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Saisonstart in Kitzbühel:Schnee von gestern

Schneeband im Grünen bei Kitzbühel

Ein bisschen Schnee und viel Grün: Die vielfach "weißes Band" genannte Skipiste in Kitzbühel im Oktober 2019.

(Foto: Johann Groder/dpa)

Die Fotos des "weißen Bands" in den Kitzbüheler Alpen verursachten 2019 einige Aufregung. Nun beginnt die Skisaison, dank des frühen Schneefalls sind die Bilder bislang weniger drastisch. Doch die Kritik bleibt.

Von Thomas Hummel

Ganz ohne Ärger ging es auch diesmal nicht. Anfang Oktober blies ein Sturm über das Schneedepot am Resterkogel in den Kitzbüheler Alpen, er riss Teile der Abdeckung weg und verteilte das Dämmmaterial in der Umgebung. Styropor flog über die Hügel und in den Bergwald, trotz Aufräumarbeiten dürften viele kleine Kügelchen im Erdreich gelandet sein. Es gab öffentliche Aufregung, auch über Parteigrenzen hinweg, über diesen Sondermüll, den man am Berg gar nicht einsetzen dürfe.

Am Samstag startet in Kitzbühel die Skisaison, die Aufregung scheint sich wieder gelegt zu haben. Auch so aber ruft dieser Termin jenseits der Tiroler Landesgrenzen wieder jene Bilder in Erinnerung, die im vergangenen Jahr den Ärger verursachten: ein bisschen Schnee und drumherum viel Grün, vielfach "das weiße Band" genannt. Ein Sinnbild einer überdrehten Ski-Industrie in Zeiten des Klimawandels, von einem "massiven Imageschaden für den Tourismus in Tirol" war damals die Rede. So gesehen ist es weniger banal, als es klingt, wenn Anton Bodner nun sagt, er sei "sehr froh" über das Wetter in den vergangenen Wochen. Bodner ist der neue Vorsitzende der Kitzbüheler Bergbahnen AG, es war kalt zuletzt, es schneite bis weit hinunter in die Täler. Am Resterkogel auf 1900 Metern liegt eine Schicht Naturschnee, weshalb den Kitzbühelern bis jetzt die aufsehenerregenden Bilder aus den Vorjahren erspart blieben.

An dem Pistenschlauch entspann sich damals eine Grundsatzdebatte, wie viel Eingriff in die Natur erlaubt sein soll zugunsten wirtschaftlicher Geldvermehrung. Um den Kunden Schneesicherheit zu garantieren, investierten die Skigebiete in den vergangenen Jahrzehnten Millionen in Schneekanonen, legten dafür künstliche Wasserreservoirs an, verlegten Leitungen durch die Berge. Es kam die Idee dazu, den Schnee im Frühling zu konservieren, das sogenannte Snowfarming, das längst nicht nur in Kitzbühel betrieben wird. Am Resterkogel werden jedes Jahr 35 000 Kubikmeter Schnee zusammengeschoben, gedämmt und mit einer Folie isoliert. Laut der Bergbahnen AG schmelzen aufgrund von Selbstkühleffekten über den Sommer nur 13 Prozent ab, Pistenraupen verteilten nun die verbliebenen etwa 30 000 Kubikmeter Schnee auf einer 700 Meter langen und 60 Meter breiten Piste. Schneehöhe: 80 Zentimeter.

Die Ski-Industrie verteidigt das Snowfarming als kostengünstig und naturverträglich. Kitzbühel-Chef Bodner erklärt, das Deponieren von Schnee am Resterkogel sei "in einem naturschutzrechtlichen Verfahren mit den zuständigen Behörden" bis ins Jahr 2034 genehmigt. Wenn Bodner Glück hat, fällt die Kritik daran in diesem Jahr ob des Fehlens der verstörenden Bilder zwar leiser aus. Doch sie ist immer noch da.

Die Gäste kommen trotzdem: Ein Skifahrer in Kitzbühel im Oktober 2019.

(Foto: JOE KLAMAR/AFP)

Georg Kaltschmid, Landtagsabgeordneter der Grünen in Tirol, spricht von einem "Wintertourismus mit der Brechstange". Immer weniger Einheimische stünden hinter solchen Aktionen, Kaltschmid verweist auf zwei Umfragen in den vergangenen Monaten. Auf die Frage der Marketingfirma Tirol Werbung, was sich die Menschen vom eigenen Tourismus wünschen würden, lautete die meistgenannte Antwort: "Auf Natur, Umweltschutz und Nachhaltigkeit achten." Bei einer Befragung der Umweltstiftung WWF in Österreich befürworteten 64 Prozent einen Ausbaustopp von Seilbahnen und Skigebieten im Land, 20 Prozent forderten gar einen Rückbau. Für Kaltschmid sind Projekte wie am Resterkogel eine Art "Winter-Disneyland". Er selbst sei im Kitzbüheler Unterland aufgewachsen, und früher sei dort im Oktober nie Ski gefahren worden.

Mit Skitourismus lässt sich allerdings am meisten Geld verdienen, Schnee fällt aber gerade in tieferen Regionen immer weniger. Jetzt kommen auch noch die Maßnahmen wegen der Corona-Pandemie hinzu. Kitzbühel desinfiziert Gondeln und Lifte, die Bahnen fahren schneller, um Gedränge zu vermeiden. Wo der nötige Abstand nicht eingehalten wird, herrscht Maskenpflicht. "Dieser Winter wird der ultimative Stresstest für Tirol", sagt Georg Kaltschmid. Denn die Investitionen in vielen Skigebieten waren und sind hoch, ein Ausbleiben der Gäste könnte mancherorts fatal sein. Und selbst Kaltschmid ist klar, dass Tirol vom Tourismus abhängig ist, jeder vierte Euro im Land wird daran verdient.

Erst kam der Föhnwind, nun ist für Samstag Regen vorhergesagt

Für die Kitzbüheler ist ihre frühe Snowfarming-Piste ein Geschäft, die Pandemie verstärkt die Nachfrage sogar. Denn unter der Woche ist sie für Rennfahrer aus Verbänden und Skiklubs reserviert, die beliebten Vormittagszeiten sind nach Angaben der Bergbahnen dreifach überbucht. Das dürfte auch daran liegen, dass Reisen in die Überseegebiete schwierig zu realisieren sind. Zwar ist der Resterkogel, der knapp hinter der Grenze im Salzburger Land liegt, von Samstag an auch von der deutschen Corona-Reisewarnung betroffen. Doch die Verbindung zum Deutschen Ski-Verband (DSV) ist eng, seit zwei Jahren darf sich Kitzbühel "offizielles Trainingsgebiet" des DSV nennen. Ein Verbandssprecher verweist darauf, dass man sich aufgrund des dortigen frühen Saisonstarts Reisen in die weiter entfernten Gletscher oder gar nach Skandinavien sparen könne.

Ob der etwas spätere Beginn in diesem Herbst ausreichen wird, um Kitzbühel und dem Skisport die Bilder vom weißen Band zu ersparen, steht indes keineswegs fest. Unter der Woche wurden im Föhnwind an der Bergstation am Resterkogel teilweise 15 Grad gemessen, am Samstag soll es regnen. Dem zusammengepressten, größtenteils künstlich hergestellten Schnee auf der Piste macht das weniger aus als dem Naturschnee drumherum.

© SZ/min
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