SilvesterFeuerwerk als Frustabbau

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Noch immer geben die Deutschen ein Mordsgeld für Heuler, Leuchtfontänen und Pyrosalven aus. Auch wenn die Feinstaub-Debatte anderes vermuten lässt, die Böllerei passt gut in die bis ins Alltagsdetail normierte Gesellschaft.

Kommentar von Martin Zips

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Die ganze Nacht über hatten 2000 Menschen mit Schlafsäcken, Campinggrills und sehr viel Alkohol vor der Feuerwerksfabrik ausgeharrt, dann war es endlich soweit: Der diesjährige Verkauf von Bodenfeuerwirbeln, Knallsternraketen und Leuchtbatterien mit Goldregen-Knistereffekt hatte begonnen. Dieser Werksverkauf einer sehr erfolgreichen Silvesterkracherfirma ist in Eitorf bei Bonn so eine Art kultureller Höhepunkt des Jahres. Von Jahr zu Jahr lockt er mehr Menschen an. Um möglichst früh an ihre Lieblingsböller zu kommen, haben manche sogar Wartezeiten von mehr als zwölf Stunden in Kauf genommen.

Auf der einen Seite also ein Mordsgeld für Heuler, Leuchtfontänen und Pyrosalven (die Branche rechnet insgesamt wieder mit einem Umsatz von gut 140 Millionen Euro in Deutschland) - auf der anderen Seite politische Feinstaubdebatten, regionale Dieselverbote und Innenstadtschutzzonen zur Protektion von Mensch und Dachgestühl: Wie, bitte, geht das zusammen?

Einerseits muss sich der Deutsche ja dafür rechtfertigen, dass er zum Beispiel noch Rinderschnitzel isst, Wattestäbchen aus Plastik benutzt, so simpel wie ein Mann denkt und ohne Fahrradhelm zur Arbeit fährt. Andererseits fühlt er sich beinahe schon ausgegrenzt, wenn er Weihnachten nicht mit blinkendem Rentier-Geweih auf dem Kopf verbringt, an "Halloween" einfach mal nur das Grab seiner Großeltern besucht und an Silvester auch ohne 43-Schuss-Stufenbatterie mit 45 Metern Effekthöhe glücklich werden kann. Zum Beispiel mit einer guten Flasche Wein (Alkohol!), einer Playlist mit sehr bösen Songs von Randy Newman (diskriminierend!) und einer herrlichen Tabakspfeife (Krebs!). Geht alles gar nicht mehr, da es nicht der Norm entspricht.

Schon im Mittelalter wurden mit Schwarzpulver rauschende Feste gefeiert

Doch Vorsicht! Vom höchsten Ordnungssinn zur Pedanterie ist es, folgt man dem Dichter Christian Morgenstern, nur ein sehr kleiner Schritt. Außerdem: Eine geradezu pedantische, subtil bis ins letzte Alltagsdetail grundnormierte, fast vollständig instagramisierte, aber äußerlich noch einigermaßen kontrolliert wirkende Gesellschaft sowie Tausende, die nachts vor einer Feuerwerksfabrik auf ihre Lieblingskracher warten - das muss gar kein Widerspruch sein.

Seit Menschengedenken steht Feuer für die - zumindest im ausreichenden Abstand - lebensspendende Kraft der Sonne. Und schon im frühen Mittelalter wurden in China und später Italien und Japan mit Schwarzpulver rauschende Feste gefeiert sowie mutmaßlich böse Geister vertrieben. Und heute? Heute benutzen die Leute "Feuerwerk als Ventil für ihren innerhalb des Jahres aufgestauten Frust". So hat es der Direktor einer großen deutschen Feuerwerksfabrik mal in einem Interview formuliert.

Na, da muss man am Ende schon fast froh darüber sein, dass es letztlich nur Knallerbsen sind, für die die Menschen so ihr Geld ausgeben. Guten Rutsch!

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