Böllern an Silvester:Die Vernunft des Einzelnen reicht nicht

Nach Silvester - Stuttgart

Das Silvester-Feuerwerk verursacht nicht nur jede Menge Feinstaub, sondern auch Berge von Müll.

(Foto: Marijan Murat/picture alliance/dpa)

CDU-Politiker Amthor hält ein Böllerverbot für unnötig. Jeder Einzelne könne ja auf die Knallerei verzichten. Das ist naiv.

Kommentar von Jan Heidtmann

Der Jahreswechsel, er bahnt sich meist schon in den Tagen vor Silvester an: Immer wieder werden dann in gerade noch hörbarer Entfernung vereinzelte Böller gezündet, es ist die krachende Vorfreude auf den großen Knall ab Mitternacht. Erlaubt ist das nicht, und so gesehen gehört das Verbotene schon immer zum Silvesterritual, das davon lebt, die Grenzen zu sprengen. Zu trinken, zu feiern und eben auch ein großes Feuerwerk zu entzünden. Warum sollte man das verbieten?

Es ist ja ein schönes Ritual, geht es doch traditionell darum, mit den Böllern die bösen Geister und Dämonen zu vertreiben und das neue Jahr kraftvoll zu begrüßen. Doch inzwischen hat es sich weit von seinem Ursprung entfernt. Es ist zur Materialschlacht geworden, in der allein in Deutschland Feuerwerk im Wert von geschätzt 130 Millionen Euro in die Luft gesprengt wird.

In manchen Städten herrschen teils chaotische Zustände. In Berlin werden in Gegenden wie Wedding, Neukölln oder Marzahn regelmäßig Passanten mit Raketen beschossen, Polizisten und Feuerwehrleute angegriffen. Und nicht nur in München hantieren betrunkene Jugendliche mit Böllern von einer Größe, deren Handhabe schon im nüchternen Zustand brandgefährlich ist.

Man muss auch nicht der bisweilen etwas kleinkariert anmutende Chef der Deutschen Umwelthilfe sein, um sich Gedanken über die Folgen der Knallerei zu machen: die Müllberge am Tag danach wachsen Jahr für Jahr; die Menge an gesundheitsschädlichem Feinstaub, die in dieser einen Nacht freigesetzt wird, wird auf 5000 Tonnen geschätzt. Das wären dann gut 15 Prozent des Feinstaubs, den der gesamte Straßenverkehr in Deutschland in einem Jahr produziert.

Der CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor sagt zum Böllerverbot, dass ja jeder für sich auf das Feuerwerk verzichten könne, dafür brauche es nicht den Staat. Es ist ein schöner, aber leider naiver Glaube in die Vernunft des Einzelnen. Denn, um es etwas pathetisch zu sagen: Es scheinen zu Silvester inzwischen die bösen Geister oftmals eher befreit als vertrieben zu werden.

© SZ.de/olkl/cat
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