bedeckt München
vgwortpixel

Silvester:"Fuck-off 2017"

"Erhöhte abstrakte Gefährdungslage": Eine Gruppe von Polizeibeamten während der Silvesterfeier 2016 auf dem Münchner Marienplatz.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Gefahr durch Böller, Angst vor Belästigungen und eine abstrakte Terrorangst: Gerade ingroßen Menschenansammlungen fühlen sich viele unwohl. Doch die Behörden unternehmen einiges, um die Feierlaune zu retten.

Nach den massenhaften sexuellen Übergriffen vor zwei Jahren in Köln scheint Silvester vielerorts etwas von seiner Unbeschwertheit verloren zu haben. Damals waren in der Neujahrsnacht zahlreiche Frauen von alkoholisierten Männern, die vorwiegend aus den Maghreb-Staaten stammten, bedrängt und beraubt worden. Die Vorfälle hatten die Debatte über die Asylpolitik der Bundesregierung verschärft, die Polizeipräsenz wurde an vielen Orten verstärkt. Übertrieben? Oder nicht? So bereiten sich deutsche Städte 2017 auf Silvester vor.

Köln

Längst leid ist Henriette Reker das Aufsehen, das ihre Domstadt seit 2015 vor jeder letzten Nacht im Jahr plagt. Die brutalen Übergriffe an Dom und Bahnhof hätten "das Image von Köln beschädigt", räumt die Oberbürgermeisterin missmutig ein, aber man möge doch bitte schön endlich "zur Normalität zurückkehren". Und tun, wofür "Kölle" stehe: "Mit entspanntem Gefühl feiern". Nur, so einfach geht das nicht. Nicht mehr. Reker weiß das, also rüstet Köln auf: 1400 Polizisten werden die Innenstadt sichern, hinzu kommen 124 Mitarbeiters des Ordnungsamts, 526 Feuerwehrleute und Rettungskräfte sowie 400 angeheuerte Sheriffs privater Sicherheitsfirmen. Außerdem sind Streetworker und Dolmetscher unterwegs. Die Polizei will überall sichtbar patrouillieren und "niederschwellig eingreifen", wie Polizeipräsident Uwe Jacob sagt. Das heißt: keine Toleranz. Fehler wie voriges Jahr, als die Polizei Hunderte junge Männer auf dem Bahnhofsvorplatz zusammenpferchte und obendrein fälschlich als "Nafris" (Nordafrikaner) identifizierte, will Jacob vermeiden: Kleine Gruppen dürften nicht zur großen, weil dann kritischen Masse werden.

Und das Feiern? Auf dem Roncalliplatz ertönen live alternativer Rock und elektronische Songs, ehe gegen 23 Uhr wieder der Chor Gospelcologne singt. Eine Lichtinstallation wirft dreidimensional "Wunsch und Wandel" auf Fassaden und Pflaster der strikt böllerfreien Domzone. Und für den rechten Spirit lässt Oberbürgermeisterin Reker 15 000 bunte Armbänder aus Silicon mit Kölns Silvestermotto 2017 verteilen: "Respect". Christian Wernicke

Frankfurt

Auch Frankfurt musste im Januar 2016 seine Kriminalitätsstatistik erweitern: Mehr als 60 sexuelle Übergriffe auf Frauen hatten die Beamten in der Silvesternacht gezählt, rund um den Eisernen Steg, die alte Fußgängerbrücke über den Main, Lieblingsort vieler Frankfurter und Touristen, die den Jahreswechsel im Freien erleben möchten. Die meisten Täter wurden nie ermittelt. Aber das Sicherheitskonzept wurde - auch infolge der Terroranschläge in anderen Städten - massiv verschärft. Vor allem am Mainufer, wo an Silvester zu Spitzenzeiten einst mehr als 100 000 Menschen feierten, wird das in diesem Jahr wieder zu spüren sein. Offizielle Großveranstaltungen im öffentlichen Raum gibt es in Frankfurt ohnehin nicht, nur das Ufer mit der Kulisse der im Feuerwerk erstrahlenden Bankenstadt, und drei gesperrte Brücken. Wer dort feiert, tut das vor den Augen der Staatsgewalt, die in Uniform und Zivil aufläuft. Im vergangenen Jahr hatte die Polizei 5000 Menschen auf den Brücken und am Flussufer gezählt - die Sicherheitszone aber war eigentlich für gut 30 000 Personen ausgelegt worden. Die Sehnsucht, Teil einer feiernden Menschenmasse zu sein, sie ist auch in Frankfurt spürbar zurückgegangen. Jan Willmroth

