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Sicherheit an Flughäfen:"Es liegt nicht am System. Es liegt am Faktor Mensch"

Flughafen Frankfurt nach Sicherheitsvorfall teilweise geräumt

Chaos am Flughafen Frankfurt: Dort wurde ein Abfertigungsgebäude am Montag teilweise geräumt.

(Foto: dpa)

München, Frankfurt und jetzt Bremen - drei Vorfälle an deutschen Flughäfen innerhalb weniger Tage. Der Chef des Flughafenverbandes sieht das Problem bei der Bundespolizei, die das Kontrollpersonal beauftragt.

Interview von Marie Schiller

Der Flughafen in München Ende Juli, der Flughafen in Frankfurt am Dienstag und am Mittwoch vielleicht auch der Flughafen in Bremen. Reisende gelangen ohne Kontrolle hinter den Sicherheitsbereich. Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, erklärt, warum die deutschen Flughäfen trotzdem sicher sind.

SZ: Herr Beisel, nach den drei Vorfällen auf den Flughäfen München, Frankfurt und Bremen, müssen deutsche Urlauber jetzt Sicherheitsbedenken haben?

Ralph Beisel: Zu 100 Prozent nein. Definitiv nicht.

Aber was haben die Pannen bei den Sicherheitskontrollen zu bedeuten?

Wir haben ganz klare EU- und nationale Vorschriften, wie Luftsicherheitskontrollen abzulaufen haben. Das, was wir gesehen haben am Flughafen München und das, was wir gestern gesehen haben am Flughafen Frankfurt, darf einfach nicht passieren.

Aber es ist ja trotz Vorschriften passiert.

Das ist auf ein individuelles Fehlerverhalten von einzelnen Mitarbeitern zurückzuführen. Es darf nicht passieren, aber es ist auch menschlich. Es ist mehr als ärgerlich, gerade während der Reisezeit. Die Luftsicherheitskontrollen an den deutschen Flughäfen unterliegen aber Inspektionen von zwei Parteien: der EU-Kommission und national durch den Bund. Sollte es Vorfälle geben, wo nachzuarbeiten ist, wird das sofort durch die zuständigen Behörden eingeleitet.

Würde mehr Sicherheitspersonal helfen, solche Fehler zu vermeiden?

Es gibt Spitzenzeiten - in den Morgen- und Abendstunden und auch saisonale Spitzenzeiten zu Beginn und Ende der Ferien oder, wenn in einer Großstadt eine Messe stattfindet. Aber genau auf solche Situationen ist das Kontrollpersonal trainiert. Wenn ein Mitarbeiter überlastet oder aus irgendwelchen Gründen unpässlich ist, dann darf er eine Kontrolle nicht durchführen. Es liegt nicht am System. Es liegt am Faktor Mensch.

Wie sieht das denn derzeit mit dem Personal zu Spitzenzeiten aus?

Das Problem ist die richtige Disposition des Kontrollpersonals. Das liegt in der Hand der Bundespolizei, die private Sicherheitsfirmen beauftragt. Die Firmen stellen nicht immer genug Personal zur Verfügung. Wir als deutsche Flughäfen sind nicht beteiligt, obwohl wir über das Erfahrungswissen verfügen, wie man im Luftverkehr Dispositionen macht. Deshalb würden wir diese Aufgabe an den großen Flughäfen gern übernehmen.

Waren das Einzelfälle oder ist damit öfter zu rechnen?

Sie haben in Deutschland im Jahr etwa 90 Millionen Passagiere, die durch die Luftsicherheitskontrollen gehen und von den Luftsicherheitsassistenten kontrolliert werden. Wir hatten zwei Vorfälle in den vergangenen zwei Wochen und davor keinen einzigen.

Naja, drei Fälle, wenn man Bremen mitzählt.

Den Vorfall von Bremen kann ich noch nicht kommentieren, weil ich dort weder von den Behörden noch von den Flughäfen irgendeine Einschätzung habe.

Müsste man die Architektur der Sicherheitsbereiche an den zunehmenden Flugverkehr anpassen?

Unsere Bereiche der Passagier- und Gepäckkontrollen entsprechen ganz klar EU-Standards, wenn es um Sicherheit geht. "Safety First" ist immer die oberste Maxime im Luftverkehr. Wir sehen noch Potenzial, die Kontrollen passagierfreundlicher, effektiver und schneller zu gestalten. Da gibt es Vorbilder aus dem Ausland. Zum Beispiel können Passagiere, die nur eine Handtasche haben, an denen vorbei gehen, die ihre Taschen ausräumen müssen.

Gibt es auch neue Techniken, die man in Deutschland bei Kontrollen einsetzen könnte?

Wir können uns vorstellen, dass wir neue Technologien, die schon eine EU-Zertifizierung haben, auch in Deutschland in den Probebetrieb übernehmen. Ein Beispiel: Es gibt bereits Kontrollgeräte, die es dem Passagier ermöglichen, in seinem Handgepäckstück sowohl den Laptop als auch die Flüssigkeiten zu belassen. Diese Geräte werden in einigen Flughäfen in Europa getestet, zum Beispiel in Genf. Wer die Schweizer kennt, der weiß, dort gelten keine laxen Sicherheitsvorschriften.

Wie stehen die Sicherheitskontrollen an deutschen Flughäfen im internationalen Vergleich da?

In punkto Sicherheit sind wir in Europa auf einem einheitlichen Standard. Ich würde mir aber wünschen, dass wir in Deutschland aufholen beim Kriterium schnellerer Durchsatz, sprich geringere Wartezeiten und höhere Passagierfreundlichkeit. Im Flughafen Amsterdam werden pro Kontrollspur und Stunde deutlich mehr Passagiere abgefertigt, als es an der deutschen Passagier- und Handgepäckkontrollstelle der Fall ist.

© SZ vom 09.08.2018/olkl
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