saßen die bekanntesten Politiker und Wirtschaftsführer", rühmt einer der Brüder sein Lokal. Bekannt wurde das Restaurant wie ganz Fregene in den fünfziger und sechziger Jahren durch die Besuche der Künstler, Schauspieler, Regisseure.

Federico Fellini verbrachte hier viele Ferientage und drehte in Fregene zwei seiner Filme. Der Schriftsteller Alberto Moravia urlaubte im Villaggio, Filmstars wie Marlon Brando, Alain Delon und Grace Kelly verdrückten Goldbrassen und Venusmuscheln. Später verblasste der Glanz etwas. Doch nun, auf der Wohlfühl-Welle, ist der Badeort wieder en vogue.

Wir lassen diesmal das "Mastino" samt seiner illustren Gästen hinter uns und treten auf die riesige, überdachte Terrasse des "Saint-Tropez". Der Kellner erläutert die Speisen mit einer Hingabe, als rezitiere er Dante. Über Preise wird nicht gesprochen, non si fa - das macht man nicht. Dann kommt das halbe Meer auf den Tisch: Mies- und Venusmuscheln in Knoblauch-Sauce, Tintenfische, Kraken, Bällchen aus gehacktem Zackenbarsch, marinierter Lachs, Linguine mit Hummerstücken, Scampi, Schwertfisch. Eiskalter Vermentino hilft dabei, alles zu bewältigen. Der Saal ist voll, die Römer schlemmen. Selbst die grellen Neonröhren stören die wohlige Stimmung nicht.

Stunden später haben sich die Strandterrassen der Lokale in Tanzflächen verwandelt. Im "Gilda on the Beach" wiegen sich Frauen in kurzen Jeans zur Salsa-Musik, eine Flasche Corona-Bier in der Hand. Im Miragio spielt eine Band skurriler Altrocker a la Celentano Italo-Rock. Viele junge Leute tanzen dazu, aber auch einige ältere Repräsentanten der Halbwelt. Ein platinblond gefärbter kleiner Mann im glänzenden Nadelstreifenanzug, hochhackigen Lackschuhen und Sonnenbrille schiebt eine voluminöse Ex-Schönheit taktvoll über den Strand.

So verrinnen die Stunden. Irgendwann sinkt man müde in eines der Alkovenbetten am Meer. Rock und Salsa vermischen sich mit dem Plätschern der Wellen, Gedanken mit Träumen. Dann geht hinter dem Pinienwald, im fernen Rom, die Sonne auf.