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Siegburg:Wenn eine ganze Straße wegbrennt

Nach dem Feuer kam der Regen: Wer für die Schäden des Siedlungsbrandes an der ICE-Strecke aufkommt, ist noch völlig offen.

(Foto: Michael Gottschalk/AFP)

Anfangs ist es nur ein kleiner Brand an einem Bahndamm, doch das Feuer greift rasend schnell auf die Häuser über. Am Tag nach dem Unglück riecht es an der ICE-Strecke zwischen Köln und Frankfurt noch immer nach Feuer - und die Brandursache zu klären, wird kompliziert.

Andreas Buchmüller steht vor den Trümmern seines ausgebrannten Doppelhauses, das er vor 20 Jahren gebaut hat. Der Familienvater wohnt in der linken Hälfte, neben der steilen Böschung, die zu den Bahngleisen abfällt. Sein Schwager wohnt in der rechten Hälfte des Klinkerhauses. Doch nun sind vom Dach fast nur noch verkohlte Balken übrig. Die Fensterrahmen sind schwarz, die drei Autos der Familie stehen ausgebrannt im Hof. Der Holzzaun zur Bahn hin ist niedergebrannt. "Ich bin einfach froh, dass hier niemand zu Schaden gekommen ist", sagt Buchmüller.

In Siegburg bei Bonn haben sich am Dienstagnachmittag Szenen abgespielt, wie man sie bislang allenfalls aus Südeuropa kannte: Ein kleiner Brand in der staubtrockenen Böschung an der ICE-Strecke von Köln nach Frankfurt sprang in Windeseile auf eine Häuserreihe über. "Aufgrund der Trockenheit ging es rasend schnell", teilt die Stadt mit, "der Wind verschlimmerte die Sache." Das Feuer hat neun Häuser zerstört, denen nun der Abriss droht. 32 Menschen wurden verletzt.

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Die Ursache des Brandes an der wichtigen Trasse zwischen Köln und Frankfurt ist weiterhin unklar. 32 Menschen wurden dabei verletzt.

Als das Feuer ausbrach, saß Buchmüller im Erdgeschoss. Die Rollläden hatte er heruntergelassen, damit es nicht zu warm wird an diesem heißesten Tag des Jahres. Dann alarmierte ihn seine Schwägerin; in der Böschung brenne es. Buchmüller rettete seinen schlafenden Enkel aus dem Obergeschoss, als die Flammen schon dem Haus näher rückten. Mit dem Gartenschlauch habe er noch versucht zu löschen, erzählt der 47-Jährige. "Dann habe ich schnell gesehen: Ich bin machtlos." Der Nachbarsjunge hat noch rechtzeitig Buchmüllers Tochter aus dem Keller geholt.

Mehr als 500 Einsatzkräfte aus den umliegenden Orten hatten das Feuer erst nach mehreren Stunden unter Kontrolle. Bis in die Morgenstunden hielt die Feuerwehr Wache am Brückberg, einem Viertel mit vielen Einfamilien- und Doppelhäusern. Und Vorgärten mit trockenen Wiesen.

Schäden behoben, ICE-Strecke wieder befahrbar

Die Brandursache war am Mittwoch noch unklar. Das Polizeipräsidium Köln hat eine Ermittlungsgruppe gegründet; das Landeskriminalamt unterstützt die Beamten. Sie sollen herausfinden, wie das ursprüngliche Feuer auf der anderen Seite der Bahnstrecke entstanden ist. Von dort hatte ein kräftiger Wind die Glut über die Schienen geweht, die Böschung und schließlich die Häuser entzündet. Erste Zeugenaussagen seien uneinheitlich und widersprüchlich, sagt ein Polizeisprecher. "Wir können zum gegenwärtigen Zeitpunkt selbst Brandstiftung nicht ausschließen." Auch aus Sicht der Deutschen Bahn ist der Auslöser des Brandes völlig offen. "Spekulationen sind verfrüht", sagt ein Unternehmenssprecher. Die Stadt Siegburg mutmaßte zunächst, dass ein vorbeifahrender Zug Funken geschlagen und die Flammen entfacht haben könnte. Später betonte die Stadt, dass auch andere Ursachen möglich seien. Dass ein paar Büsche an der viel befahrenen Bahnstrecke brannten, sei vor ein paar Jahren schon mal vorgekommen, erinnert sich Hausbesitzer Buchmüller. Auch zurückgeschnitten wurden sie schon mal. Doch dass Funken sein ganzes Haus in Flammen setzen könnten, diese Sorge hatte er noch nie - bis zu diesem Dienstag.

In der Nacht zu Mittwoch hat die Deutsche Bahn die Schäden an der wichtigen Schnellfahrstrecke behoben. Seit dem frühen Morgen konnten zumindest ICEs die Gleise wieder befahren. Die Böschung sieht über einige Hundert Meter rabenschwarz aus, viele Bäume sind umgestürzt. Bahnmitarbeiter sichern am Nachmittag die Gleise der S-Bahnen und Regionalzüge, die direkt neben der ICE-Strecke verläuft. Am Freitagmorgen will die Bahn die Gleise wieder für den Regionalverkehr freigeben.

Bis dahin müssen Bahnpendler zwischen Siegburg und Köln auf Taxis und Busse ausweichen. In der Nacht zu Mittwoch hat es an Rhein und Sieg geregnet, so kräftig wie seit Wochen nicht mehr. Der Vormittag ist der kühlste seit Tagen, nur knapp über 20 Grad. Das erleichtert den Rettungskräften die Arbeit: Neue Feuer können hier nun nicht mehr ausbrechen. Doch in der Siedlung riecht es noch immer verbrannt. Polizisten mit Helm und Schutzkleidung ermitteln in den Brandruinen. Verbrannte Ziegelteile liegen vor den Häusern. Die Tür eines Backsteinhauses steht offen, das Treppenhaus liegt in Schutt und Asche. Aus dem Nachbarhaus wehen verbrannte Gardinen aus dem offenen Fenster. Garagendächer in den Hinterhöfen sind eingestürzt, die Tore niedergebrannt. Andreas Buchmüller hat die Nacht bei seiner Tochter verbracht. Er trägt ein weißes Shirt, das sein Schwiegersohn ihm geliehen hat. Aus dem brennenden Haus konnte der Familienvater nichts mehr retten. Buchmüller hat den Schaden nun seiner Versicherung gemeldet. Ob er jemals wieder in sein Klinkerhaus wird einziehen können, weiß der 47-Jährige noch nicht.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul hat schnelle und unbürokratische Hilfe für die betroffenen Familien angekündigt. "Die entscheidende Frage wird sein: Wie viel kann man von den Häusern retten?" Für den Fall, dass Versicherungen die Schäden erst spät oder nur teilweise kompensieren, will die Kreissparkasse nun einen Fonds auflegen, um die Haushalte zu unterstützen. Auch die Deutsche Bahn will eine halbe Million Euro Soforthilfe bereitstellen. "Meine Güte", sagt Minister Reul, als er den Brandort am Mittwoch besucht. "Ich habe so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen, dass eine ganze Straße praktisch weggebrannt ist."

© SZ vom 09.08.2018
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