Nürnberg

Nürnberg ist die einzige deutsche Halbmillionenstadt mit einer mittelalterlichen Burg in ihrer Mitte, das macht Silvester zusätzlich besonders. Doch den Platz an der Burgbrüstung nutzten einst viele, um mit Böllern nach unten zu ballern. Seit 2001 ist Feuerwerk auf der Kaiserburg grundsätzlich verboten, auch wegen der Brandgefahr an einem mittelalterlichen Denkmal. Der Effekt freilich war übersichtlich. Vor zwei Jahren erweiterte die Stadt das Verbot deshalb aufs gesamte Areal rings um die Festung, nachdem es um Mitternacht immer wieder brenzlig zu werden drohte für Burg und Mensch. Dieses Jahr nun verschärft die Polizei ihre Kontrollen. Die Gassen sind eng auf dem Weg zur Burg, geplant sind dort Sperrgitter und Taschenkontrollen. Langweilig wird es Einsatzkräften in dieser Nacht ohnehin nicht, in Nürnberg aber hat die Polizei neben dem Burgschutz noch eine weitere Zusatzherausforderung zu bewältigen. Das "Silvestival" verspricht ein "Feuerwerk aus Musik und Neuem Zirkus". An elf Spielorten der Innenstadt spielen Akkordeonorchester, Jazz- und Performance-Gruppen. "Sämtliche Nürnberger Polizisten haben zum Jahreswechsel Urlaubssperre", sagt Polizeisprecherin Elke Schönwald. Olaf Przybilla

Berlin

Silvester ist der Termin, an dem die Stadt Berlin ihren Ruf als Partymetropole zu verteidigen hat. Am Brandenburger Tor etwa, wo wieder eine Million Leute aus aller Welt erwartet werden, wenn sich die Straße des 17. Juni in eine Mischung aus Jahrmarkt, Open-Air-Konzert und Fanmeile verwandelt. Aber auch überall sonst in der Stadt wird gefeiert, es gibt inzwischen sogar eigene Silvesterparty-Tickets, die nach dem Prinzip einer Hop-on-Hop-Off-Stadtrundfahrt funktioniert. Nur, dass man nicht bei den Sehenwürdigkeiten aus- und einsteigen kann, sondern bei verschiedenen Clubs. Auf den Ansturm haben sich auch die Sicherheitsbehörden eingestellt. Im vergangenen Jahr wurden nach dem Anschlag auf den Breitscheidplatz die Sicherheitsvorkehrungen hochgeschraubt, und auf diesem hohen Niveau werde man bleiben, heißt es bei der Berliner Polizei. Es sind mehr Einsatzkräfte unterwegs als in den Jahren zuvor, dazu werden flächendeckend Betonpoller aufgestellt und Videokameras eingesetzt. Dass die Berliner traditionellerweise kurz nach Weihnachten beginnen, in der Gegend herumzuknallen und Silvesterraketen abzuschießen, gerne auch auf Spielplätzen, Spazierwegen und in Menschenmengen, hat zumindest für Autofahrer ein Gutes: Einige Bezirke verschließen vom 27. Dezember an ihre Parkscheinautomaten. Diese werden nämlich jedes Jahr beschädigt, weil die Leute Kracher hineinstopfen. Verena Mayer

Hamburg

Silvester kann man im Norden noch als stille Nacht erleben. Überall dort, wo Reetdachhäuser stehen, ist die Knallerei verboten, weil Feuerwerkskörper diese zu leicht in Brand setzen könnten; auf Sylt zum Beispiel. Hamburg hingegen wird laut sein zum Jahreswechsel, und die Polizei ist gewappnet. Auch in der Hansestadt, genauer gesagt an der Reeperbahn, kam es an Silvester 2015 zu sexuellen Übergriffen. Schon im vorigen Jahr überarbeitete die Polizei deshalb ihr Einsatzkonzept. An besagter Reeperbahn etwa steigerte sie die Zahl der Beamten um 50 Prozent auf 530. Dabei bleibt es. Mit Beleuchtungsballons und mobilen Lichtmasten will sie die Dunkelheit vertreiben, in der Straftäter verschwinden könnten. Und sie arbeitet mehr denn je mit der Methode der Videoüberwachung, die in Hamburg lange umstritten war. Seit dieser Woche sind nicht nur auf die Reeperbahn Kameraaugen gerichtet, sondern auch auf den Jungfernstieg an der Binnenalster. Thomas Hahn

München

Was die Veranstalter des Münchner Clubs Backstage vom endenden Jahr halten, das bringen sie recht explizit zum Ausdruck: "Fuck off 2017" prangt auf den Plakaten ihrer Silvestersause, geschmückt von einer Faust, die einen nicht zufällig gewählten Finger steil emporreckt. Die Geister der Gegenwart einfach wegfeiern, mit ein paar Hellen fortspülen. Dazu wird Reggae aufgespielt, wie dieses Jahr in auffällig vielen Münchner Clubs. Ausdruck einer Sehnsucht nach love, peace and unity?

Entspannt wie ein Rastafari ist die Münchner Polizei jedenfalls nicht. Aufgrund der zurückliegenden Anschläge in Europa habe man die Sicherheitsmaßnahmen auch in diesem Jahr "punktuell verstärkt". Geschlossene Einheiten mit bis zu 50 Einsatzkräften pro Trupp werden in der Silvesternacht zusätzlich aufgeboten. Erstmals schützen wuchtige Pflanzentröge und Metallsperren die Weihnachtsmärkte vor Anschlägen mit Fahrzeugen, die Behörden sprechen von einer "erhöhten abstrakten Gefährdungslage". Sehr konkret hingegen sei die Gefahr durch Böller und Raketen. Die würden nämlich immer häufiger aus Gruppen heraus gezielt auf Unbeteiligte abgefeuert, warnt Polizeipräsident Hubertus Andrä. Vergangenes Silvester kam es deswegen zu brenzligen Situationen auf dem Marienplatz. Thomas Schmidt